1. Startseite
  2. Lokales
  3. München
  4. Stadt München

Stammstrecke: Experten monieren Sicherheitsmängel

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Überfüllt und überlastet: Plant die Deutsche Bahn bei der zweiten Stammstrecke zu wenig Platz ein? © Markus Goetzfried

München - Bei den Planungen für die zweite Stammstrecke schaltet sich nun auch die MVG ein: Experten warnen die Deutsche Bahn vor Sicherheitsmängeln.

Die Deutsche Bahn musste bereits viel Kritik einstecken für ihre Pläne zum Bau der zweiten Stammstrecke. Meist stammt sie von Politikern, Verkehrsexperten oder Haidhauser Anwohnern, die die Röhre rundheraus ablehnen. Doch jetzt hagelt es Vorwürfe von unerwarteter Seite: Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), die eigentlich für den Tunnel ist, lehnt die aktuellen Pläne ab.

In einem siebenseitigen Schreiben an die Münchner Stadtratsfraktionen macht die MVG-Spitze ihrem Ärger Luft. CSU-Stadtrat Georg Kronawitter leitete das Papier, das nicht der Geheimhaltung unterliegt, an unsere Zeitung weiter. Darin erheben die Verkehrsbetriebe zahlreiche Vorwürfe gegen die Bahn.

Probleme gibt es laut MVG vor allem bei der Verknüpfung der neuen S-Bahn-Trasse mit den alten U-Bahn-Linien. Insbesondere im Hauptbahnhof seien die Voraussetzungen für einen sicheren Betrieb – auch im Evakuierungsfall – nicht gegeben. Deswegen legt die MVG „Einspruch gegen den aktuellen Planungsstand“ ein und fordert die Bahn zu Änderungen auf.

Laut der MVG habe die Bahn ihren Plänen eine Fahrgastprognose für das Jahr 2020 zugrunde gelegt. Die DB selbst rechnet jedoch erst zwei Jahre später mit einer Fertigstellung des Tunnels. Die Prognose wäre bereits vor Inbetriebnahme der Röhre veraltet. „Das dürfte für eine Jahrhundertinvestition ziemlich einmalig sein“, schreibt die MVG zynisch. Zudem sei die Datengrundlage nicht aktuell. Zum Teil würden die für 2020 vorhergesagten Fahrgast-Zahlen schon heute überschritten.

Die Folge: Die Bahn plant die neuen Bahnsteige und den Bahnhof laut MVG für viel zu wenige Fahrgäste. Für Umsteiger von Bus und Tram rechne der Konzern mit überhaupt keinem Zuwachs. Das erscheint der MVG reichlich unrealistisch. Jährlich würden rund zwei bis drei Prozent mehr Kunden das gesamte ÖPNV-Netz nutzen.

Eine Überfüllung der Bahnsteige wäre im Fall eines Brandes oder Anschlags ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Martin Runge, Grünen-Chef im Landtag, warnte bereits 2011 vor „gravierenden Mängeln“ beim Brandschutz. Fluchtwege seien zu lang und zu kompliziert, im Notfall dauere die Räumung der Bahnsteige zu lange. Käme noch eine Überlastung durch zu viele Fahrgäste hinzu, wird es erst recht gefährlich.

Laut MVG unterschätzt die Bahn die künftigen Probleme im Betrieb. Ein Beispiel sei die Verbindung zwischen der zweiten Stammstrecke und der U4/U5. Die DB plane, eine Treppe in der Mitte des Bahnsteiges zu bauen. Die freie Fläche würde dadurch erheblich verkleinert. Gerade zur Wiesn-Zeit ist dieser Bahnsteig aber schon heute hoffnungslos überfüllt.

Gegenüber der Presse will sich die DB nicht zu den Vorwürfen äußern. Ein Sprecher teilt lediglich mit: „Die Deutsche Bahn setzt sich mit allen Einwänden zur Planung auseinander.“ Laut MVG habe der Konzern die „mehrfach vorgebrachten Bedenken“ jedoch schlicht ignoriert.

CSU-Stadtrat Kronawitter ätzt, die DB scheine von einer „kräftigen Beratungsresistenz“ befallen zu sein. „Die auch für Laien schon heute erkennbaren Überlastungserscheinungen der U-Bahnsteige am Hauptbahnhof werden wohl noch deutlich verschärft werden. Dabei sollte die zweite Stammstrecke doch den Kollaps vermeiden.“

Das kritische Papier der MVG war nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Nachdem es durchgesickert ist, betont Sprecher Christian Miehling: „Wir wollen die Planungen keinesfalls torpedieren!“ Die Verkehrsbetriebe seien weiterhin für den Bau. Mit dem Schreiben an die Stadtratsfraktionen habe man lediglich „Bewegung in die noch ungelösten Fragen bringen“ wollen.

Thomas Schmidt

Auch interessant

Kommentare