Stadt warnt: Kliniken sparen bei Hygiene

München - Die Infektionsserie im TU-Klinikum rechts der Isar hat eine Debatte um die Hygiene an bayerischen Kliniken ausgelöst. „Es wird gespart, und deshalb gibt es in jedem Krankenhaus Probleme“, sagt Münchens Gesundheitsreferent Joachim Lorenz (Grüne). Das begünstige die Übertragung gefährlicher Keime. Lorenz fordert eine bayerische Krankenhaushygieneverordnung.

Von Peter T. Schmidt

Fünf Patienten sind in einer Intensivstation des Klinikums rechts der Isar erkrankt: Eine „panresistente“, also mit den meisten Antibiotika kaum noch zu bekämpfende Variante des Umweltkeims Acinetobacter baumanii ist in ihren ohnehin geschwächten Organismus eingedrungen. Er löst unter anderem Wund- und Lungenentzündung sowie Blutvergiftung aus. Die Zahl der Patienten, die diesen Keim ohne Krankheits-Erscheinungen auf oder in sich tragen, wuchs übers Wochenende von 13 auf 15. Alle Betroffenen sowie ihr Pflegepersonal sind auf einer Intensivstation isoliert, um die weitere Ausbreitung zu verhindern. Ein Krisenstab wurde eingesetzt.

Im Amtsjargon heißt so etwas „Ausbruch“ und ist dem städtischen Gesundheitsamt zu melden. In diesem Jahr, so hieß dort es auf Anfrage, sei es bereits der vierte Fall in München. 2008 wurden sogar fünf Ausbrüche unterschiedlicher Erreger in fünf verschiedenen Kliniken registriert. Und Fachleute bezweifeln, dass alle Kliniken es mit der Meldepflicht so genau nehmen.

Zwar tun die Krankenhäuser viel, um ihr Personal zu schulen. Sie beschäftigen eigene Hygienefachkräfte und Hygieneärzte, führen regelmäßig Schulungen für das Personal durch. Doch der wachsende Kostendruck erzwinge Einsparungen und Personalabbau – auch in den Hygiene-Abteilungen, wie Lorenz sagt. „Im vergangenen Jahr gab es einen noch schlimmeren Ausbruch in einer staatlichen Klinik. Da musste ich für ein paar Tage zur Verstärkung eine unserer Ärztinnen hinschicken.“

Dabei sind Einsparungen gerade bei der Hygiene kurzsichtig. Denn ganz abgesehen vom Leid der Patienten kostet ein Infektions-Ausbruch viel Geld. „Bei dem Fall im vergangenen Jahr habe ich einen Aufnahmestopp für die onkologische Intensivstation erlassen“, so Lorenz. „Dieses Krankenhaus hat viel Geld verloren.“ Auch für den aktuellen Fall im Klinikum rechts der Isar kündigt der Referent an: „Wenn sich die Zahlen weiter erhöhen, müssen wir unter Umständen auch einen Aufnahmestopp verfügen.“

Die Klinik-Hygieniker kämpfen an vielen Fronten: Durch den flächendeckenden Einsatz von Antibiotika wächst die Zahl resistenter Bakterienstämme, und häufig bringen Patienten den Keim, der nach einer Operation plötzlich ihr Leben bedroht, selbst mit in die Klinik. Wenn er dann auf weitere Patienten überspringt, steckt oft Personalmangel dahinter. Heinz-Michael Just, Chefarzt der Klinikhygiene am Klinikum Nürnberg, verweist auf eine US-Studie: „Wenn es zu einem Missverhältnis zwischen Patienten- und Personalzahl kommt“, wenn also zu wenig Personal sich um zu viele Patienten zu kümmern hat, „dann leiden auch die Standard-Hygienemaßnahmen, und dann kann es zur Keimübertragung kommen.“ Studien beziffern die Zahl der Krankenhaus-Infektionen in Deutschland auf 400 000 bis 600 000 mit bis zu 15 000 Todesfällen. Als wichtigstes Mittel im Kampf gegen dieses Problem gilt die Hand-Desinfektion vor jedem Patientenwechsel. Sie kostet Zeit, die nicht jede Schwester hat.

Zwar gibt es für die Krankenhaus-Hygiene detaillierte Empfehlungen, etwa vom Robert-Koch-Institut (RKI). Doch selbst die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaus-Hygiene bezweifelt, dass diese Richtlinien überall und immer umgesetzt werden. Dieser Einschätzung „können wir aufgrund unserer Erfahrungen nur zustimmen“, sagt Joachim Lorenz.

„Wir können eben nur empfehlen“, heißt es beim RKI. Nur eine gesetzliche Verordnung, wie es sie in anderen Bundesländern gibt, könne derartige Richtlinien verpflichtend machen. Theresa Schopper, gesundheitspolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, will dies nun in einer Anfrage zum Plenum anstoßen. Joachim Lorenz hat das Ministerium schon vor Jahresfrist gedrängt, eine derartige Verordnung zu erlassen. Auch Chef-Hygieniker Just hält dies für sinnvoll – unter einer Bedingung: „Die Politik müsste fairerweise auch sagen: Wir helfen Euch, das zu finanzieren.“

Dass es letztlich auf das Geld hinausläuft, zeigt sich schon an einem Detail: Die Anregung der Techniker-Krankenkasse, alle oder zumindest alle Intensivpatienten vor einem Eingriff grundsätzlich auf die wichtigsten multiresistenten Keime zu testen, hält Lorenz für „sehr, sehr sinnvoll“. Gemacht wird es nirgends: Zu teuer.

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