Streit um Erhöhung

MVV-Tarif: Harmonie soll Risse kitten

  • vonPeter T. Schmidt
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München - Nach einem gescheitertem Verhandlungstermin setzen die Verbund-Gesellschafter des MVV nun auf Gespräche. Aber die Zeit drängt.

Im Streit um die Erhöhung des MVV-Tarifs ist jetzt Diplomatie gefragt. Bis zu der für Donnerstag angekündigten nächsten Sitzung werde es Gespräche geben, ließ Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter am Sonntag mitteilen. „Wir haben vereinbart, dass wir miteinander, und nicht übereinander reden“, sagte der Sprecher der Verbundlandkreise, Robert Niedergesäß. Der Ebersberger Landrat wertet das als „Zeichen, dass man aufeinander zugeht“. Dass Reiter am Freitagabend nicht dabei war, will Niedergesäß nicht kritisieren. „Herr Reiter war bei der Festlegung der Spielorte für die Fußball-EM“, sagte er. „Das war angekündigt und wurde von allen akzeptiert.“

So viel Harmonie hatte es im Vorfeld der Versammlung, die bisher stets einstimmig über Gebührenerhöhungen entschieden hat, nicht gegeben. Die Landräte liefen Sturm gegen einen Entwurf, der eine Preissteigerung von 3,6 Prozent sehr einseitig den S-Bahn-Pendlern mit weiten Wegen aufgebürdet hätte: Bis zu 5,9 Prozent Erhöhung hätte das für Zeitkarten mit 10 und mehr Ringen bedeutet.

Dass die Verhandlungen am Freitag scheiterten, könne daran liegen, dass viele „neue Player“ am Tisch saßen, vermutet Andreas Nagel, Sprecher der „Aktion Münchner Fahrgäste“. Niedergesäß und Reiter seien neu im Amt, und beim Freistaat sei nicht mehr das Wirtschafts- sondern das Innenministerium für Verkehr zuständig. Letzteres hält Niedergesäß für eher hilfreich: „Wir sprechen beim Freistaat mit den selben Fachleuten wie zuvor, und Minister Herrmann nimmt sich der Sache selbst an und geht auf uns zu. Das war früher anders.“

Nagel ist froh, dass sich die Gesellschafter nicht einigen konnten. „Die wirren Vorstellungen zur vermeintlich unausweichlichen Tariferhöhung waren zu grotesk und unausgegoren“, sagte er gestern. Sein Gegenvorschlag: Für die Preisgestaltung solle nicht die Fahrtstrecke, sondern die Qualität des Angebots maßgeblich sein. „Es ist doch ein Unterschied, ob alle zwei Minuten eine U-Bahn kommt, oder ob man draußen 40 Minuten auf den nächsten Zug warten muss.“ Vor diesem Hintergrund die Kunden im Umland auch noch stärker zur Kasse zu bitten, sei absurd. OB Reiter sei auch politisch gut beraten, wenn er die Last nicht nach draußen abwälze: „Die Münchner wählen ihn ja auch dafür, das er den Autoverkehr aus der Stadt heraushält.“ Reiter ließ am Sonntag mitteilen, er strebe eine einvernehmliche Lösung an, die die Fahrgäste „nicht über Gebühr“ belaste.

Allzu viel Zeit dürften sich die Gesellschafter nicht mehr lassen, wenn der neue Tarif wie vorgesehen zum Fahrplanwechsel im Dezember in Kraft treten soll, mahnt Landrat Niedergesäß. Denn nach dem Beschluss ist noch viel zu tun: Die Regierung muss die Preise genehmigen (was allerdings bisher stets nur eine Formalie war), und das Tarifwerk muss in Fahrplänen, Broschüren und Infomaterial abgedruckt werden. Moderne Technik hat diese Vorlaufzeit allerdings verkürzt: So könne man, wie Nagel erläutert, Ticket-Automaten heute schon per elektronischer Fernwartung auf einen neuen Tarif umstellen, ohne dass dafür ein Techniker von Bahnhof zu Bahnhof fahren müsse.

Peter T. Schmidt

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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