+
Der frühere BND-Mitarbeiter Markus R.

Neuer Verhandlungstag in Spitzel-Skandal

Prozess wegen Landesverrats: Er war Spion aus Langeweile

  • schließen

München - Es ist einer der größten Spitzel-Skandale der Nachkriegszeit: Markus R. arbeitete für den BND – und spionierte ihn für die USA aus. In seinem Prozess wird klarer, warum er Landesverrat beging – aus Langeweile und der Gier nach Anerkennung.

Wenn Markus R., der Bürokaufmann aus München-Solln, früh am Morgen durch das Tor zum Gelände des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, Kreis München, schritt, dann passierte etwas mit ihm. Markus R., 32, hohe Stirn, unauffällige Brille, wurde ein anderer. Er hieß jetzt Leutasch mit Nachnamen, ein Deckname. Keiner seiner knapp 3000 Kollegen wusste, wie er wirklich heißt. Und er fühlte sich auch wie ein anderer Mensch. Er, Typ Normalo, kam sich ein bisschen vor wie Daniel Craig in den James-Bond-Filmen. Wie ein Agent, ein Super-Agent.

Doch der Traum platzte, sobald Markus R. an seinem Arbeitsplatz, in der Registratur, ankam. Post stempeln, Post verteilen, das war’s. Ein langweiliger Job für einen schüchternen, zurückgezogenen Kollegen, der nie ein Wort zu viel sagte – bis er glaubte, sein ödes Leben umkrempeln zu müssen. Und so begann die Geschichte, in der Markus R. erst zum Doppelagenten, und dann zum Angeklagten wurde. Angeklagt wegen Landesverrats. Seit November wird ihm vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gemacht, weil er geheime Unterlagen an den amerikanischen Geheimdienst weitergegeben hat. Wie wurde aus Markus R. der Spion, der Staatsfeind? Wie wurde aus Markus R. der Mann, über dessen Geschichte das Internet-Lexikon Wikipedia schreibt, es sei der bisher größte Skandal um einen deutsch-amerikanischen Agenten seit der Nachkriegszeit?

Im Jahr 2008 schreibt Markus R. einen Brief an den US-Geheimdienst CIA, unaufgefordert. Er bietet geheime Unterlagen an. Die Amerikaner und der Deutsche kommen ins Geschäft. Knapp sieben Jahre lang arbeitet Markus R. für die CIA, er liefert fleißig geheime Dokumente, gespeichert auf USB-Sticks – nur als ihn die Amerikaner nach Wien einladen, ins europäische Geheimdienst-Hauptquartier der USA, kneift er. Doch erst als er gefasst wird, Zeitungen in ganz Deutschland seine unglaubliche Geschichte erzählen, dürfte er kapiert haben, welchen Mist er gebaut hat. Und dass auf Landesverrat lebenslange Haft droht.

Landesverrat. Das erfordert beim Prozess am Oberlandesgericht strengste Sicherheitsauflagen. Kugelschreiber sind als Schreibgeräte verboten – damit niemand heimlich mitschneidet mit einem manipulierten Stift in James-Bond-Manier. Erlaubt sind nur Bleistifte, die nicht mal selber gespitzt werden dürfen. Und so kommt es zu einer Kuriosität: Vor dem Sitzungssaal sitzt eine nette Justizbeamtin mit einem Spitzer. Freundlich und geduldig kontrolliert sie alles und jeden, der zum Prozess will, sie regelt den Besucherandrang und spitzt auf Wunsch Bleistifte. An ruhigeren Prozesstagen – von einigen Sitzungsterminen war die Öffentlichkeit zuletzt ausgeschlossen – stopft sie auch mal die aufgerissene Naht eines Wachtmeister-Pullis. „Die Grünen müssen noch halten, bis die blauen Uniformen da sind“, sagt sie mütterlich. Stellt man sich so einen Spionage-Prozess vor? Und: Stellt man sich einen Spion vor wie Markus R.?

Markus R. hat umfassendes Geständnis abgelegt

Dass er für die Amerikaner seinen Arbeitgeber ausspioniert hat, steht außer Frage. Im Sitzungssaal B 275 des Justizpalastes hat er schon zum Prozessauftakt ein umfassendes Geständnis abgelegt. Schüchtern lächelnd setzte er sich auf seinen Platz, sein Kopf sank zwischen die Schultern, die Unterarme stützte er mit verschränkten Fingern auf die Anklagebank. Leise und langsam antwortete er auf die Fragen des Vorsitzenden Richters Reinhold Baier. Er ist stets höflich, wirkt freundlich, aber auch empathielos. Die Bundesanwälte Wolfgang Siegmund und Frank Struppi haben im Verlauf des Verfahrens vergeblich nach handfesten Beweggründen wie zum Beispiel Geldgier gesucht. Politische Motive hatte R. ebenfalls nicht. Ihn trieben Frust, Unterschätzung, Nervenkitzel und ein wenig Abenteuerlust an. Über die Dokumente, die er aus dem BND-Gelände in Pullach schmuggelte, dachte R. nicht weiter nach. „Und was bedeutete dann Nervenkitzel“, fragte Bundesanwalt Siegmund den Angeklagten einmal. „Dass es verboten war“, erwiderte der.

