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A gmahde Wiesn? Ein Bauer fährt in Garmisch-Partenkirchen mit einem Traktor, im Hintergrund die Olympia-Skisprungschanze – die 2018 genutzt würde.

Auf dem Sprung zu Olympia 2018

München - Drei für Olympia: Gestern haben Kabinett, Stadtrat von München und der Gemeinderat Garmisch-Partenkirchens die Bewerbung um die Winterspiele 2018 abgesegnet. Es geht um Milliarden.

Die Luft ist stickig im Großen Sitzungssaal des Münchner Rathauses. Bereits eineinhalb Stunden haben sich Stadträte Argumente für und wider Olympia 2018 um die Ohren gehauen, da sieht sich OB Christian Ude (SPD) genötigt, was Grundsätzliches zu sagen.

1972, fabuliert das Stadtoberhaupt, sei alles ganz anders gewesen. Da hätten die Medien nicht schon acht Jahre vor den Spielen „rumgemäkelt“. Kritikern der Spiele werde dort nämlich sehr viel Platz eingeräumt und so der Eindruck vermittelt, dass die Junge Union Garmisch, die gegen Olympia ist, „den Rang einer Weltmacht hat“, mosert Ude. Auch die Grünen-Basis, die am Montag gegen die Spiele votiert hatte, kommt dem OB zu groß raus. Das alles sei doch ein „unglaublicher Vorgang“, protestiert er und dehnt dabei die Vorsilbe „un-“ beinahe so lange, wie er zum Anzapfen auf der Wiesn braucht. Die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse in den Parlamenten seien doch ganz andere, meint er.

Das soll sich weitere eineinhalb Stunden später zeigen. Trotz der Scharmützel stimmt der Stadtrat mit überwältigender Mehrheit für die Bewerbung um Olympia 2018. Nur sechs der 81 Mandatsträger sprechen sich dagegen aus, darunter Linke, ÖDP und Bayernpartei. Selbst die Grünen sind trotz des gegenteiligen Beschlusses der Basis für Olympia. Das Häuflein von „NOlympia“-Protestierern, das schon um halb neun vor dem Rathaus steht, kann an der Entscheidung drinnen ebenfalls nichts mehr ändern.

Der 6. Oktober 2010 - es ist ein Tag der Entscheidung. Stadtrat, Kabinett und der Gemeinderat von Garmisch-Partenkirchen treffen ihre abschließenden Entscheidungen zu Olympia. Es ist ein Ja zu den Eckdaten des Bewerbungsbuchs, dem Bid Book. Die politische Willensbildung ist damit weitgehend abgeschlossen, sofern es nicht doch noch in Garmisch-Partenkirchen zu einem Bürgerentscheid kommen sollte. Die Zustimmung des Landtags am 14. Oktober und Kreistags im Berchtesgadener Land am 18. Oktober gelten als sicher. In neun Monaten, am 6. Juli 2011, wird das Internationale Olympische Komitee (IOC) entscheiden, wer den Zuschlag für die Spiele 2018 erhält: München, Pyeongchang in Südkorea oder Annecy in Frankreich.

Eine Viertelstunde nach dem Stadtrat macht sich in der Staatskanzlei auch das bayerische Kabinett ans Thema 2018. Hier ist keine Diskussion notwendig, am langen Oval des Kabinettstisches sitzt nicht ein bekennender Olympiagegner. Dennoch - und obwohl die Beamten der Ministerien jedes noch so kleine Detail vorab ausgekartelt haben - winken die Minister und Staatssekretäre das Olympia-Gesetz nicht einfach durch. Viele wollen einfach noch mal sagen, wie toll sie das Ganze finden, berichtet ein Teilnehmer später.

So melden sich nicht nur der zuständige Staatskanzleichef Siegfried Schneider, Ministerpräsident Horst Seehofer (beide CSU) und dessen Stellvertreter Martin Zeil (FDP) zu Wort, sondern etliche weitere Minister. Der Tenor: „Alles positiv.“ Genauso einstimmig billigen sie das Gesetz, mit dem sich der Freistaat Kosten von mehr als 215 Millionen Euro und zusätzlich ein Drittel der finanziellen Risiken aufbürdet.

