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Reden hilft: Gerade an den Feiertagen sind viele einsam.

Interview mit Telefonseelsorgerin

Hilfe rund um  die Uhr: „Gerade an Weihnachten sind viele Menschen einsam“

München - Monika Groß (Name geändert) ist seit mehr als 30 Jahren bei der Evangelischen Telefonseelsorge München tätig, die eng mit der katholischen Kirche kooperiert. Die Beratung erfolgt anonym. Gerade an Weihnachten fühlen sich viele Menschen verzweifelt und einsam.

Wer bei der Seelsorge anruft, bekommt Hilfe. Vor den Feiertagen sprach Monika Groß über die vielen Sorgen der Anrufer.

Frau Groß, klingelt das Telefon an Heiligabend öfter als an den restlichen 364 Tagen?

Nicht unbedingt öfter, die Anliegen drehen sich halt um das Thema Weihnachten. Ansonsten kann man eigentlich nie abschalten in unserem Dienst. Wenn man den Hörer auflegt, klingelt es meist ein paar Sekunden später wieder. Das ist das ganze Jahr über so.

Bei einsamen Menschen kommen diese Gefühle an Weihnachten besonders stark hoch?

Ja. Speziell an Weihnachten dreht sich viel um das Thema Einsamkeit oder Krach in der Familie. Da bekommt man keine Stiegenhaus-Geschichten zu hören. Das sind tiefgehende, notwendige Gespräche. Wer nicht alleine ist an Weihnachten, hat ja gar keine Zeit zum Anrufen. Oft sind die Sorgen an den Feiertagen umso emotionsgeladener.

Welche Probleme sind am häufigsten?

Zwischenmenschliche Beziehungen im weitesten Sinne. Zum Beispiel, wenn sich die Kinder nicht melden oder der Ehepartner im letzten Jahr gestorben ist. An Heiligabend ruft keiner an, der Ärger mit dem Finanzamt hat.

Was kann man Hilfesuchenden sagen?

Wir haben zum Beispiel die Möglichkeit, auf Veranstaltungen hinzuweisen, etwa die Weihnachtsfeier von der Caritas. Manchmal hilft es aber schon, die Menschen einfach erzählen zu lassen: über Wünsche, die nicht in Erfüllung gingen, über persönliche Enttäuschungen.

Das bloße Zuhören ist also sehr wichtig . . .

Das ist das A und O der Telefonseelsorge. Das Gefühl zu vermitteln, für jemanden da zu sein, ist wichtig. Ratschläge zu erteilen, ist hingegen Unsinn.

Nimmt die Zahl der Hilfesuchenden zu?

Die Zahlen sind konstant. Dazu muss man allerdings sagen, dass wir ohnehin völlig ausgelastet sind. Mehr könnten wir gar nicht leisten.

Was, wenn Ihnen etwas nahegeht und Sie nicht damit klarkommen?

Es gibt bei uns immer Gruppengespräche und auch die Möglichkeit einer persönlichen Supervision. Wenn es mir schlecht geht, bietet die Evangelische Telefonseelsorge eine psychosoziale Betreuung.

Was machen Sie bei psychischen Notfällen?

Man muss das aushalten und irgendwie im Gespräch regeln.

Und wenn sich jemand umbringen will?

Sicher, es gibt Suizidanrufe, aber weniger, als man in der Öffentlichkeit annimmt. Es macht auch einen Unterschied, ob jemand den Gedanken an einen Suizid oder die konkrete Absicht äußert. Wenn jemand seinen Namen und seine Adresse nennt oder gar mit einem erweiterten Suizid droht, sind wir verpflichtet einzugreifen – das heißt, die Polizei zu verständigen.

Rufen bei Ihnen mehr Männer oder mehr Frauen an?

Zu etwa zwei Drittel Frauen, zu einem Drittel Männer. Wobei sich der Anteil der Männer in den letzten Jahren vergrößert hat – vor allem bei den Chats. Hier kann man sich einen Termin für ein Gespräch mit einem Mitarbeiter der Seelsorge reservieren.

Die Altersstruktur der Anrufer?

Die Hauptgruppe liegt im Bereich zwischen 40 und 49 Jahren. Ich glaube, das macht einen Anteil von 43 Prozent aus. Beim Chat melden sich viele junge Frauen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren.

Warum gerade Menschen zwischen 40 und 49 Jahren sowie junge Frauen?

Ich weiß es nicht. Das wäre ein guter Stoff für eine Doktorarbeit.

Wie feiern Sie selbst denn Weihnachten?

Ganz traditionell an Heiligabend im Kreise der Familie. Ich habe eine große Wohnung, eine große Familie und einen großen Tannenbaum. Wir singen zwar nicht an Heiligabend, aber wir lesen die Weihnachtsgeschichte.

Interview: Klaus Vick

Hier findet man Hilfe

Evangelische Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111

Katholische Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 222

Das Angebot ist 24 Std. verfügbar

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