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„Der Traum ist, in München eine Szene zu entwickeln“: Alex Profant (3.v.l.) mit seinen Komiker-Kollegen (v.li.) Wali, „Hüperbel“, Verena, Basti, Pajo und Mel beim Proben im Keller des Münchner Lokals „Mamasita“.

Lacher für München

Jede Pointe ist harte Arbeit

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Noch gibt es in München keine echte Stand-Up-Comedy-Szene - ein deutschlandweit einzigartiges Projekt soll das ändern

Bei Alex Profant können sogar niederschmetternde Sätze lustig klingen. Im Zweifel ist es ja auch am besten, wenn man über sich selbst lachen kann. „Ich hatte in meinem Leben schon so viele Niederlagen“, sagt der Münchner. Er schüttelt den Kopf, manchmal kann er es selbst nicht fassen. Niederlagen an sich sind ja schon niederschmetternd – aber er erlebte sie auch noch vor Publikum, auf der Bühne. Für einen Komiker ist nichts schlimmer als eine Pointe, die nicht greift. Statt Lachern Leere. Profant erlebte das oft. Verdammt oft. Aber er ließ sich nicht entmutigen. Dass Humor Schwerstarbeit sein kann, hat der 35-Jährige auf die harte Tour gelernt.

Donnerstag, ein Keller unter dem Lokal „Mamasita“ am Isartor. Profant steht auf der Bühne, sein Publikum sind heute nur vier Personen, aufgereiht wie die Jury einer Casting-Show im TV. „Ich bin nächste Woche beim Quatsch Comedy Club, diese Nummer muss genau vier Minuten laufen“, erklärt er, „also Einstieg Maximum 30 Sekunden, dann muss jeder Gag sitzen. Zack, zack, zack.“ Er legt los. Sein Publikum notiert jede Pointe. Auch jede fehlende.

Profant ist ein Kind der 90er. In den 90ern gab es Alf und Arschgeweih, Baywatch und bauchfreie Shirts – und die Stand-Up-Comedy-Szene erwachte in Deutschland. Einzelkünstler wie Michael Mittermeier und Willy Astor, die sich über das Leben, ihr Leben lustig machten. Profant dachte: So will ich auch mal sein! 2009 schenkte ihm seine Freundin einen Workshop, 2012 begann er, Kleinbühnen abzuklappern. Fern von München. „Wenn ich mich blamiere, dann nicht zuhause“, sagte er sich. Und er blamierte sich verlässlich.

„Ich wusste genau, dass manche schon dachten: Oje, jetzt kommt der wieder! Ich hab’ gewusst: Es wird nicht funktionieren. Aber ich sagte mir immer: Scheiß’ drauf! Ich spiele, ich spiele, ich spiele!“ Jeden seiner Auftritte filmte er, und die paar wenigen Lacher, die er hatte, analysierte er: Warum klappt das? Und warum das nicht? Im letzten Jahr gewann er erstmals einen Wettbewerb. „Weil ich daran arbeite. Ich bin verbissen.“

Und besessen. In München steckt die Szene in den Kinderschuhen. In Berlin, Hamburg, Köln, überall hörte Profant: Ach, ihr in München, ihr habt ja nichts! „Da dachte ich mir: Was die können, können wir schon lang. Wir sind ja nicht irgend ein Kaff.“ Er rief die Show „Kunst gegen Bares“ ins Leben sowie den „Comedy City Battle“, der am heutigen Freitag ab 20.30 Uhr in der „089 Bar“ stattfindet und bereits bis zu 300 Leute anzieht. Bei diesem Format treten mehrere Komiker aus zwei Städten auf, und der Applaus bestimmt am Ende, welche Stadt die witzigeren Vertreter stellt. Diese Woche duelliert sich München mit Köln. Inzwischen hat Profant seine Show schon in Hamburg, Bremen, Dortmund und Offenburg etabliert, bald folgen Nürnberg und Stuttgart; Berlin, Düsseldorf, Dresden, Hannover und Leipzig sind im Blick. Ende des Jahres sollen neun Städte dabei sein.

Damit nicht genug. Profant initiierte auch ein Projekt, das einzigartig in Deutschland ist: Die Comedy-Trainingsgruppe im Keller des „Mamasita“. Gerade laufen seine vier Minuten Probe ab, vier Minuten Seelenstrip über vermasselte Kontakte mit Frauen. Die Jury ist keine echte Jury, es sind Comedians, Kollegen, die sich regelmäßig treffen, um gemeinsam an Gagdichte, Punchlines, und überhaupt allem zu arbeiten, was das Publikum zum Lachen bringt. Verena hat eifrig mitnotiert und nimmt beim Feedback kein Blatt vor den Mund: „Alex, das Wort Penis fällt zu oft.“ Das kommt schonungslos, alle lachen, laut und herzlich. Auch Kritik muss man mit Humor nehmen.

Fünf bis sechs angehende Komiker treffen sich jede Woche, inzwischen hat es sich rumgesprochen. Es gibt Anfragen aus Hamburg und Aachen; aus Augsburg, Bad Tölz und Innsbruck reisen Interessierte an. „In anderen Städten gibt es so etwas nicht, oft ist die Angst zu groß, dass sich die Leute Gags klauen“, sagt Profant. „Wir sind da kollegialer.“

Verena trat unter anderem schon in der Münchner Kultbar „Roy“ auf. Sie ist nach Profant mit ihrer neuen Nummer dran. Das Urteil fällt hart aus: Gute Ideen, aber kein Stand Up, da falsche Erzählperspektive. „Dann muss ich ja alles umschreiben“, ächzt sie. „Willst du hier scheitern – oder vor Publikum?“, fragt Profant. So ist das bei den Proben: Will man Leuten Spaß bereiten, hat man, bis man soweit ist, selbst wenig zu lachen.

Es steckt viel Arbeit dahinter, sagt Profant. „Witze erzählen kann jeder – aber dass die Pointen da oben auf der Bühne funktionieren, das ist noch mal eine ganz andere Geschichte.“ Darum sei das Training mit den Kollegen so wertvoll, Kritik hilft ja, und generell kann man es lernen. Witzig zu sein ist ein Handwerk, bestehend aus Rhetorik, Gestik, Timing, Allgemeinbildung und Gespür.

Wali hockte einst im Publikum, nun gehört er selbst zu den angehenden Comedians. Privat könne er keinen Witz erzählen, sagt er. „Aber ich teste meine Nummern in Gesprächen mit den Arbeitskollegen oder in der Familie aus. Das klappt dann – oder auch nicht.“ Für Profant ist Humor eh eine Geschmackssache. „Die Leute fragen mich: Du bist Comedian – ja bist du denn witzig? Ich sage: Was für eine Küche magst du am liebsten: Italienisch? Thai? Bayerisch? Wie beim Humor – kommt immer drauf an.“

Dass hingegen nur Wenige davon leben können, andere zum Lachen zu bringen, ist traurig. „Monika Gruber sagte mir mal: Wenn du das für Geld machst, kannst’ gleich aufhören“, erzählt Verena, „Stand-Up-Comedy ist die Königsdisziplin. Sie sagte: Du brauchst ewig – und auch nur dann wird es vielleicht was.“

Alex Profant und seine Kollegen lassen sich aber nicht abbringen. „Der Traum ist, in München eine Szene zu entwickeln. Die Basis ist in dieser Stadt da“, sagt der Mann, der das Potenzial selbst ja am besten personifiziert. Er hat schließlich auf die harte Tour gelernt, wie man sogar niederschmetterndste Niederlagen mit Humor nehmen kann.

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