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Florian Bieberbach fordert Finanz-Hilfe von der Stadt beim Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs.

Florian Bieberbach

Stadtwerke-Chef: "Die Situation ist ernst"

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München - Stadtwerke-Chef Florian Bieberbach spricht im Interview über das schwierige Stromgeschäft, den Sparkurs – und Ökoenergie als Hoffnung.

Die Krise der Energiebranche lässt auch die Stadtwerke München (SWM) nicht unberührt. Weniger Geld in der Kasse, steigende Schulden. Mit einem Spar- und Effizienzprogramm will SWM-Chef Florian Bieberbach das Unternehmen nun wieder auf Kurs bringen – und hofft langfristig auf die Ökoenergie. Ein Krisengespräch.

Fast täglich gibt es Hiobsbotschaften aus der Energiebranche: sinkende Erträge, Milliardenschulden. Was macht das Geschäft so schwierig?

Florian Bieberbach: Die Großhandelspreise für Strom sind in den Keller gefallen. Jeder, der Kraftwerke besitzt, hat deshalb ein Problem.

Wie wollen Sie das Problem lösen?

Bieberbach: So, wie wir es schon seit Jahren tun: Stark auf erneuerbare Energien und die neuen Themen im Energiemarkt setzen und sich schrittweise von der alten Welt verabschieden.

Zum Beispiel Kohlekraft. Die brauchen Sie aber immer noch, um die Schwankungen bei den Erneuerbaren auszugleichen.

Bieberbach: Stimmt. Dieser Übergang passiert nicht innerhalb von Jahren, sondern die Transformation wird 20 Jahre dauern. Die Übergangszeit ist für alle Versorger sehr schmerzhaft.

Die letzten Zahlen der Stadtwerke sind von 2013: Zwei Milliarden Euro Schulden, immer weniger Geld in der Kasse. Hat sich der Trend verschlimmert?

Bieberbach: Ja. Die finalen Zahlen liegen zwar noch nicht vor, aber die Verschuldung ist weiter angestiegen. Das Ergebnis ist auch nicht besser geworden. Es geht uns nicht so schlecht wie Eon oder RWE, aber die Situation ist ernst.

Wie wollen Sie in besseres Fahrwasser kommen?

Bieberbach: Mittelfristig wird uns die Ausbauoffensive Erneuerbare Energien sehr helfen. Etwas längerfristiger auch unser Engagement bei der Erdgasgewinnung. Im vergangenen Jahr haben die erneuerbaren Energien schon einen erheblichen Beitrag zum Gesamtergebnis der SWM geleistet. Aber gerade in den nächsten Jahren werden die Erneuerbaren noch nicht so viel Gewinn machen, dass sie den Rückgang im traditionellen Geschäft kompensieren können. Die gute Nachricht ist, dass wir im Gegensatz zu anderen Energieversorgern ein sehr starkes Engagement in die erneuerbaren Energien als Hoffnungsträger haben.

Da sind Sie angewiesen auf Sonne und Wind. Ein unvorhersehbares Geschäft ...

Bieberbach: Es wird volatiler. Es gibt windstärkere und windärmere Jahre. Unterm Strich werden die Erneuerbaren einen sehr positiven Beitrag bringen. Signifikant aber erst 2017 oder 2018.

Bis dahin werden Ihre Erträge weiter sinken?

Bieberbach: Wir werden eine Durststrecke mit relativ schlechten Ergebnissen durchlaufen, ja.

Die SWM führen jedes Jahr 100 Millionen an die Stadt ab. Können Sie den Betrag aufrechterhalten?

Bieberbach: Das ist nicht unsere Entscheidung, das entscheidet die Stadt.

Aber Sie hätten gerne ein Entgegenkommen ...

Bieberbach: Solche Verhandlungen führt man nicht über Interviews (lacht).

Bei den Stadtwerken finanzieren die Stromgewinne andere Zweige wie Nahverkehr oder Schwimmbäder. Geht das künftig noch?

