Forschung an lebenden Tieren

Stadträtin: "München ist Hochburg für Tierversuche"

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München - Die Forschung an lebenden Tieren boomt. Wie viele Mäuse, Frösche oder Affen dafür gehalten werden, zeigt jetzt ein Papier der Stadt. Bislang wurde von den Behörden nur überwacht, wie die Tiere gehalten wurden – nicht, wie während der Versuche mit ihnen umgegangen wird.

Die vielen Forschungseinrichtungen gelten als ein Segen für die Stadt. Arbeitsplätze, Innovation, junge gebildete Menschen: Auf diesen Dreiklang setzt die Stadtpolitik. Aber es gibt auch Forschungszweige, die mancher lieber nicht in der Stadt hätte. Zum Beispiel dann, wenn es um Versuche mit Tieren geht. Denn München ist nicht nur ein expandierender Wissenschaftsstandort, sondern auch „Tierversuchshochburg“, wie es die Grünen-Stadträtin Katrin Habenschaden nennt. Gestern legte das Kreisverwaltungsreferat im Stadtrat Zahlen zu den Versuchen vor – und die dürften Tierschützer weiter alarmieren.

Tierschutz ist ihr Thema: Katrin Habenschaden, Grünen-Stadträtin.

Aufgelistet wird eine Zahl von „ca. 300.000 Versuchstieren“ im Stadtgebiet, aufgeschlüsselt etwa in 200.000 Mäuse, 32.000 Fische, 30.000 Frösche, 9000 Ratten, 350 Schweine, 290 Wiederkäuer, 180 Hunde, 60 Katzen und, auch das, vier „nicht menschliche Primaten“. So hoch ist die genehmigte Gesamtkapazität in den Forschungseinrichtungen der Stadt. Das heißt: Gleichzeitig können bis zu 200 000 Mäuse gehalten werden, zu Tode kommen aber sehr viel mehr. „Pro Jahr werden in München ein Vielfaches mehr Tiere in Versuchen verbraucht“, heißt es ausdrücklich in dem Papier des Kreisverwaltungsreferats (KVR), das in München für die Überwachung der Tierhaltung zuständig ist. Die Zahlen sind explodiert. Die 300 000, die heute gleichzeitig gehalten werden können, stehen einer Zahl von 95 000 Tieren gegenüber, die noch 2012 insgesamt in einem Jahr „verbraucht“ wurden.

Kritikerin Katrin Habenschaden sagt: „Es ist davon auszugehen, dass sich die Zahl weiter erhöht“. Sie verweist auf das Klinikum Rechts der Isar, auf die Ludwig-Maximilians-Universität und das Deutsche Herzzentrum. Insgesamt gibt es laut KVR in München 100 Einrichtungen, in denen in 600 Projekten Tierversuche durchgeführt werden. Genehmigt werden diese nicht von der Stadt, sondern von der Regierung von Oberbayern.

Das KVR wird künftig anders als bisher auch die eigentlichen Tierversuche überprüfen – nicht mehr nur die Haltung der Tiere. Aufgrund von Personalmangel sei das bislang nicht anders möglich gewesen, hieß es gestern. Jetzt soll kontrolliert werden, ob die Tiere wirklich behandelt werden, wie es die Einrichtungen vorher angegeben haben – „um so Schmerzen und Leiden der Versuchstiere zu minimieren“, wie das KVR schreibt.

Wo und wie oft kontrolliert wird, soll sich danach richten, wie hoch das Risiko bei den jeweiligen Versuchen für die Tiere ist. Für diese Kontrollen wurden jetzt im Stadtrat neue Stellen genehmigt, davon zwei für Veterinärmediziner. „Es ist eine sehr wichtige Aufgabe des Veterinäramtes, die Versuchstiere zumindest vor den vermeidbaren Schmerzen und Leiden zu schützen“, erklärte Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle (parteilos). „Dafür sind ausreichende und unangemeldete Kontrollen der Tierhaltung und insbesondere der Tierversuche vor Ort besonders wichtig.“ Künftig werde man hier einen „Kontrollschwerpunkt“ setzen.

Und Kontrollen dürften auch in Zukunft nötig sein. „Es wird weiter in den Bereich investiert“, sagt Kritikerin Habenschaden. Sie ist überzeugt, dass die Zahl der Tierversuche in München weiter steigen wird. Sie freut sich über die künftig verstärkten Kontrollen in München, die durch neue gesetzliche Regelungen möglich gemacht wurden. „Es ist schon eine Verbesserung, dass jetzt auch die Durchführung der Versuche überwacht wird“, sagt sie – auch wenn lediglich Vorschriften umgesetzt würden. Der gleichen Meinung ist SPD-Stadträtin Beatrix Zurek. „Es gibt viele Versuche, die ich sehr kritisch sehe“, sagt sie. „Das KVR muss in der Lage sein, unangemeldete Kontrollen durchzuführen.“ Dass das künftig möglich wird, ist für Tierschützer aber nur ein kleiner Trost. Hunderttausende Tiere werden weiter für Versuche ihren Tod finden. „Und in dieser Statistik sind viele noch gar nicht aufgeführt“, beklagt Habenschaden. Tiere, die für Versuche gezüchtet aber dann nicht gebraucht würden, seien nicht enthalten. Getötet werden diese Tiere aber auch.

Von Felix Müller

Rubriklistenbild: © dpa

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