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Tierpark-Chef Rasem Baban mit Eule Norman.

Großes Merkur-Interview

Tierpark-Chef Rasem Baban: Große Pläne für Hellabrunn

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München - Seit August 2014 trägt er die Verantwortung für 150 Mitarbeiter und tausende Tiere aus mehr als 750 Arten: Rasem Baban, 49, hat als Chef des Tierparks Hellabrunn große Pläne. Die erklärt er im großen Interview:

Im Interview spricht er über die Vorreiterrolle des Münchner Zoos, über seinen Bildungsauftrag und darüber, warum es moralisch gerechtfertigt ist, Tiere einzusperren. Und er erklärt, was Ludwig, Nela und Nobby erwartet.

Hellabrunn soll „Geozoo der Biodiversität“ werden. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Das Geozooprinzip wurde in den 1920er-Jahren in Hellabrunn erfunden. Weltweit erstmalig hat man Tiere nach ihrer Herkunft gezeigt. Also afrikanische, asiatische, südamerikanische, europäische Tiere. Und nicht, wie es in allen anderen Zoos üblich war, alle Huftiere, Raubtiere und so weiter. Das war revolutionär, und ganz viele Zoos sind auf dieses Münchner Prinzip umgeschwenkt. Wir wollen dieses Geozoo-Prinzip wieder schärfen. Wenn der Besucher durch den Tierpark läuft, soll er das Gefühl haben: Ich bin im Parkbereich Amerika. Und jetzt gehe ich in den Bereich Asien.

Und die Biodiversität?

Das ist ein relativ neuer Begriff. Er beschreibt die Variabilität, Komplexität und Lebensvielfalt aller Lebensarten, Ökosysteme und Lebenssysteme und ihr Wirken untereinander. Man kann auch sagen, Biodiversität ist die Lebensvielfalt, und der Mensch spielt da eine ganz tragende Rolle. Die Natur selbst hält sich wunderbar in der Balance. Wir sind das Zünglein an der Waage. Das wollen wir darstellen.

Klingt kompliziert.

Diese Zusammenhänge sind sehr komplex, aber sie werden einfach, wenn wir sie in geographischen Bezügen darstellen. Die Bedrohung des Eisbären können wir viel besser im Kontext der Polarwelt verstehen, als wenn wir sie im Rahmen einer Ansammlung von Raubtieren zeigen würden.

Welche Rolle spielt dabei das neu gestaltete Artenschutzzentrum?

Das ist die Keimzelle der Biodiversität. Hier erfährt der Besucher: Was ist Biodiversität, wie funktioniert sie? Er wird Biodiversität anhand der Tiere live erleben. Und immer wieder wird er Inhalte aus dem Artenschutzzentrum wiederfinden: Dieses Tier ist hier, weil es bedroht ist. Aber wir können dieses und jenes machen, um das zum Guten zu wenden. Meine Empfehlung wäre, jeder Tierparkbesucher sollte zuerst zehn bis 15 Minuten ins Artenschutzzentrum gehen und sich informieren. Dann geht er raus und erlebt es – in einer entspannten Atmosphäre. Es soll nicht deprimierend sein.

Was kann der Einzelne denn tun?

Eine ganze Menge – vom Mobilitätsverhalten über die Ess- und Einkaufsgewohnheiten bis zum Verzicht auf bestimmte Produkte wie beispielsweise Tropenholz. Wir klären im Artenschutzzentrum auf und geben ganz konkrete Ratschläge, worauf man achten muss.

Was alles neu wird im Münchner Tierpark

Die Giraffen sind seit 2013 am Isar-Eingang. Von dort soll sich Afrika entlang der Isar nach Süden ziehen. Was wird sich noch ändern?

Will man das Geozoo-Prinzip wieder herausarbeiten, hat das auch eine Konsequenz: Qualität vor Quantität. Wir werden uns von der ein oder anderen Tierart trennen müssen. Hellabrunn funktioniert nicht wie eine Briefmarkensammlung. Um eine Botschaft zu vermitteln, brauchen wir nicht fünf Hirscharten oder zehn Raubkatzen. Wir konzentrieren uns auf gewisse Arten, die uns sehr wichtig sind, und die zeigen wir in einer perfekten, naturnah gestalteten Anlage.

Bleiben die Löwen?

Ja, definitiv. Die Anlage für die Löwen ist auf dem Papier schon fertig. Wir warten jetzt, bis Olga gestorben ist. Sie ist eine uralte Braunbärin und darf weiterhin ungestört leben. Doch ihr Gehege wird eines Tages zu einer der schönsten Löwenanlagen in ganz Europa umgestaltet werden.

Wie ist Ihr Zeitplan?

