Will „prüfen, wo wir Selbstbeschneidung leisten müssen“: Barbara Kittelberger. Foto: Haag

Stadtdekanin zum Finanzskandal: „Wir entschuldigen uns“

München - Bis zu 5,5 Millionen Euro muss das evangelische Dekanat München wegen Fehlspekulationen abschreiben. Was das bedeutet, ist völlig offen. Stadtdekanin Barbara Kittelberger wollte am Donnerstag weder eine Erhöhung der Dekanatsumlage noch Immobilienverkäufe oder gar den eigenen Rücktritt ausschließen.

Mit der „schwierigen und sehr unerfreulichen Nachricht“ trat Stadtdekanin Barbara Kittelberger gestern allein vor die Presse. Das Kirchengemeindeamt, das treuhänderisch 32 Millionen Euro Rücklagen von Dekanat und Kirchengemeinden verwaltet, war nicht vertreten. Der zuständige Abteilungsleiter sei suspendiert, der Amtsleiter erkrankt, hieß es. So blieb Kittelberger die Aufgabe zu erklären, was mit dem Geld von Kirchensteuerzahlern und Spendern geschehen ist. Ihr Bericht legt nahe, dass die Anlagestrategie eher christlich-ethischen als wirtschaftlichen Kriterien folgte.

Gemäß dem Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung habe das Kirchengemeindeamt München „verschiedene mittelständische Unternehmen aus ökologisch nachhaltigen Branchen ausgewählt“, so Kittelberger. Von diesen deutschen Firmen wurden „Mittelstandsanleihen“ gezeichnet.

Die Dekanatsgremien hätten dem Kirchengemeindeamt aufgetragen, „grundsätzlich eine konservativnachhaltige Geldanlage mit zeitnaher Liquidität und mit höchstmöglicher Sicherheit“ zu verfolgen und „keinesfalls spekulativ“ zu investieren, so Kittelberger. Der Finanzausschuss des Dekanats habe zudem vorgegeben, dass höchstens 28 bis 30 Prozent des Geldes im Öko-Sektor - Solar, Wind, Wasser, Müllrecycling - angelegt werden sollten.

Kontrolliert wurde all das nicht. „Es wurde uns immer wieder bedeutet, dass wir in einem guten Portfolio sind, dass es wertkonservativ angelegt ist. Der Finanzausschuss hat sich darauf verlassen“, so Kittelberger. In Wahrheit habe das Kirchengemeindeamt eine „exorbitant hohe Summe“, nämlich 48 Prozent der Rücklagen, in Mittelstandsanleihen investiert.

Gerade die gelten in Fachkreisen nicht als sicher. „Wir machen’s nicht, weil Sicherheit im Umgang mit Steuergeld das oberste Gebot ist“, verlautet etwa aus der Münchner Stadtkämmerei. Auch mit der „zeitnahen Liquidität“ war es nicht weit her. Im Juni 2013 meldete ein erstes Unternehmen, bei dem 500 000 Euro investiert waren, Insolvenz an. Sie habe sofort angeordnet, das Portfolio zu überprüfen und gegebenenfalls neu auszurichten“, so Kittelberger. Doch man sei „durch die Rasanz der wirtschaftlichen Entwicklung und die langfristigen Laufzeiten der Anleihen überrollt worden“. Fünf Millionen Euro, die in drei inzwischen ebenfalls insolventen Firmen stecken, konnten nicht mehr abgezogen werden. Es bleibt nur die Hoffnung, im Insolvenzverfahren wenigstens eine Teilsumme zu retten.

Für Kittelberger kommt das zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Als sie 2004 Stadtdekanin wurde, steckte der Dekanatsbezirk nach einem Finanzskandal tief in der Krise. Kittelberger schwor die Dekanatssynode auf einen rigiden, oft schmerzhaften Spar- und Konsolidierungskurs ein, das Schlimmste schien überwunden. Ob sie die Fehlspekulation als Rückschlag betrachte? Die Stadtdekanin ringt lange um eine Antwort. Dann sagt sie tapfer: „Es ist eine Herausforderung, der ich mich stellen werde.“

Schadensbegrenzung ist angesagt. In den vergangenen Wochen wurde das Anlagespektrum neu geordnet, ein neues Krisen- und Risikomanagement ist im Aufbau. Den Kirchengemeinden, so versichert Kittelberger, solle kein Schaden entstehen. Den Ausfall werde das Dekanat tragen.

„Wir entschuldigen uns bei unseren Kirchenmitgliedern“, sagt die Stadtdekanin. Sie hoffe, dass das Ansehen der Kirche und die Wertschätzung ihrer Arbeit nicht in Mitleidenschaft gezogen werde.

Da die Rücklage für beständige kirchliche Arbeit unabdingbar sei, müsse sie wieder aufgefüllt werden, sagte Kittelberger, etwa durch den Verkauf von Immobilien. Das Problem: Leicht entbehrliche Grundstücke sind in den vergangenen Jahren verkauft worden, um dringende Sanierungen zu finanzieren. Was jetzt noch bleibt, gehört zum Tafelsilber. Das scheint nicht länger tabu: „Wir müssen einen Kassensturz machen und prüfen, wo wir ein Stück Selbstbeschneidung leisten müssen“, sagt Kittelberger. Über personelle Konsequenzen bis hin zum eigenen Rücktritt will sie im Moment nicht nachdenken. Mitte Februar erwarte sie den abschließenden Prüfungsbericht des Landeskirchenamtes. „Danach ist zu entscheiden, was zu tun ist.“

Peter T. Schmidt

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