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Daheim: Maria Härter zeigt Kinderfotos ihres schwerbehinderten Sohnes Roland und ein Bild ihrer einzigen Tochter.

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Spendenaktion: Altersarmut – aus Liebe zum Kind

18 Jahre lang pflegt Maria Härter, 73, ihren schwerbehinderten Sohn – bis zu seinem Tod. Nebenbei kümmert sie sich um ihre zwei anderen Kinder und schmeißt den Haushalt. Weil sie ihren Job dafür aufgeben muss, wird sie jetzt bestraft: mit einer Mini-Rente. Eine rührende Geschichte über Altersarmut zum 1. Advent.

München – Wenn Maria Härter von der Geburt ihres zweiten Sohnes spricht, erzählt sie jedes kleinste Detail. Minutiös zeichnet sie dann die Stunden des 13. und 14. Januar 1967 nach. Sie erinnert sich an die Entfernung von ihrem Wohnort zum Krankenhaus – 5 Kilometer; an die Höhe des Schnees – einen guten Meter; an den Wochentag – ein Samstag. Alles rund um die Geburt ihres Sohnes hat sich in Härters Gedächtnis gebrannt. Denn mit dieser Geburt wurde Härters Leben nicht nur um einen Menschen reicher. Es wurde auch schwerer, viel schwerer.

In ihrer Schwangerschaft war sich Härter noch sicher, dass der kleine Roland ein besonders kräftiger Bub werden würde: Die Vorsorgeuntersuchungen seien alle gut ausgefallen; der Kleine habe sich immer viel bewegt im Bauch. „Der wird mir direkt nach der Geburt wegrennen, so wie der strampelt“, habe sie scherzhaft zu ihren Freundinnen gesagt.

Es kam ganz anders.

Roland wurde durch die Geburt zu einem Pflegefall. Er lernte nie zu laufen. Er erblindete. Und verlor die meisten seiner Reflexe.

Als Härter am 13. Januar mit Wehen im Krankenhaus ankommt, sind die Ärzte noch im Weihnachtsurlaub. Eine junge Hebamme kümmert sich um sie – „die arbeitete erst seit ein paar Wochen dort, hat sich aber trotzdem sehr bemüht“. Als die Geburt losgeht, versucht die Hebamme immer wieder, einen Arzt zu erreichen – ohne Erfolg. Zu Beginn gibt es keine Komplikationen, doch dann, als das Köpfchen von Roland schon zu sehen ist, gerät die Geburt plötzlich ins Stocken. „Es war klar, dass das Kind schnell mit der Zange oder der Glocke geholt werden muss. Doch das durfte die Hebamme nicht – und so versuchte sie erneut, einen Arzt dazuzurufen“, erzählt Härter. Sie spricht langsam, ihre Stimme ist ruhig.

Der Chefarzt sagt, das Baby werde nicht lange überleben

Irgendwann erreicht sie den Chefarzt; es dauert, bis er im Kreißsaal ankommt, denn er muss sich wegen des hohen Schnees zu Fuß auf den Weg machen. In der Zwischenzeit geht es Mutter und Kind immer schlechter: Roland droht ein Sauerstoffmangel, deshalb versucht die Hebamme alles, damit das Kind rauskommt – sie schmeißt sich sogar auf den Bauch der Schwangeren. Kurz darauf reißt Härters Gebärmutter, sie selbst wird ohnmächtig. Als sie wieder zu sich kommt, stehen mehrere Ärzte um sie herum. Sie erfährt: Man habe ihren Sohn mit der Zange geholt und direkt ins Intensivzimmer gebracht. Dann sei sie selbst operiert worden – es dauert zwei Tage, bis die Mutter ihr Kind zum ersten Mal auf den Arm nehmen darf.

Ein Herz und eine Seele: Roland mit dem älteren Bruder. Sie wurden beide im gleichen Krankenhaus entbunden.

Der Chefarzt sagt, das Baby werde nicht lange überleben: Die meisten Gehirnzellen seien abgestorben; die Ärzte hätten das Kind nottaufen lassen. Danach soll Härter Milch abpumpen für den Säugling.

„Ich musste von heute auf morgen lernen, mit dieser Situation umzugehen. Niemand hat mir gesagt, was ich tun soll – und der Kleine hat immer nur gewimmert“, erzählt sie. Zwei Monate müssen Mutter und Kind im Krankenhaus bleiben, dann werden sie entlassen.