200 Dokumente liefert er den Amerikanern im Lauf der Jahre – „Verratsmaterial“ heißt das im Juristendeutsch. Darunter auch echte Schmankerl wie beispielsweise das Protokoll eines Telefonats zwischen US-Außenministerin Hillary Clinton und Kofi Annan, dem früheren Generalsekretär der Vereinten Nationen. In den meisten Akten geht es um Aufbau und Arbeitsweise der BND-Abteilung „Einsatzgebiete/Auslandsbeziehungen“. Ein Dokument hat auch den Untersuchungsausschuss zur NSA-Affäre im Bundestag zum Thema. Es beweist, dass die USA ganz bewusst auch den deutschen Geheimdienst ausspionierten. Der Satz der Bundeskanzlerin vom Oktober 2013 „Ausspähen unter Freunden – das geht gar nicht“ bekam eine neue Note. Der Repräsentant der US-Geheimdienste in Deutschland wurde zur Ausreise aufgefordert. Und: Die Deutschen scheuten sich offenbar selbst nicht, vertrauliche Kanäle anzuzapfen, um etwas über die Amerikaner zu erfahren – auch das beweist das Material, das Markus R. weitergab. Die Brisanz will er nicht erkannt haben.

Er freut sich all die Jahre einfach über das Geld, das er für seine Dienste bekommt, das hat er im Prozess erzählt. 95 000 Euro kassiert er von Januar 2008 bis Dezember 2014. Ein besonderes Abenteuer sind für ihn die Geldübergaben. Tote Briefkästen, ausgehöhlte Steinattrappen, versteckt in Salzburg, Linz und Wien befeuern seine Phantasien, ein Top-Agent zu sein. Und das lässt sein Selbstbewusstsein wachsen.

Über das Internet findet der sonst so schüchterne Mann eine Freundin. Als er sich vorstellt, prahlt R. damit, ein wichtiger Nachrichten-Offizier zu sein. Für das, was sich bislang nur in seinem Kopf-Kino abspielt, hat er endlich Publikum. Er behauptet, in Russland ausgebildet worden zu sein und gefährliche Einsätze in Afghanistan und Afrika überstanden zu haben, inklusive Selbstmordattentaten. Er lässt vereinbarte Treffen mit seiner Herzensdame platzen, weil er angeblich Berichte über Einsätze schreiben muss, die es natürlich nie gegeben hat. Allenfalls fährt er mit dem Zug nach Salzburg, um seinen Lohn abzuholen.

Der Vater in Chemnitz soll auf Teil seines Spionagelohns aufpassen

Bei einem seiner geheimen Ausflüge wird er auf der Rückfahrt kontrolliert, im Gepäck eine hübsche Summe Geld – im Prozess schildert er höllische Ängste, die er durchstehen muss. Als ihm daraufhin die Amerikaner anbieten, ein Konto anzulegen, lehnt er ab. R. weiß, dass er über Bankgeschäfte auffliegen kann. Deshalb bringt er einen Teil seines Spionagelohns zu seinem Vater nach Chemnitz. Der zahlt das Geld bar auf verschiedene Konten seines Sohnes ein – stets unterhalb der Schwelle, ab der ein Geldinstitut eine Anzeige wegen Schwarzgeldverdachts stellen muss.

Von seinem Lohn bestellt er sich im Internet Spionage-Literatur, so nährt er seine Tagträume, in denen er Top-Agent ist. Er kauft sich auch ein Notstromaggregat, ein Nachtsichtgerät, einen Geldscheinprüfer und einen falschen Oberlippenbart. Dazu Alkohol, Zigarren, Waffen und Uniformen. Markus R. scheint in diesen Momenten getrieben zu sein von dem Wunsch, einen Adler zu sehen, wenn er als Spatz in den Spiegel schaut.

Vermutlich liegt die Ursache seiner Persönlichkeitsveränderung in seiner Kindheit. Als Zweijähriger erleidet Markus R. einen Impfschaden, verbringt zwei Jahre im Krankenhaus. Er wächst als behütetes Nesthäkchen mit zwei Schwestern auf, die 10 und 14 Jahre älter sind. Markus R. spricht langsamer als andere Kinder, hat Geh- und Sehprobleme. Seine Eltern wollen ihn vor weiteren Problemen schützen. Der Bub zieht sich trotzdem zurück, hat keine Freunde und will auch keine finden. Er wird zum Einzelgänger, entdeckt den Computer für sich und interessiert sich fortan für nichts anderes. Trotzdem schafft er den Realschulabschluss. Er besucht ein Berufsfindungsjahr im Spastikerzentrum und wird Bürokaufmann. Nach einer Tingeltour durch verschiedene Jobs nimmt ihn der BND – der Geheimdienst erfüllt so seine Behindertenquote.

