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Tom Prestele (l., mit Kontrabass) und Flo Laske (r., mit Gitarre) bei einem Spontankonzert auf dem Odeonsplatz.

Zwei Musiker starten durch

Tom & Flo – von der Straße auf die große Bühne

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München - Tom und Flo haben jahrelang Straßenmusik gemacht. Jetzt treten sie im Circus Krone auf – wie einst die Rolling Stones und die Beatles.

Ein stinknormaler Wochentag in München, kurz nach halb Zwei, von der eingerüsteten Theatinerkirche scheppert Bauarbeiterlärm über den Odeonsplatz. Mitten auf dem Platz stehen die Straßenmusiker Tom und Flo. Tom mit weißem Hemd, schwarzer Krawatte und Kontrabass. Flo mit weißem Hemd, schwarzer Krawatte und Gitarre. Sie spielen eine Beatles-Nummer, welche versteht man aus sechs Metern Entfernung nicht, der verdammte Baulärm. Kein Mensch hört zu. Ganz, ganz schlechter Ort. Denkt man. Kannst ja gleich auf dem Mittleren Ring spielen. Aber Tom, Alter 34, Nachname Prestele, sagt: „Es ist wie beim Trampen – man darf nicht zu früh aufgeben.“ Okay, dann viel Glück.

Die beiden sind alte Hasen im Straßenmusikgeschäft, zehn Jahre machen sie das jetzt. Quer durch Europa haben sich die Männer, die aus dem schwäbischen Aichach stammen, schon gespielt. Einmal sind sie am Gardasee aufgetreten, das war wahrscheinlich ihre blödeste Idee, denn sie haben ihre Beatles-Ohrwürmer, ihre Simon & Garfunkel-Sachen, ihre Elvis-Evergreens vor der Polizeiwache gespielt. Schnell hat sich eine ansehnliche italienische Menschenmenge um die beiden herum versammelt. Blöd nur: Die bayerischen Musikanten hatten keine Sing-Genehmigung. Ja, so was braucht man. Nach ein paar Minuten beendeten die Carabinieri das Spontankonzert vor ihrer Haustüre. Sie führten Tom und Flo ab. Künstlerpech, Straßenmusikerschicksal.

Früher Rock'n'Roller: Tom Prestele mit dem Bass seines Vaters.

Inzwischen stehen die ersten zaghaften Zuhörer am Odeonsplatz, es sind vielleicht fünf, aber immerhin: Beatles-Musik schlägt Baulärm. Und auch sonst meint es das Leben gut mit Tom und Flo. Momentan müssen sie nicht mehr von der Straßenmusik leben. Sie haben einen vernünftigen, gesellschaftlich durchaus anerkannten Beruf ergriffen. Beide sind Lehrer. Tom an einem Gymnasium in Augsburg. Flo, der auch 34 ist und mit Nachnamen Laske heißt, in Dachau am Gymnasium. Und auch ihre Musikkarriere hat gewaltig Fahrt aufgenommen. Und wie.

Sie nennen sich inzwischen „Tom & Flo“ und sind längst ein Geheimtipp auf kleinen und mittelgroßen Bühnen in der Region. Sie waren im Fernsehen und ihre erste eigene CD haben sie auch schon produziert. Aber der Karriere-Knüller, der steht am 3. Oktober, Punkt 20 Uhr, an – ein Konzert im Circus Krone in München. Circus Krone! Dort haben schon die Rolling Stones, Pink Floyd und die Beatles legendäre Konzerte gegeben. Ein Auftritt auf dieser Bühne – das ist ein Ritterschlag für jeden Musiker. Über 1000 Karten haben „Tom & Flo“ schon verkauft. Von der Stra- ße auf die große Bühne – für die beiden Nebenberufsmusiker hat sich der Traum erfüllt.

Ganz sein lassen können sie die spontanen Auftritte auf Bayerns schönsten Plätzen aber doch nicht. Ewig locken die Innenstädte. Weil Straßenmusik halt auch ein einträgliches Geschäft und ein unbezahlbares Trainingslager ist.

Die Bauarbeiten scheinen Brotzeit zu machen, jedenfalls gehört der Odeonsplatz gerade „Tom & Flo“. Sie spielen „Love Me Do“, der Beatles-Klassiker zieht immer. Bestimmt drei Dutzend Zuhörer wippen im Takt, plötzlich nähert sich ein grauhaariger Herr im Anzug, geht zum Kontrabass-Koffer, der aufgeklappt vor ihnen liegt, und wirft einen Schein rein, 20 Euro. Mein lieber Herr Gesangverein, das gibt’s doch nicht, Straßenmusiker sollte man sein. So viel Geld. Man würde den Herrn jetzt gerne fragen, woran ihn das Lied erinnert. An seine erste große Liebe? An ein Beatles-Konzert in den 1960er-Jahren? Aber so schnell wie er gekommen ist, ist er auch schon wieder weg. Gute Straßenmusik macht was mit den Menschen. Sie holt die Leute – und wenn es nur für ein paar Minuten ist – aus dem Alltag und schießt sie in ein Paralleluniversum, in dem das Leben ziemlich gut sein muss. Auf dem Odeonsplatz jedenfalls klimpern die Euros im Kontrabass-Koffer nur so.