Bieberbach: Das ist unsere größte Herausforderung im Moment. Wir müssen den Energiebereich so profitabel halten, dass er die Defizitbereiche weiter unterstützen kann. Dazu sind wir fest entschlossen, aber das ist kein Selbstläufer mehr. Hinzu kommt, dass im Verkehrsbereich ein sehr großer Finanzierungsbedarf auf uns zukommt, etwa für Angebotsausweitungen oder die Sanierung der U-Bahnhöfe. Bund und Land ziehen sich hier ja leider immer mehr aus der Verantwortung.

Die Stadtwerke betonen gerne, dass ihre Preise im Bundesvergleich recht günstig seien. Wollen Sie an dieser Schraube drehen?

Bieberbach: Nein. Wir wollen auch künftig sehr wettbewerbsfähige Preise anbieten. Das ist eine unserer Existenzberechtigungen als kommunales Unternehmen. Wir müssen noch effizienter werden. Dazu bringen wir jetzt ein großes Spar- und Ergebnisverbesserungspaket auf den Weg. Bei dem geplanten starken Ausbau des ÖPNV wird es aber nicht ganz zu vermeiden sein, dass sich auch die Stadt München finanziell engagiert, gerade wegen des Rückzugs von Bund und Land aus der Finanzierung.

Über welche Summen sprechen wir da, die die Stadt zuschießen müsste?

Bieberbach: Das hängt stark davon ab, welches Angebot man will. Im Moment wäre es unseriös, einen Betrag zu nennen.

Ihr Vorgänger hat die Zahl der Mitarbeiter auf 6500 reduziert, heute sind es wieder 8500. Wie viele müssen gehen, um die SWM wieder fit zu machen?

Bieberbach: Großflächig Stellen zu streichen, ist gar nicht machbar. Denn es ist nicht so, dass das Personal dort gewachsen ist, wo es vorher abgebaut wurde. Der Zuwachs der letzten Jahre kam sehr stark durch neue Geschäftsfelder wie M-net. Auch wächst unser Verkehrsangebot, dadurch brauchen wir sehr viel mehr Fahrer. Wir werden jedoch noch genauer hinschauen, ob man eine Stelle einsparen kann, wenn jemand in den Ruhestand geht. Aber eine starke Reduzierung des Personals scheint mir momentan nicht realistisch.

Wo wird dann gespart?

Bieberbach: Wir müssen bei internen Kosten stark sparen. Auch einige Extraleistungen für unsere Mitarbeiter wird es treffen. Wir diskutieren mit dem Betriebsrat verschiedene Dinge, für die Öffentlichkeit ist das aber noch zu früh. Außerdem müssen wir Projekte schieben oder kostengünstiger durchführen.

Werden die Stadtwerke ein Sanierungsfall wie die Städtischen Kliniken?

Bieberbach: Nein. Dass wir dauerhaft defizitär werden, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Fühlen Sie sich von der Politik genug unterstützt?

Bieberbach: Beim Ausbau der erneuerbaren Energien schon. In Bayern ist es nicht ganz so gut. Bei Problemen mit dem Altbestand an Kraftwerken wird die Branche ziemlich alleingelassen.

Mit Bayern sprechen Sie auch die Abstandsregelung für Windräder an?

Bieberbach: Genau, insbesondere die Abstandsregelung. Wir hatten eine lange Liste von mehr als 30 Projektideen mit bayerischen Kommunen im Bereich Windkraft. Die Liste hat sich fast komplett erledigt. Durch die Abstandsregelung sind die meisten Projekte gestorben.

Ministerpräsident Seehofer wehrt sich auch genen neue Stromtrassen ...

Bieberbach: Ich halte es aus bayerischer Sicht für eine gefährliche Position. Es fallen nunmal in den nächsten sieben Jahren vor allem durch das Abschalten der Kernkraftwerke riesige Stromerzeugungskapazitäten in Bayern weg und es gibt keinen Ersatz dafür. Diese Kraftwerke aus dem Netz zu nehmen und nichts für die Netzstabilität zu tun, ist auf Dauer riskant.

