1. Startseite
  2. Lokales
  3. München
  4. Stadt München

Tauziehen um ein Traditionskino

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Handgemalte Plakate und der Charme der Tradition: Das Filmtheater am Sendlinger Tor ist seit fast 70 Jahren ein Familienbetrieb. Das könnte sich ab 2015 ändern. Foto: Klaus Haag
Handgemalte Plakate und der Charme der Tradition: Das Filmtheater am Sendlinger Tor ist seit fast 70 Jahren ein Familienbetrieb. Das könnte sich ab 2015 ändern. Foto: Klaus Haag

München - Die Zukunft des Filmtheaters am Sendlinger Tor ist ungewiss. Ab 2015 könnte ein Luxus-Kino den fast 70 Jahre alten Familienbetrieb verdrängen. Fritz Preßmar, dessen Vater das Filmtheater bereits leitete, kämpft um seinen Mietvertrag.

Das Tauziehen findet hinter den Kulissen statt. Und Fritz Preßmar ist auch nicht sonderlich glücklich darüber, dass nun in der Zeitung steht, was ein Jahr lang nur gerüchteweise die Runde machte: Dass sein Filmtheater am Sendlinger Tor in Gefahr sei. Dass stattdessen ein Luxuskino mit Ledersitzen, Champagner und edlen Häppchen am Platz einziehen könnte. Es sei ja auch noch nichts entschieden, betont der 68-Jährige auf Anfrage. „Der Zug ist noch nicht abgefahren, es gibt nach wie vor Verhandlungen, und die gehen in alle Richtungen.“

Fakt ist: Mitte 2015 läuft Preßmars Mietvertrag aus. Dass dieser verlängert wird, ist nicht sicher. Denn der Kino-Unternehmer Hans-Joachim Flebbe sucht in München nach einem Standort für eine seiner „Film Lounges“, Kinos eben jener Luxusklasse, die er bereits in Berlin, Frankfurt und Köln eröffnet hat - und auch, ein wenig versteckt, im Hotel Bayerischer Hof in München.

Flebbe ist auch auf die Hausbesitzer vom Sendlinger-Tor-Platz 11 zugekommen. „Ich habe mit den Vermietern geredet“, bestätigt er auf Anfrage, wiegelt aber ab: „Konkrete Verhandlungen gibt’s noch nicht.“ Gleichwohl verhehlt der Gründer und ehemalige Vorkstand der Cinemaxx AG nicht, dass er sich an der Isar umschaut. Auf „zehn, zwölf“ Adressen habe er ein Auge geworfen, darunter „Gewerbe-Einheiten und Gastro-Betriebe, die Säle haben“. Und eben auch das Filmtheater.

Auch wenn vor wenigen Wochen nicht weit entfernt das „Gloria“ am Stachus mit einem ähnlichen Luxus-Konzept eröffnet hat, glaubt Flebbe nicht, dass der Bedarf in München gedeckt ist: „Die Stadt hat noch Potenzial.“

Das glaubt Fritz Preßmar nicht. Das Publikum wolle mehrheitlich eben doch ein preiswertes Kinovergnügen, bei dem der Film im Mittelpunkt steht. „In Berlin gibt es nur eine Film-Lounge. Wieso sollten sich in München drei rentieren?“ Flebbe entgegnet: „Ich würde in Berlin ohne mit der Wimper zu zucken zwei bis drei neue Lounges eröffnen, wenn ich die Räume hätte. Der Bedarf ist da.“

Seit 40 Jahren leitet Preßmar das Filmtheater, das 1913 erbaut wurde, er zeigt bevorzugt Anspruchsvolles - und noch nie sei er die Miete schuldig geblieben, sagt er. Seit den Zeiten seines Vaters, der das Kino 1946 übernahm, gibt es die Regelung, dass die Vermieter einen prozentualen Anteil am Gewinn erhalten. Natürlich seien die Einnahmen nicht mehr so üppig wie 1948, als 900 000 Besucher im Jahr kamen, räumt Preßmar ein. Doch biete er die verlässlichere Variante. Eine hohe Festpacht lasse sich auch mit einem Luxuskino nicht erwirtschaften.

„Ich möchte das Kino noch an meinen Sohn übergeben“, sagt er und hofft, mit seinen Argumenten bei den Vermietern punkten zu können. „Wenn an ein Unternehmen einer anderen Branche vermietet würde, das eine wesentlich höhere Pacht zahlen könnte, müsste ich das akzeptieren. Aber ein intaktes Traditionskino durch ein anderes Kino zu verdrängen, das auch nicht wirtschaftlicher ist, das wäre traurig.“

Hans-Joachim Flebbe will sich das nicht nachsagen lassen und bietet an: „Ich hätte mir auch überlegt, ob man die Lounge nicht mit Herrn Preßmar zusammen machen könnte.“ Das Tauziehen hinter den Kulissen geht weiter.

Johannes Löhr

Auch interessant

Kommentare