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Die fetten Jahre sind vorbei: Der Spatz, der Krümel vom Teller klaut, wird deshalb auch Brezndieb genannt.     

Die Spatzen pfeifen aus dem letzten Loch

München - Der Landesbund für Vogelschutz schlägt Alarm: Altbausanierung bedroht den Spatz - auch bekannt als „Brezndieb“ - und den Mauersegler.

Er ähnelt der Schwalbe und seine Ankunft kündet vom nahenden Sommer: der Mauersegler. Immer öfter steht er vor verschlossenem Nest, wenn er aus dem afrikanischen Winterurlaub in sein Münchner Sommerquartier zurückfliegt: Bei energetischen Altbau-Sanierungen werden Nischen unterm Dach und an der Fassade abgedichtet. Laut Landesbund für Vogelschutz leben daher nur noch 5000 Mauersegler-Paare in München.

Ähnlich kritisch steht’s um die Münchner Spatzen: „In vielen Vierteln ist kein Spatz mehr zu hören“, sagt Sylvia Weber vom Landesbund für Vogelschutz. Denn der Spatz stellt an den Brutplatz noch höhere Ansprüche als der Mauersegler. Er entfernt sich nie weiter als 500 Meter von seinem Nest. Insekten für seine Jungen und Gehölz müssen deshalb in unmittelbarer Nähe sein. Hat der Spatz einmal einen Nistplatz gefunden, bleibt er ihm lebenslang treu - wie seinem Partner. Jungvögel siedeln sich im Umkreis von ein bis zwei Kilometern um ihren Geburtsort an.

Nicht nur die energetische Sanierung von Altbauten macht diesen Lebensraum kaputt - jeden Tag wird in München eine Fläche von etwa 1500 Quadratmetern zugebaut. Eigentlich keine schlechte Voraussetzung für Mauersegler und Spatzen, die zu den „Kulturfolgern“ zählen: Arten, die sich vor Jahrhunderten dem Menschen angeschlossen haben und dessen Bauten zum Nisten brauchen. Doch an modernen Häusern mit Wärmedämmung und glatten Fassaden können die Vögel keine Brutplätze einrichten. Da hilft es nicht, dass die Tiere unter gesetzlichem Schutz stehen.

Dabei wäre der Konflikt zwischen Klima- und Vogelschutz vermeidbar: „Es ist einfach Unwissenheit, wenn Hausbesitzer bei der Sanierung ein Nest zerstören oder Architekten beim Bau kein Quartier für Vögel vorsehen“, sagt Heinz Sedlmeier vom LBV. Für Mauersegler gibt es zum Beispiel Niststeine, die sich - je nach Dicke der Wärmedämmung - ganz oder teilweise in die Fassade integrieren lassen. Auch den Spatzen wäre relativ leicht zu helfen: Wer Grünanlagen in Neubausiedlungen plant, sollte heimische Hölzer anpflanzen statt etwa Rhododendren, die den Spatzen keine Nahrung liefern.

Während der Sanierung des Rathausturmes 2007 ließ man den Mauerseglern eine Einflugschneise im Gerüst: Immerhin 15 Mauersegler-Paare leben dort noch. Eigentlich zu wenig für die geselligen Kolonie-Vögel, die tausende Artgenossen brauchen. Spatzen leben noch im alten Elefantenhaus des Tierparks Hellabrunn. Die letzte Spatzenkolonie innerhalb der Altstadt befand sich auf dem Marienhof - und fiel den Grabungen im Zuge der Planungen zur zweiten S-Bahn-Stammstrecke zum Opfer. Während Berlin mit seinem Altbaubestand „Hauptstadt der Spatzen“ ist, wo auf eine zehn Hektar große Fläche etwa 14 Spatzen-Paare kommen, ergeben sich für eine gleich große Fläche in Bogenhausen nur zwei Spatzenpaare.

Bettina Stuhlweissenburg

Kostenlose Beratung

für Bauherren bietet der LBV in der Klenzestraße 37. Dort gibt es auch die kostenlosen Ratgeber zum Artenschutz an Gebäuden: „Spatzenfibel“ und „Mauersegler-Baubuch“. Telefon: 089/200 27 06.

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