Er liebt Kultur – und bringt sie ans Publikum: Michael Grill, Geschäftsführer der Theatergemeinde München. Foto: Schlaf

Theatergemeinde München: Opern fürs Volk

München - Vor fast 100 Jahren wurde sie gegründet, um die breite Bevölkerung mit günstigen Theaterkarten zu versorgen. Heute ist die „Theatergemeinde München“ nach dem FC Bayern der zweitgrößte Verein in der Stadt.

Man soll die Aufbruchsstimmung schon von außen sehen, darum macht Michael Grill, 45, erst mal eine Führung ums Haus der Theatergemeinde München. „Das ist der kleine Stolz des Geschäftsführers“, sagt er und deutet in die Schaufenster. Hinter Glas: Kunterbunte Schilder mit der Aufschrift „Sie lieben Kultur!“ und „Wir lieben Kultur!“. Dazu das neue Logo „TheaGe“. Nicht besonders spektakulär - aber im Vergleich zu vorher schon ziemlich auffällig. Bislang war eher tote Hose an der Ecke Landwehr- und Goethestraße, mitten im Bahnhofsviertel, zwischen Gemüse-Tandlern, Dönerläden und Hotels. „Man hat keine Notwendigkeit gesehen, groß nach außen zu wirken“, sagt Grill, der die Geschäfte seit Anfang des Jahres führt. Er will das ändern.

Denn darum geht es ja bei der Theatergemeinde: Kultur vermitteln, zu günstigen Konditionen und an Menschen, die dafür empfänglich sind - die aber vielleicht einen kleinen Anstoß brauchen. Der gemeinnützige Verein erwirbt Kartenkontingente von den verschiedensten Münchner Bühnen und gibt sie ohne Vorverkaufsgebühr und mit bis zu 20-prozentigem Rabatt an die Mitglieder weiter, Beratung inklusive. Bisweilen kommen Mitglieder auch in den Genuss von Exklusiv-Konzerten. Heute in einer Woche tritt etwa die Formation „Blechschaden“ der Münchner Philharmoniker in der Kongresshalle am Bavariapark auf. Und als die Biermösl Blosn sich getrennt hatte, stellte Hans Well seine neue volksmusikalische Satire-Truppe zuallererst Mitgliedern der Gemeinde vor. 26 Euro kostet die Mitgliedschaft im Jahr.

Lange Zeit war dieses Modell ein Selbstläufer. Gegründet wurde der Verein 1919 als „Bühnenvolksbund“ mit christlicher Ausrichtung. „Damals ging es darum, dass auch weniger wohlhabende Schichten die Chance auf Kultur bekommen“, sagt Grill, „man stellte Verteilungsgerechtigkeit her.“ Der Volksbund war den Nazis nicht geheuer (Bildung! Kultur!) und wurde schon 1933 verboten. 1947 aber war auch der Hunger nach geistiger Nahrung groß, nach freier Kunst, Literatur, Theater, Oper. Es gab viel mehr Nachfrage als Karten. In einer Baracke am Stachus startete der Kartenverkauf des nun Theatergemeinde genannten Vereins - und die Münchner kamen in Scharen. Zuweilen hatte man über 60 000 Teilnehmer und baute über die Jahre ein Netz von 50 Außenstellen im südlichen Oberbayern auf, das heute noch besteht.

„Wir sind in und um München immer noch der größte Verein nach dem FC Bayern“, sagt die Vorstandsvorsitzende Sibylle Steinkohl. Heute sind es noch 25 000 Mitglieder, viele sind von Anfang an dabei. Und da liegt auch das Problem: Viele Kulturinteressierte wollen sich nicht mehr an einen Verein binden und nutzen andere Wege, um sich zu informieren. „Unsere Mitglieder sind sehr treu“, sagt Steinkohl. „Aber wir müssen schauen, dass wir den Anschluss nicht verpassen.“

Um die alten Wegbegleiter nicht zu verschrecken, fallen die Erneuerungen eher moderat aus. „Früher mussten Mitglieder verpflichtend ein paar Veranstaltungen besuchen“, sagt Steinkohl. „Jetzt ist alles freiwillig.“ Zusätzlich zum Monatsprogramm schickt die Theatergemeinde außerdem wöchentlich per Mail einen „Kulturaufruf“ mit Veranstaltungsvorschlägen aus verschiedenen Sparten. Und Michael Grill kündigt an: „Wir wollen uns als Diskussionsplattform etablieren.“ Mit so vielen Mitgliedern habe man den Anspruch, sich mehr als bisher in den kulturpolitischen Diskurs der Stadt einzubringen. Freilich anders, als das nach dem Krieg der Fall war: Damals waren die Ansichten noch arg konservativ, was sich schon mal in lautstarken Protesten gegen zu viel nackte Haut auf der Bühne äußerte. „Heute wollen wir Politiker mit Intendanten oder Schauspieler mit Architekten zusammen auf die Bühne bringen, zu stadtpolitischen Themen“, kündigt der frühere Journalist Grill an.

Und man sieht sich mehr noch als zuvor in der Rolle des Kulturvermittlers, der seine Mitglieder mit Dingen in Berührung bringt, die sie vorher vielleicht nicht so attraktiv gefunden hätten. „Wir werden natürlich niemandem, der etwas Heiteres will, ein Stück von Elfriede Jelinek empfehlen“, betont Grill. Aber man erlebe gerade beim „Kulturaufruf“ immer wieder schöne Überraschungen, fügt Steinkohl hinzu. „Für jedes ,Des braucht’s mir nimmer schicken‘ gibt es ein ,Das war ein unvergleichliches Erlebnis, das ich ohne Euch nie kennengelernt hätte‘.“

Weitere Informationen

www.theage-muenchen.de

Johannes Löhr

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