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Der Stammstrecke winkt frisches Geld

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München - Die Finanzierung der zweiten Stammstrecke gleicht einem emsigen Eichhörnchen bei der Suche nach dem Wintervorrat: Stück für Stück kommen die Millionen zusammen. Jetzt winkt erneut frisches Geld für das mehrfach totgesagte S-Bahn-Projekt.

Von Thomas Schmidt und Christian Deutschländer

Das Aus für die zweite Stammstrecke bestätigte der Ministerpräsident persönlich. „Wir können sie jetzt nicht realisieren“, bedauerte Horst Seehofer. Auch ein späterer Bau sei „nicht im Bereich der höchsten Wahrscheinlichkeit“. Große Sätze, in die Welt gesprochen am 18. April. Sieben Monate später ist alles anders. Die Chancen für den Bau scheinen sich zu bessern. Jetzt winken frische Millionen aus Berlin.

Montagfrüh beschloss der Koalitionsgipfel, den zehn Milliarden Euro schweren Investitionsetat von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) um 750 Millionen Euro aufzustocken. Eigentlich hatten sich Ramsauer und sein Amtskollege aus Bayern, Martin Zeil (FDP), eine glatte Milliarde gewünscht. Am Ende sprang etwas weniger vom Mehr heraus.

Um das Geld wurde in Berlin verzweifelt gekämpft. Das CSU/FDP-Baby Stammstrecke wurde gegen das Betreuungsgeld aufgewogen. Erst dessen Verschiebung um acht Monate habe die Verkehrs-Millionen ermöglicht, bestätigt die CSU. Nach FDP-Angaben spart die Verschiebung 770 Millionen Euro.

Wie viel von dem Geld nach Bayern fließt, ist noch unklar. Zeil greift nach einem möglichst dicken Teil des Kuchens. Er fordert vom Bund 200 zusätzliche Millionen für die Stammstrecke. Andere Verkehrs-Projekte im Freistaat sollen aber ebenfalls „nicht zu kurz kommen“ und von dem Geldsegen profitieren. Denn Franken und Schwaben werden kaum jubilieren, wenn 200 Millionen ins reiche München fließen und sie selbst leer ausgehen. Der niederbayerische CSU-Verkehrspolitiker Erwin Huber fordert sogar, die Extra-Mittel in die A 94 zu stecken statt sie „bis zum Nimmerleinstag“ für die S-Bahn zurückzulegen. Für die Stammstrecke gebe es noch nicht mal Baurecht, sagt Huber.

Bisher ist heftig umstritten, wie teuer die Röhre wird. Zeil rechnet mit 2 Milliarden plus einem Risikopuffer von 200 Millionen. Zumindest diese Marke - ob realistisch oder nicht - rückt langsam näher:

-Der Bund hat zugesagt, 200 Millionen zu überweisen.

-Der Freistaat stellt 936 Millionen Euro bereit.

-Die Deutsche Bahn beteiligt sich mit 133 Millionen.

-Das alte Darlehen für den Flughafen München soll ebenfalls in den Tunnel fließen - das wären weitere 492 Millionen.

-Nach der Aufstockung des Verkehrsetats fordert Zeil nun weitere 200 Millionen Euro vom Bund.

Alles zusammengerechnet ergibt das - im besten Fall - eine Summe von 1961 Millionen Euro. Damit wäre der Röhren-Recke Zeil verdammt nah dran an den geschätzten Kosten von 2000 Millionen. Der Risikopuffer allerdings wäre noch leer.

Das alles gilt natürlich nur, wenn die geschätzten Kosten stimmen. Kritiker der Stammstrecke kolportieren, die Bahn rechne intern längst mit 2,5 bis 2,6 Milliarden. Nur Hexen und Wahrsager können schon heute sagen, wie viel der Bau am Ende wirklich kostet. Doch sobald der erste Spaten in die Erde gestochen wird, gibt es kein Zurück. Eine Bauruine in solch gigantischem Ausmaß ist schlicht undenkbar. Jede Kostensteigerung - sollte sie denn kommen - wird bezahlt werden.

Es gibt Stimmen im Münchner Rathaus, die längst von einem „Sündenfall“ sprechen. Weil die Stadt über den Umweg des Flughafen-Darlehens einen Teil der Finanzierung übernimmt, sei die Tür für spätere Nachforderungen jetzt offen, der Damm gebrochen.

Zudem liegen weitere Stolpersteine auf dem Weg. Noch ist nicht entschieden, ob der Bund seinen Anteil am Flughafen-Darlehen tatsächlich beisteuert. Politisch ist Druck im Kessel. Der Wille ist klar erkennbar. „Es wird wohl klappen“, hört man aus Berlin. Haushaltsrechtliche Fragen sind jedoch nach wie vor offen. Die Sache ist juristisch heikel. Die Entscheidung soll am 8. November fallen.

Sollte der Zuschuss letztlich an rechtlichen Fragen scheitern, „bedeutet das vermutlich das Aus der Stammstrecke“, sagt ein Beteiligter hinter vorgehaltener Hand.

Das klingt bekannt.

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