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„Es gibt kein Monopol der Erinnerung“

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Von: Felix Müller

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München - Überall in Europa erinnern kleine Messingtafeln vor Wohnhäusern an die Menschen, die einst dort lebten und von den Nazis deportiert wurden. In München aber sind die Stolpersteine verboten. Noch. Im Rathaus ringt man um einen Kompromiss. Terry Swartzberg von der Stolperstein-Initiative erklärt im Interview, warum er immer noch optimistisch ist, wie er sich eine Lösung mit der Stadt vorstellt – und warum er Stolpersteine ohne den Künstler Gunter Demnig ablehnt.

Herr Swartzberg, im Rathaus wird seit Monaten hinter verschlossenen Türen verhandelt. Eine Einigung gibt es nicht. Wie groß ist Ihre Hoffnung noch?

Sehr groß. Es hat sich ein Konsens gebildet, dass Stolpersteine kommen sollen. Wir werden getragen von 51 000 Unterstützern, die sich auf der Seite change.org für unsere Petition ausgesprochen haben. Die erfolgreichste in der Geschichte Münchens. Und: Es stehen 15 Opfer-Organisationen klipp und klar hinter der Idee, Stolpersteine nach einem gewissen System in München zuzulassen.

Aber es gibt eben auch viel Kritik. Zum Beispiel daran, dass Gunter Demnig die Sprache der Nazis verwendet und „Gewohnheitsverbrecherin“ auf Steine geschrieben hat. Wie wollen Sie das ausschließen?

Wir haben schon 300 Stolpersteine für München herstellen lassen. Auf keinem gibt es Tätersprache – und so wird es auch in Zukunft sein. Von den 52 000 Stolpersteinen in Europa sind doch höchstens zehn umstritten. Es ist einfach nur ein kleines Randphänomen.

Das zuletzt aber für viel Aufsehen gesorgt hat.

Sie müssen sich überlegen, wie die einzelnen Stolpersteine zustande kommen. Meistens ergreifen Angehörige, Mitglieder einer Opfergruppe oder Bewohner eines Hauses, in dem ein Opfer des Holocaust gelebt hat, selbst die Initiative. Sie kommen mit einem Vorschlag, was auf dem Stein stehen soll. Nach umfangreichen Recherchen der Initiativen und Absprache, geht ein ausgearbeiteter Vorschlag an das Büro von Demnig. Er schaut dann, wie es in sein Konzept passt. Wir als Initiative haben wie die 1200 anderen Initiativen in Europa sehr großen Einfluss auf die Frage, was am Ende auf dem Stein steht.

Demnig legt aber sehr viel Wert darauf, dass die letzte Entscheidung bei ihm liegt. Warum sind Sie trotzdem so optimistisch, dass es keine Probleme geben wird?

Weil wir mit Gunter Demnig vertrauensvoll zusammenarbeiten. Und weil das die Regel quer durch Deutschland und Europa ist.

Kulturreferent Küppers plant offenbar, einen Beirat und eine Stiftung zu gründen. Aus der Idee spricht ein gewisses Misstrauen gegenüber Demnig, der nicht das letzte Wort haben soll. Ist es denkbar, dass er zustimmt?

Ich sehe kein Misstrauen, sondern begreife das als Unterstützung seitens der Stadt. Und eine ähnliche Vereinbarung gibt es übrigens auch schon – zwischen dem Land Berlin und Demnig. Die Punkte, die in dem Vertrag 2011 festgehalten wurden, sind ähnlich wie die, die jetzt in München vorgeschlagen werden. Seitdem wurden in Berlin problemlos 4200 Stolpersteine verlegt. Es läuft dort wunderbar.

Wie sieht dieser Berliner Vertrag genau aus?