Boyband aus Aichach: Flo (2.v.r.) und Tom (r.) mit 14 Jahren. Damals spielten sie mit ihren Spezln Thomas und Bernd. "The Revits" nannten sie sich damals.

Das ist die eine Seite, die schöne an der Straßenmusik. Man sieht den Erfolg auf der Stelle, man kann ihn sogar nachzählen. Aber man muss ihn sich auch hart erarbeiten, Minute für Minute. „Bei Konzerten“, sagt Tom beim Pausen-Weißbier auf dem Viktualienmarkt, „kann es Höflichkeitsapplaus geben. Auf der Straße laufen die Menschen weiter, wenn es ihnen nicht gefällt.“ Die Straße verzeiht nicht, erst recht keine falschen Töne. Tom und Flo haben auch eigene Songs, die spielen sie im Circus Krone, aber als Straßenmusikanten bleiben sie bei „Can’t Buy Me Love“, „Have You Ever Seen the Rain?“, solche Sachen. Das ist sicherer, einträglicher.

Die Straßenmusik hat „Tom & Flo“ geprägt. Sie haben gelernt, dass das Geschäft am besten läuft, wenn es den Leuten ein bisserl langweilig ist, wenn sie nicht in die Arbeit hetzen und auch keine Weihnachtsgeschenke kaufen müssen. Einmal haben die beiden in Verona direkt vor der Arena gespielt. Sie dachten: Geniestreich, das wird ein Riesengeschäft. Nach der Oper wollen die Leute bestimmt noch ein bisserl Musik hören. Nix da. Die Opernbesucher sind schnurstracks an den bayerischen Straßenmusikanten vorbeimarschiert. Viel besser lief es vor einiger Zeit in Klagenfurt; in der Innenstadt gibt es eine Stelle mit vielen kleinen Cafés, außerdem gab es kaum Konkurrenz. „Hier war es in all den Jahren am lukrativsten“, sagt Flo. Genaue Summen sind natürlich Betriebsgeheimnis.

Manchmal ist Straßenmusik auch eine komplizierte Wissenschaft. Wer in der Münchner Innenstadt spielen will, braucht eine Erlaubnis von der Stadt, die man am Tag des Auftritts einholen muss. Haben Tom und Flo heute natürlich gemacht. Aber damit hat es sich noch längst nicht – als Straßenmusikant muss man an sehr, sehr viele Dinge denken. „Der Erlaubnisnehmer“, heißt es in schönstem Behördendeutsch auf dem städtischen Straßenmusikanten-Merkblatt, „ist verpflichtet, den Standort stündlich so angemessen zu wechseln, dass die Musikdarbietung an dem vorherigen Standort nicht mehr zu hören ist.“

Außerdem ist der Verkauf von T-Shirts untersagt, Verstärker sind verboten, genauso wie Dudelsackpfeifen, Schlagzeug und Trompeten. Wer auf dem Marienplatz spielt, muss während des Glockenspiels 15 Minuten Pause machen. Tom und Flo dürfen heute sowieso nur drei Stunden spielen, so lange dauert die Vormittagsschicht, von 11 bis 14 Uhr. Insgesamt erlaubt die Stadt nur fünf Bands oder Einzelpersonen gleichzeitig einen Auftritt in der Stadt. Sonst, heißt es, wird’s zu voll, zu laut.

Alles ganz schön verzwickt. Aber hier auf der Straße sind Tom und Flo zu kompletten Musikern gereift, zu kleinen Rampenschweinchen. „Noch ein Lied, dann müssen wir aufhören“, ruft Flo dem Publikum zu. Noch ein letztes Mal Beatles. Sonst gibt’s Ärger. Es ist schon Zwei vor Zwei. Der Odeonsplatz groovt – dann ist Schluss. Tom und Flo packen ihre Instrumente zusammen. Im Kontrabass-Koffer hat sich ein beachtenswerter Berg an Münzen angesammelt, grob geschätzt 100 Euro – für eine halbe Stunde Singen. Ein beneidenswerter Stundenlohn. „Früher“, sagt Flo, „hätten wir sofort nachgezählt, wie viel wir verdient haben.“ Jetzt schütten sie es einfach auf einen Haufen und lassen das Geld Geld sein. Das ist viel lässiger, das ist Rock’n’Roll. So hätten es Paul McCartney und Elvis auch getan, wenn sie jemals Straßenmusikanten gewesen wären. Sagen wir jetzt einfach mal.

Stefan Sessler

Konzert im Circus Krone

Noch gibt es Tickets für das Konzert am 3. Oktober, 20 Uhr, im Circus Krone in München. Weitere Infos unter: www.tomundflo.com

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