Streit gab es immer wieder ums Heizkraftwerk Nord. Warum soll der Ausstieg aus dem Kohlestrom erst nach 2030 gehen?

Bieberbach: Eine vorzeitige Abschaltung hätte bundesweit gesehen keine umweltpolitischen Vorteile und würde uns über die Jahre mehrere hundert Millionen Euro Minderertrag bringen. Kohlekraftwerke sind im Moment die einzigen konventionellen Kraftwerke, die überhaupt noch kostendeckend betrieben werden können. Gaskraftwerke kommen nur noch sehr selten zum Einsatz und erwirtschaften fast überall nur noch Verluste. Viele werden jetzt abgeschaltet und manche sollen sogar ins Ausland verkauft werden.

Die nutzt man nur noch als Reserve für Spitzenlast?

Bieberbach: Genau, wenn zu Spitzenzeiten kein Wind weht und keine Sonne scheint. Neulich habe ich von einem Gaskraftwerk eines Wettbewerbers gelesen, das im vergangenen Jahr nur 100 Stunden gelaufen ist. Den Rest des Jahres stand es still.

Dann ist das Gaskraftwerk der Stadtwerke auch nur ein Klotz am Bein?

Bieberbach: Bei uns ist es nicht ganz so schlimm. Wir produzieren damit im Winter noch Fernwärme. Aber grundsätzlich kann man mit Gaskraftwerken im Moment kein Geld verdienen.

Wie können Sonne und Wind für Strom sorgen, wenn man für den Ausgleich in schwachen Zeiten immer noch die konventionellen Kraftwerke braucht?

Bieberbach: Auf absehbare Zeit wird man Gaskraftwerke brauchen. Die werden nicht mehr häufig laufen, aber man braucht sie, wenn gar kein Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Langfristig hofft man auf das Speichern von Energie. Einerseits auf große Speicher wie Pumpspeicher, andererseits auch auf dezentrale Batteriespeicher.

Sollte man nicht sowieso dezentraler Strom produzieren?

Bieberbach: Eine rein dezentrale Versorgung wäre viel zu teuer und ausfallgefährdet. Wir hatten ja früher eine sehr dezentrale Stromversorgung, dabei kam es häufig zu Stromausfällen. In Zukunft wird es ein Misch-Modell sein: Wir werden viele kleine dezentrale Anlagen haben, aber auch große Anlagen und starke Netzverbindungen.

Wenn immer mehr Menschen eigenen Strom produzieren: Haben große Stromversorger Zukunft?

Bieberbach: In einer Zeit, in der Energiesparen ein großes politisches Ziel ist, gehört es dazu, dass der Energiemarkt nicht mehr stark wächst. Das ist ja grundsätzlich auch gut so. Trotz eines eher rückläufigen Marktes benötigt man aber noch über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, Unternehmen, die Energie bereitstellen.

Die SWM wollen bis 2025 so viel Ökostrom produzieren wie München verbraucht. Steht das noch?

Bieberbach: Daran halten wir unbedingt fest. Das ist ein wichtiges umweltpolitisches Ziel der Landeshauptstadt. Und es ist auch ökonomisch wichtig. Die Erneuerbaren sind eines der wenigen Felder, in denen man noch Geld verdienen kann.

Ihr Vertrag endet im Jahr 2018. Ist dann für Sie die Zeit, ein kriselndes Unternehmen zu verlassen?

Bieberbach: Natürlich nicht! Zurecht ist gerade der Kapitän der Costa Concordia verurteilt worden, weil er in einer Krisensituation von Bord gegangen ist. Natürlich darf der Kapitän nicht von Bord, solange die Eigentümerin glaubt, dass er der richtige Kapitän ist.Zudem bin ich fest überzeugt, dass die SWM 2018 wirtschaftlich wieder deutlich besser dastehen als heute.

Interview: Moritz Homann & Peter T. Schmidt

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