Die Behördenarbeit macht R. aber keinen Spaß. Er langweilt sich, würde gerne von der Registratur in die Technikabteilung wechseln. Doch die angespannte Haushaltslage beim BND lässt keinen Wechsel in eine besser dotierte Abteilung zu. Sein Vorgesetzter bietet ihm an, andere Geheimdienste auszuspionieren. Markus R. lehnt ab – er war ja schon Spion.

Vielleicht wäre sein Spiel nicht so lange gut gegangen, wenn Markus R. beim Bundesnachrichtendienst mehr Anerkennung bekommen hätte. Ein ausgefuchster Spion zu sein, das traute ihm niemand zu. Wieder einmal. Und so wird der 32-Jährige im Lauf der Jahre wagemutiger. Und das wird ihm zum Verhängnis.

Er bot russischem Geheimdienst in unverschlüsselter Mail Spionage an

Markus R. schreibt eine E-Mail an den russischen Geheimdienst und bietet Spionage an. Das Schreiben verschlüsselt er nicht – der Verfassungsschutz fängt es ab. Das wiederum kriegen die Amerikaner spitz und informieren Markus R., dass der deutsche Geheimdienst gegen ihn ermittle. Der Spion ist zu der Zeit in Amsterdam. Das Russland-Projekt bricht er sofort ab – er hat ohnehin schon kalte Füße bekommen. Russland, das ist für ihn eine Nummer zu groß. Doch Markus R.s Einsicht kommt zu spät. Als er wieder daheim in seiner Wohnung in Solln ist, klicken die Handschellen: Der Doppel-Agent wird am 2. Juli 2014 festgenommen – und reitet sich selbst noch tiefer in den Morast des Verrats.

Auf dem Weg zur Bundesanwaltschaft nach Karlsruhe eröffnen ihm die Beamten den Vorwurf, für die Russen zu spionieren. Der ertappte Markus R. ist verblüfft und entgegnet, er arbeite doch mit den Amerikanern. Nun staunen die deutschen Ermittler. Das haben sie bis dato nicht gewusst. Und der 32-Jährige fängt an zu erzählen. Er erzählt alles, obwohl er nicht einmal einen Anwalt an seiner Seite hat. Von seinem Decknamen Uwe, seinem Vertrauensmann Alex, von einem Mann namens Craig, der die Geldübergaben organisiert hat und vieles mehr. Sein Einsatz als CIA-Spion – er ist vorbei.

Der Strafschutz-Senat am Oberlandesgericht, der seinen Fall verhandelt, muss bewerten, wie gefährlich die Dokumente, die Markus R. verkauft hat, für die Bundesrepublik waren. Dafür wurde eigens ein Gutachten in Auftrag gegeben. Es wird als richtungsweisend für die Zumessung der Strafhöhe angesehen. Die Öffentlichkeit war während dieses wichtigen Prozessabschnittes ausgeschlossen Das wird auch an diesem Montag so sein, wenn wieder einmal ein Verhandlungstag ist. Dann sagt die frühere Vorgesetzte von Markus R.. aus. Ein Urteil soll im März fallen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Frau erdrosselt: 82-Jähriger muss dauerhaft in die Psychiatrie
Das Urteil im Prozess gegen den demenzkranken Alfred W. ist schneller gefallen als erwartet. Der 82-Jährige kommt nie wieder auf freien Fuß, weil er seine Frau …
Frau erdrosselt: 82-Jähriger muss dauerhaft in die Psychiatrie
Wird die Bahn als Betreiber der Münchner S-Bahn bald abgelöst?
Die Bayerische Eisenbahngesellschaft mbH (BEG) sucht nach Bahn-Gesellschaften, die ab 2020 das Münchner S-Bahn-Netz übernehmen. Möglicherweise wird die Bahn dann als …
Wird die Bahn als Betreiber der Münchner S-Bahn bald abgelöst?
Ehefrau erdrosselt: Gericht weist dementen Rentner in Psychiatrie ein
Seit einem Schlaganfall ist der 82-Jährige aggressiv geworden. Der Rentner stellt eine Gefahr für die Allgemeinheit, entscheidet ein Gericht. 
Ehefrau erdrosselt: Gericht weist dementen Rentner in Psychiatrie ein
Ein Jahr Integrationskurs: Wie haben sich die Teilnehmer entwickelt?
In München pauken jährlich tausende Ausländer in Integrationskursen. Es geht um Grammatik – und um Politik. Wir waren dabei und haben gesehen, welche Fortschritte in …
Ein Jahr Integrationskurs: Wie haben sich die Teilnehmer entwickelt?

Kommentare