Es gibt eine zentrale Stelle, die die Recherchen koordiniert. Sie werden an wissenschaftliche Einrichtungen vergeben. Wir hören, dass in München das Stadtarchiv zuständig sein soll. Das begrüße ich. Wir wären nicht nur beruhigt, sondern begeistert von einer solchen Lösung. Das Stadtarchiv unterstützt uns seit langem bei den Recherchen der Opferschicksale.

Möglich, dass Stolpersteine erlaubt werden, aber nur, wo Angehörige zustimmen. Wer keine hat, würde dann ausgeschlossen.

Wenn ein Mensch ermordet wurde und es keine Angehörigen mehr gibt, dann kommt ein übergeordnetes Interesse ins Spiel. Diese Opfer sind bis jetzt ja in der absoluten Anonymität, niemand denkt an sie, niemand kennt ihrer Namen. Vergessen zu werden ist aber noch schlimmer als der Tod. Außerdem: Die Stolpersteine sind ja nicht nur für die Opfer gedacht. Sie machen auch uns allen klar, wie verletzbar unsere Zivilisation ist. Wer einen Stolperstein auf der Straße sieht, wird daran erinnert: Es hat Bürger erwischt. Bürger wie mich. Ich bin dafür, dass Stolpersteine verlegt werden, wenn keine Angehörigen dagegen sind. Also auch, wenn sich keine mehr finden lassen.

Im Rathaus gibt es Stimmen, die Bodendenkmäler ermöglichen wollen – aber nicht mit Gunter Demnig.

Dieser Mann absolviert seit 20 Jahren einen beispiellosen ambitionierten Marathon. Künstlerisch wie körperlich. Er ist 67 und kniet jeden Tag auf einem Bürgersteig irgendwo in Europa. Er hat ganz alleine damit angefangen. Es gibt keinen Menschen, den ich so sehr bewundere wie ihn. Ein bodenständiger Typ. Gunter Demnig hat es nicht verdient, dass er verleumdet wird. Alle Menschen auf der Welt bewundern ihn – außer einige in München.

Das heißt, für Sie geht es nur mit Demnig?

Ich würde es nicht mal diskutieren. Warum auch? Die einzige Beschwerde über ihn ist doch, dass man zu lange auf Stolpersteine warten muss – weil er nie Zeit hat. Wir werden bald 100 000 Stolpersteine in Europa haben. Ich kann die Kritik an Demnig nur böswillig nennen.

Warum ist es in München so schwierig, die Stolpersteine durchzusetzen?

In München fehlt eine Demokratie der Erinnerung. Man will sie zentral gestalten, von der Obrigkeit entschieden. Dass so etwas auch von Opfern ausgehen kann – diese Idee ist in München noch nicht richtig angekommen. Dabei müsste doch keiner Angst haben. Das Leiden und die Erinnerung aller Menschen sollen einfach nur gleich viel Wert sein. Die von Peter Jordan (Überlebender, der sich Stolpersteine für seine ermordeten Eltern wünscht, d. Red.) genauso wie die von Charlotte Knobloch (Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, die Stolpersteine ablehnt, d. Red.). Es gibt kein Monopol auf die Erinnerung. Seit elf bitter schweren Jahren zeigt unsere ehrenamtliche Initiative, dass wir Respekt vor anderen Meinungen haben. Wir sollten uns nicht über die Shoah streiten, nicht persönlich werden.

Sie geben sich optimistisch. Was, wenn der Stadtrat sich doch wieder gegen Stolpersteine entscheidet?

Der Lebensgefährte meiner Mutter hat Auschwitz überlebt. 2011 habe ich ihm erzählt, wie verzweifelt ich bin und dass ich überlege, aufzuhören. Kein Mensch hat sich damals für die Stolpersteine interessiert. Er hat mir gesagt: Wir Juden sind immer verzweifelt. Aber man darf nie aufgeben, muss immer weitermachen. Es ist wirklich so. Wir geben nicht auf. Und wenn es noch zehn Jahre dauert. Wir werden uns weiter für die Stolpersteine einsetzen. Das sind wir den Opfern schuldig.

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