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Das Klinikum Harlaching war Ziel einer Recherche des "Team Wallraff". 

RTL-Bericht über das Klinikum Harlaching

Team Wallraff-Bericht: Enthüllungsstory zur falschen Zeit

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München - Ein Reporter-Team um Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat vermeintliche Pflege-Mängel im Harlachinger Krankenhaus aufgedeckt und mit versteckter Kamera Aufnahmen angefertigt. Am Montag lief der Bericht im Fernsehen. Die Städtische Klinik-GmbH kritisiert das Vorgehen von RTL, will den Vorwürfen aber nachgehen.

Fast vier Millionen Menschen sahen am Montagabend auf RTL verwackelte Bilder aus dem städtischen Klinikum Harlaching. Einer Reporterin aus dem Team von Enthüllungsjournalist Günter Wallraff war es im Dezember 2014 gelungen, teils verstörende Aufnahmen vom Alltag in deutschen Kliniken zu machen, auch in München. Zu sehen war, wie Patienten in Harlaching von Ärzten und Pflegern rüde behandelt und einmal auch beschimpft wurden, außerdem wurde defektes medizinisches Gerät gezeigt.

Zustände immer und überall so wie gezeigt?

Die Reporterin hatte sich als Praktikantin einstellen lassen und wurde auf der chirurgischen Station eingesetzt. Dort filmte sie acht Tage lang heimlich die Abläufe. Zu sehen ist zum Beispiel ein sturzgefährdeter Mann, der im Krankenzimmer auf einer Matratze auf dem Boden liegt. Die Reporterin begleitet einen Pfleger in den Raum. Der betagte Patient bittet darum, auf die Toilette begleitet zu werden. Der Pfleger reagiert brüsk und forderte den Senior auf, in die Windel zu machen. In dem TV-Beitrag wird Claus Fussek die Szene vorgespielt. „Es gibt nichts Entwürdigenderes, als seine Notdurft in die Windel machen zu müssen“, sagt der Pflegeexperte.

Eine andere Aufnahme zeigt die Reporterin am Morgen auf der Station. Sie soll helfen, die Patienten zu waschen und anzuziehen. Zwei Schwestern müssten dies bei 29 Kranken in nur einer Stunde schaffen, prangert der Film an. „Das sind vier Minuten pro Mensch.“ Am Abend gelingt der Reporterin dann eine schockierende Aufnahme. Eine Pflegerin betritt ein Krankenzimmer und grüßt einen alten, dementen Patienten. Als dieser nicht reagiert, sagt sie: „Ich fick’ Dich, Du Tauber!“ Die Reporterin kommt zu dem Schluss, dass in deutschen Krankenhäusern die Zustände katastrophal seien, Patienten schlecht behandelt werden – auch in Harlaching.

Für Axel Fischer kommt der RTL-Bericht zur Unzeit. Der Geschäftsführer der Städtischen Kliniken ist derzeit mit der Sanierung der defizitären GmbH beschäftigt und hatte gehofft, die Kliniken nach turbulenten Jahren in ruhigeres Fahrwasser steuern zu können. Der Klinik-Chef erfuhr Montagabend von der Ausstrahlung auf RTL, telefonierte sofort mit Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Kliniken. Fischer sagte zu, den Vorwürfen nachzugehen und etwaige Missstände umgehend zu beseitigen.

Klinik-Leitung: In keinster Weise der Klinik-Alltag

Aus Sicht der Klinikleitung spiegelt der RTL-Bericht in keinster Weise den Alltag im Klinikum Harlaching wider. „Der Eindruck ist definitiv nicht gerechtfertigt“, sagte Fischer gestern bei einem Pressegespräch. Den respektlosen Umgang mit Patienten werde das Klinikum nicht dulden und dagegen vorgehen. Dass zu wenig Pflegepersonal für die Patienten auf den Stationen beschäftigt sei, wies Fischer zurück. An dem Morgen, als die Reporterin beim Anziehen und Waschen helfen sollte, seien nicht nur zwei Schwestern im Einsatz gewesen, außerdem seien nicht alle 29 Betten belegt gewesen. Dies habe eine Nachfrage auf der Station ergeben. Der Mitarbeiterin, die den dementen Patienten beleidigt hatte, sei bereits im Sommer 2015 gekündigt worden. Für Fischer ein Beleg, „dass die internen Mechanismen“ funktionierten. RTL hatte ohne Genehmigung gedreht und – entgegen journalistischer Grundsätze – das Klinikum nicht mit den Vorwürfen konfrontiert. Dies sei „hochfragwürdig“, sagte Fischer. Ob man gegen RTL rechtlich vorgehe, sei aber eher unwahrscheinlich.

Auch wenn die Gesichter im Film gepixelt und die Stimmen verzerrt wurden, erkannten sich mehrere Klinik-Mitarbeiter im Film wieder. „Die Kollegen sind sehr betroffen und fühlen sich beschmutzt“, sagt Pflegeleiterin Sonja Eckardt. Das Team werde brauchen, sich von dem „Vertrauensmissbrauch“ zu erholen

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