Nach der Sitzung verbreitet Schneider ganz im Sinne des olympischen Geistes Optimismus. In der „Orangerie“ der Staatskanzlei, einer Art Wintergarten mit Blick auf den Hofgarten, tritt er vor die Kameras und redet gegen die Befürchtung an, die Kosten könnten - wie so oft bei öffentlichen Projekten - explodieren. Auch bei den zurückliegenden olympischen Spielen sie es „im Durchführungsbudget nicht über die Maßen zu Steigerungen“ gekommen, beruhigt der Staatskanzleichef und verweist auf die deutsche Tugend der Gründlichkeit: „Wir haben sehr, sehr gute Planer.“

Eines ist klar: Längst sind die Olympischen Spiele nicht mehr nur ein nettes Sportfest für die Jugend der Welt. Sie sind eine Geldmaschine. Allein das Durchführungsbudget, Ocog genannt, ist 1,3 Milliarden Euro mächtig. Es soll weitgehend ohne Steuergelder auskommen. Darüber hinaus sind auch Investitionen der öffentlichen Hand geplant, die weitere bis zu 1,84 Milliarden kosten sollen. Nur bleibt es dabei?

Nicht alle teilen Schneiders Optimismus. „Die Staatsregierung stürzt damit den Freistaat in ein finanzielles Abenteuer“, wettert Ludwig Hartmann, klimapolitischer Sprecher der Grünen im Landtag. Der Freistaat solle verpflichtet werden, ein Drittel der ungedeckten Kosten im Durchführungsbudget zu übernehmen, ohne dafür die vom Haushaltsgesetz geforderte Obergrenze zu benennen, schimpft der Grüne.

Viel lieber als über schnöden Mammon redet der CSU-Mann Schneider aber über die Chancen, die Olympia seiner Ansicht nach bietet. „Wir bewerben uns, weil nicht nur das IOC Gewinne erwartet, sondern weil wir denken, dass Olympische Spiele für Bayern und ganz Deutschland ein Gewinnerthema sein werden“, sagt er. Zeil, sonst nicht immer einer Meinung mit seinem Kabinettskollegen, teilt Schneiders Optimismus. Sein Haus rechnet allein für Garmisch-Partenkirchen mit einem „Wertschöpfungspotenzial“ von 500 Millionen Euro.

Am Abend tritt dort der Gemeinderat zusammen. Erste Beschlüsse zur Bewerbung um die Winterspiele im November 2007 hatte das Gremium noch einstimmig gefasst. Danach riss ein Graben auf. Dennoch stimmt der Rat mit breiter Mehrheit dem Bid Book zu. Mit enthalten in dem Beschluss ist die Vereinbarung, den Grüngürtel zwischen den Siedlungen und den Bergen zu erhalten sowie auf Grundstücksverkäufe für Olympia-Investitionen zu verzichten. Für den Bau von Sportstätten begrenzt der Gemeinderat die Aufnahme von neuen Krediten auf fünf Millionen Euro. Der Ort im Werdenfelser Land hatte in den vergangenen Jahren zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. So waren die Kosten für die neue Skisprungschanze von geplanten 9,3 auf bis zu 17 Millionen Euro explodiert. Zum Jahresende wird die 26 000-Seelen-Gemeinde mit mehr als 100 Millionen Euro verschuldet sein. Wegen der Spiele kommen auf Garmisch nun Investitionskosten von rund 7,4 Millionen Euro zu.

Für den Freistaat und München sind die Investitionskosten gleichwohl höher. 205 Millionen Euro sollen es für die Landeshauptstadt sein. Der Freistaat rechnet mit 200 Millionen olympiarelevanten Kosten für Wettkampfstätten, ein Journalistendorf und für das Umweltkonzept. Weitere Millionen sollen später für Straßenbauprojekte hinzukommen. Zusätzliche 15 Millionen hat der Freistaatbereits für die Durchführung der Paralympics zugesagt. Auch soll Bayern dem Organisationkomitee Bürgschaften von bis zu 20 Millionen gewähren, damit dieses seinen Geschäftsbetrieb unmittelbar nach dem Zuschlag aufnehmen kann.

M. Kristlbauer, A. Zimniok Und M. Holzapfel

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