1. Startseite
  2. Lokales
  3. München
  4. Stadt München

Stammstrecke: Grüne rücken von der Röhre ab

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

München - Die Front für die zweite Stammstrecke bröckelt. Die Grünen im Rathaus rücken von der Röhre ab und fordern, das Geld vorerst in andere Projekte zu stecken. Mit ihrem Kurswechsel düpieren sie die SPD, schließen aber die eigenen Reihen.

Die Rathaus-Grünen haben ihren Kurs korrigiert. Weil die Finanzierung der zweiten Stammstrecke nach wie vor in den Sternen steht, fordern sie jetzt „Sofortmaßnahmen“, um die S-Bahn vor dem Kollaps zu retten. Bislang hatten die Grünen im Stadtrat mehrheitlich für den Bau der Röhre votiert. Davon rücken sie zwar nicht endgültig ab, gehen aber merklich auf Abstand.

Stadträtin Sabine Nallinger gab gestern bekannt: „Wir wollen die Reihenfolge ändern.“ Priorität habe jetzt nicht mehr der Tunnel, sondern ein Katalog von Einzelmaßnahmen. Die 936 Millionen Euro, die der Freistaat im Haushalt bereitstellt, will Nallinger nicht mehr in die Röhre stecken, sondern in Maßnahmen wie den:

-Ausbau der Sendlinger Spange von Laim zum Heimeranplatz,

-Bau eines Regionalzughaltes an der Poccistraße,

-Ausbau der Außenäste für eine Taktverdichtung,

-Bau eines weiteren Gleises am Ostbahnhof,

-viergleisigen Ausbau des S-Bahnhofes Laim,

-Ausbau der Leit-, Steuerungs- und Regeltechnik.

Die Idee ist nicht ganz neu. Unabhängige Bahnexperten basteln seit langem an einem „Plan A“, den die Grünen jetzt in weiten Teilen übernommen haben. Auch die Rathaus-CSU betonte gestern, man habe bereits in den vergangenen Jahren ein Paket von „Sowieso-Maßnahmen“ erarbeitet, die „völlig unabhängig“ vom Bau der Röhre seien. Darin enthalten ist auch die fehlende U-Bahn-Anbindung Pasings.

Auch wenn keine Partei den Tunnel beerdigen will, steigt offenbar der Druck, über Alternativen nachzudenken. Die Landtags-Grünen lehnen die Röhre ohnehin ab. Fraktionschef Martin Runge spricht von einem „Phantom“, der grüne Bundestagsabgeordnete Toni Hofreiter von einem „Zombie“. Jetzt rücken auch die Rathaus-Grünen ins Glied und schließen die Reihen.

Mit dem Koalitionspartner war der Vorstoß allerdings nicht abgestimmt. Leicht angesäuert bezeichnete der Chef der Rathaus-SPD, Alexander Reissl, die Grünen gestern als „zappelig und wackelig“. Die Stammstrecke sei nach wie vor die zentrale Frage, so Reissl. „Das ist doch nicht so schwer zu kapieren: Alle Strecken werden auf eine zusammengeführt. Wenn es hier eine Störung gibt, bricht das ganze System zusammen.“

Wie die Rathaus-SPD, so halten auch Freistaat und Bund weiter an der Röhre fest. Der Münchner Merkur hatte am Donnerstag berichtet, dass Staatssekretär Enak Ferlemann einem „projektbezogenen Darlehen“ eine klare Absage erteilt hatte – mit einem einzigen Wort: „Nein.“ Jetzt rudert man zurück. Offenbar liege ein Missverständnis vor, heißt es.

„Die laufenden Verhandlungen zwischen Bund und Freistaat betreffen kein Darlehen, sondern die Rahmenbedingungen einer Vorfinanzierung“, erklärt Bayerns Verkehrsminister Martin Zeil (FDP). Aus der Antwort der Bundesregierung sollten „nicht vorschnell falsche Schlüsse gezogen werden.“ Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) versichert: „Der Bund steht zur zweiten Stammstrecke. Wir sind bereit, dieses wichtige Projekt finanziell zu unterstützen – im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten.“ Die „konstruktiven Gespräche“ dauern weiter an.

Die Materie ist inzwischen derart komplex, dass sich auch unter Experten Verwirrung über die verschiedenen Finanzierungs-Modelle breit macht. Der Chef der Landtags-SPD, Markus Rinderspacher, prangert sogar eine „gezielte Desinformation“ an. „Seehofer und Zeil verschanzen sich hinter Falschangaben, um von den eigenen Defiziten abzulenken.“

Thomas Schmidt und Matthias Kristlbauer

Auch interessant

Kommentare