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Stille Trauer der Reichenhaller

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Bad Reichenhall - Vor zwei Jahren ist die Eislaufhalle in Bad Reichenhall eingestürzt. 15 Menschen starben. Im katholischen Münster St. Zeno findet heute ein Gedenkgottesdienst statt. Anders als im vergangenen Jahr wollen die Bürger "unter sich" bleiben. Der Ort rückt zusammen, doch unter der Oberfläche brodelt es.

15.54 Uhr. Sechs Minuten vor 16 Uhr. 16 Uhr - dann wäre der Publikumslauf zu Ende gewesen. Doch das Dach der Eislaufhalle brach früher zusammen. Sechs Minuten zu früh. Die Trümmer begruben die Menschen auf der Eisfläche. Zwölf Kinder und Jugendliche kamen ums Leben, auch drei Mütter. Es war der 2. Januar 2006 - und der verschlafene Kurort Bad Reichenhall war auf einen Schlag europaweit bekannt.

Heute jährt sich die Tragödie zum zweiten Mal. An der Münchner Allee, dem Unglücksort, stehen 15 Kreuze, für jedes Opfer eines. Daneben liegen Blumen, Plüschtiere, Gedichte und Briefe an die Verstorbenen. Dahinter ist - nur Wiese. Die Überreste der Eislaufhalle und die benachbarte Schwimmhalle sind längst abgerissen. Doch die Gedenkstätte bleibt auch 24 Monate nach der Katastrophe nur ein Provisorium.

Acht Architekten haben bereits Vorentwürfe für eine Gedenkstätte kreiert. Doch hinter vorgehaltener Hand hört man immer wieder, dass sich selbst die Hinterbliebenen nicht einig seien über die Ausgestaltung - und den genauen Standort. Wo soll das Denkmal für die Opfer errichtet werden? Unmittelbar an der Unfallstelle? Oder doch lieber außerhalb des Areals? Die Stadt selbst will "nichts durchboxen", sagt Oberbürgermeister Herbert Lackner (CSU). "Es ist ein sensibles Thema." Gleichwohl weiß er, dass die künftige Bebauung des Geländes nach wie vor völlig ungeklärt ist.

Seit Monaten schon tobt der Streit um den Neubau eines Hallenbades. Eine Bürgerinitiative setzt sich vehement für den "Standort Münchner Allee" ein: Dort stand die alte Schwimmhalle, dort könne man "sportlich schwimmen" - anders als in einem "abgespeckten Sportbad an der Rupertus-Therme". Die Argumente kontert Lackner: "Natürlich verträgt sich die geplante Schwimmhalle mit dem Konzept der Therme." Die Stadt will unbedingt diesen Standort.

Lackner ist erst nach dem Unglück zum Oberbürgermeister gewählt worden. Doch er kennt Menschen, die bis heute die Münchner Allee meiden, lieber einen Umweg machen, anstatt an den 15 Kreuzen vorbei zu kommen - und an den Erinnerungen.

Pläne für eine neue Eislaufhalle? Existieren derzeit nicht, sagt Lackner. Zwar setzt sich der örtliche Verein "Genesis" unermüdlich für den Bau einer Anlage ein, er sammelt Geld und rekrutiert Eishockey-Nationalspieler als Kuratoriumsmitglieder, doch bislang hat der Stadtrat "aktuell viel zu tun" - vielleicht auch damit, die Medien fernzuhalten am zweiten Jahrestag der Katastrophe.

"Es wird ein Gedenken in aller Stille", sagt Lackner im Hinblick auf den Gottesdienst im katholischen Münster St. Zeno. Politprominenz ist unerwünscht, genauso die Kirchenfürsten. "Die Bürger wollen unter sich bleiben", sagt Lackner. Kein Glockenläuten kurz vor 16 Uhr, das an die Tragödie erinnert, sondern Stille. Keine öffentliche Kranzniederlegung, sondern Stille. Der Kurort braucht diese Stille wahrscheinlich, denn schon am 28. Januar, in knapp vier Wochen, beginnt der Prozess gegen die Verantwortlichen des Unglücks, bei dem 15 Menschen sterben mussten.

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