Roland hat mehrfache Behinderungen. Dass er zeitlebens eine „Rundumbetreuung“ brauchen würde, steht von Anfang an fest. „Die meisten Leute haben mir geraten, ihn in ein Heim zu geben“, sagt Härter. „Aber was kann denn das arme Kind dafür, dass es so eine schreckliche Geburt hatte?“ Jetzt spricht sie schneller, ihre Stimme wird lauter, höher.

Bei einer Geburtstagsfeier: Den 60. ihres ältesten Bruders feierte Maria Härter samt der ganzen Familie in Kärnten. Für sie sind das sehr wertvolle Stunden zum Krafttanken.

Härter entscheidet sich dafür, dass ihr Sohn bei ihr aufwachsen soll. Sie krempelt ihr Leben komplett um: den Halbtagsjob als Zeitungsausträgerin gibt sie auf, kümmert sich fortan nur noch um Roland: sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. 18 Jahre lang – bis zu seinem Tod. Anders geht es nicht.

Sie wickelt und wäscht ihn jeden Morgen, sie püriert ihm das Essen, füttert ihn. „Kartoffeln, Karotten und Leberwurst hat er besonders gemocht“, erzählt sie. „Und wenn ich mit ihm geredet habe, hat er oft gelächelt.“ Nachts steht sie für ihn auf, weil er immer wieder weint.

Maria Härter (mit langem Rock in der Mitte) auf einem Foto mit ihren Schwestern. Familie ist für sie wichtig.

Zwei Jahre nach Rolands Geburt bekommt Härter ihr drittes Kind, eine Tochter. Eigentlich sei sie da schon an ihrer Belastungsgrenze gewesen, erzählt sie – doch sie habe sich so sehr über die Kleine gefreut. „Ich habe gedacht: Wenn das Schicksal das so will, dann soll es so sein!“

Mit einem Kind mehr im Haus wird der Alltag noch stressiger. Morgens steht Härter sehr früh auf, um erst Roland zu wickeln – und dann ihre beiden anderen Kinder zu versorgen. Wenn sie den Älteren und die Jüngere in die Schule oder nachmittags zum Fußball bringt, nimmt sie Roland im Rollstuhl mit. Nebenbei macht sie die Wäsche, kauft ein, putzt, kocht.

Roland starb an einer Lungenentzündung

Härters Mann unterstützt seine Frau nicht. Nach der Arbeit sei er lieber in einer Wirtschaft verschwunden, als nach Hause zu kommen, erzählt sie.

Roland stirbt kurz nach seinem 18. Geburtstag: an einer Lungenentzündung. Da Roland ein schwaches Immunsystem hatte, wurden aus kleinen Infekten immer häufiger langwierige Krankheiten. In all der Zeit muss Härter auch oft mit ihm zu Ärzten fahren, denn durch die Medikamente, die er bekommt, verengt sich sein Magen – und irgendwann kann er nur noch über eine Sonde ernährt werden.

Sohn Roland als Kind im Sommer auf dem Balkon.

Rund fünf Jahre vor Rolands Tod zerbricht auch Härters Ehe; damit ist letztlich auch ihre Altersvorsorge weg. Nach dem Tod des gemeinsamen Kindes zieht sie aus dem Haus der Familie aus. „Ich habe danach angefangen, im Schichtbetrieb zu arbeiten“, erzählt sie. „Aber mit 54 Jahren wird man nicht mehr gut bezahlt.“

Heute bekommt sie eine Mini-Rente und wird vom Verein Lichtblick Seniorenhilfe unterstützt, der älteren Menschen in Not aus Bayern hilft. Sonst würde sie nicht über die Runden kommen. „Ein Leben lang habe ich mich aufgeopfert – und jetzt werde ich dafür auch noch bestraft“, sagt sie. „Es gibt so viele Ungerechtigkeiten.“

Dann schweigt Härter.

EMILY WILKE

Adventskalender mit Geschichten von bedürftigen Rentnern

Ab Montag lesen Sie Teil 2 unseres „Adventskalenders“. Bis zum 24. Dezember erzählen wir Ihnen die Geschichten von bedürftigen Rentnern.

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