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Strauß und das mysteriöse Tisch-Loch

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Beinfreiheit für FJS: In der Pizzeria „Bei Mario“ zeigt Kellner Giuseppe di Maio den Tisch, der eigens für den Ministerpräsidenten ausgeschnitten worden ist. Foto: Kurzendörfer
Beinfreiheit für FJS: In der Pizzeria „Bei Mario“ zeigt Kellner Giuseppe di Maio den Tisch, der eigens für den Ministerpräsidenten ausgeschnitten worden ist. © Kurzendörfer

München - Entscheidungen bis hin zum Milliardenkredit reiften in Münchner Gaststätten. Auch in der Pizzeria "Bei Mario". Dort bekam Franz Josef Strauß einen besonderen Tisch.

Wichtige Gespräche führte Strauß gern in Kneipen und Restaurants. „Es war eine Auszeichnung, wenn er sagte: Komm, geh schnell mit zum Essen“, erinnert sich Edmund Stoiber. Zahlreiche Gaststätten rühmten sich, ihn zum Stammgast zu haben. Der noble Bogenhausener Hof etwa „diente meistens für Gespräche mit interessanten Gästen“, erzählt Gerold Tandler. „Zum Beispiel mit Botschaftern, unter anderem auch der Sowjetunion.“ In den Separees, in denen man ungestört und geschützt vor neugierigen Augen und Ohren essen und reden kann, sei es „auch mal später geworden“, berichtet Inhaber Gerhard Gleinser.

Oft war Strauß auch, wie sich sein ehemaliger Generalsekretär Gerold Tandler erinnert, in der Osteria Italiana an der Schellingstraße zu Gast. „Das war für ihn ein ganz besonderes Lokal, weil es genau gegenüber von seinem Elternhaus ist. Da hat es schon ein Lokal gegeben, als er noch ein kleiner Bub war.“ In der „Koje 1“, so Tandler, einer Nische ganz vorn an der Küche, „habe ich zum ersten Mal von dem Milliardenkredit für die DDR gehört“, den Strauß später einfädelte. „Man konnte sich dort diskret unterhalten über Dinge, die nicht sofort an die Öffentlichkeit gelangen sollten.“

Kellner, die den prominenten Gast selbst bedient haben, gibt es in der Osteria heute nicht mehr, ebenso wenig in der Pizzeria „Bei Mario“ an der Adalbertstraße. Doch dass Strauß einst Stammgast war, weiß hier noch jeder. „Seinen Tisch gibt es immer noch“, sagt Kellner Giuseppe di Maio und führt die Besucher zu einer Nische im hinteren Bereich des Lokals. Er lupft die Tischdecke, und der Blick fällt auf eine recht grob ausgeschnittene Seitenplatte. „Das Loch ist reingeschnitten worden, damit Strauß mehr Beinfreiheit hatte“, sagt die Maio.

Im „Canal Grande“ in Nymphenburg traf sich FJS gerne mit persönlichen Freunden zum Essen. „Und wenn er die um sich hatte, konnte er schon mal einen Termin vergessen“, berichtet Edmund Stoiber. „Einmal hat der US-Außenminister Cyrus Vance gewartet, und Strauß kam nicht. Ich war damals Generalsekretär. Da hat mich Büroleiter Knittl angerufen und gesagt: Sie sind der einzige, der den Strauß wieder gut in die Staatskanzlei bringen kann. Es gab ja noch kein Handy. Also bin ich nach Nymphenburg gefahren, bin da rein und habe ihn gebeten zu kommen.“ Strauß kam.

Nicht nur bayerische und italienische Küche schätzte der Genussmensch Strauß. „Er hat auch gern chinesisch gegessen“, erinnert sich Tandler. „Das Tai-Tung, das erste chinesische Restaurant Münchens, war zu der Zeit unten in der Villa Stuck. Das gibt es heute nicht mehr. Da war er oft, weil es mittags nicht so stark frequentiert und nicht weit weg vom Landtag war.“

Das gilt auch für Käfer an der Prinzregentenstraße. „Er war sehr oft bei uns, und er saß sehr gern im Bürostüberl“, berichtet Michael Käfer. In dem Raum mit Platz für bis zu sechs Personen gleich rechts am Eingang zum Restaurant habe Strauß sehr wichtige Gespräche geführt. „Wenn der Raum reden könnte, hätte er sicherlich wahnsinnig viel zu erzählen.“ Strauß sei ein Gourmet gewesen, „der auch einmal einen Fisch gegessen hat“, sagt Käfer. „Aschermittwoch kam er nach dem Auftritt in Passau immer zu uns. Abends um zehn, halb elf, war er dann an der Bar und hat erzählt. Meistens war er extrem gut drauf. Das war für uns ein Highlight.“

In Lokalen trank Strauß am liebsten Weißweinschorle, und zwar selbst gemixt. „Er wollte wissen, was er trinkt, und deshalb hat er sich einen guten Weißwein und Wasser dazu bestellt“, erzählt Tandler. Wie im Leben und in der Politik duldete Strauß dabei nichts Laues. „Kaffee musste wirklich heiß sein und Weißwein und Wasser gut gekühlt“, erinnert sich Tandler. „Wenn der Wein einmal nicht kalt genug war, dann hat er gefragt: ,Haben Sie auch noch andere warme Getränke?‘“

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