Wir packen Ende 2015 den zweiten Bauabschnitt an: Der Robbenbereich wird komplett überarbeitet und mit moderner Filtertechnik ausgestattet. Die Anlage selbst ist noch brauchbar, aber eine Betonwüste. Wir gestalten sie in eine Polarwelt um, die diesen Namen verdient. Und dann sind wir dabei, die Planung fürs Mühlenbauerndorf voranzutreiben. Das soll dort entstehen, wo heute der Kindertierpark ist.

Wie müssen wir uns dieses Dorf vorstellen?

Ich will nur so viel verraten: Es wird gelebte Biodiversität darstellen, und zwar in unserem direkten Lebensraum: dem Voralpenland und der Alpenregion. Wir haben hier einen Biodiversitäts-Hotspot. Das wissen die wenigsten. Nicht nur das Great Barrier Reef oder das Amazonasgebiet sind so ein Hotspot. Flora und Fauna, bedrohte Natur – das ist auch vor unserer Haustür ein Thema. Wenn wir das verstanden haben, verstehen wir auch die Probleme in anderen Ländern. Wir haben vom Aussterben bedrohte Haustierrassen, zum Beispiel das Murnau-Werdenfelser Rind. Es steht für die bunte Vielfalt alter Nutztierrassen, die den Anforderungen der modernen Lebensmittelindustrie nicht mehr gewachsen sind. Jeder kann sich fragen, ob die heutigen Nutztierzüchtungen ein guter Weg sind.

Ist sie einer – Stichwort „Turbokuh“?

Ich will die Frage gar nicht beantworten. Wir stellen Dinge dar, wir zeigen, wie unterschiedlich früher die Haustierrassen waren, und dann kann jeder Besucher selber sehen, wie der Mensch das weiterentwickelt hat. Einen erhobenen Zeigefinger wird es nicht geben. Wir maßen uns nicht an, alles besser zu wissen.

Wie wollen Sie im Landschaftsschutzgebiet erreichen, dass der Besucher sich in Afrika wähnt?

Zunächst mit einer klaren Zuordnung von afrikanischen Tierarten. Wir werden die Wegeführung überarbeiten und Gehege und natürliche Sichtbarrieren so anordnen, dass der Bezug zu dem Kontinent mit allen Sinnen zu erfahren ist. Natürlich werden im Hellabrunner Afrika keine Palmen wachsen. Aber die Atmosphäre wird man spüren. Auch heimische Gehölze, etwa eine Robinie, kann ich so aufasten und schneiden, dass sie fast wie eine Schirmakazie aussieht.

Und die Kioske?

Auch Kioske und Gastronomie sollen die Atmosphäre des Kontinents unterstreichen, so dass der Besucher ein Gefühl für landestypische Kultur und Essgewohnheiten bekommt. Natürlich behalten wir die Klassiker im Angebot. Aber wir werden zunehmend darauf achten, dass wir Speisen und Getränke aus nachhaltiger Produktion anbieten.

Ein Architekt für Tiere

Ihre Vorgänger waren Tierärzte, Sie sind Architekt. Ist das ein Nachteil?

Ich sehe mich in der Rolle eines Managers. Durch meinen Beruf bedingt verstehe ich mich als Architekt der Tiere. Ein guter Architekt muss seinen Bauherrn sehr gut verstehen, sich in ihn hineinfühlen, seine Sorgen und Nöte erkennen. Dann kann er für ihn etwas Ordentliches bauen. Von daher hat es vielleicht sogar Vorteile, weil ich als Architekt mit einer anderen Sichtweise an die Problemstellungen herangehe, ergänzt durch die hervorragende Unterstützung unseres Tierärzteteams, der Kuratoren und der Tierpfleger.

Sind alle Tiere in Hellabrunn so untergebracht, wie Sie sich das wünschen?

Wir halten unsere Tiere generell art- und tiergerecht. Wir haben aber unstrittig Tierhaltungen, die für das Auge des Betrachters und damit vielleicht auch für das Tier nicht ganz optimal sind.

Zum Beispiel?

Das Urwaldhaus. Wir haben es innen komplett umgestaltet. Die Größe der Gehege, die Klettermöglichkeiten – all das hat gepasst. Aber das Ambiente war von Stahl, Glas und glatten Betonwänden geprägt. Das will der Besucher heute nicht mehr, und nach meinem Gefühl finden es auch die Tiere nicht spannend. Deswegen haben wir dort eine naturnahe Landschaft mit Felsen, Naturböden, Kunst- und Naturbäumen geschaffen Ich bin schon auf Freitag gespannt, wenn Gorillas und Schimpansen die neuen Gehege beziehen.

Auch die Außenanlagen wurden geändert, weil zwei Schimpansen im Wassergraben zu Tode kamen.

Wir haben keine Wassergräben mehr. An ihrer Stelle haben wir begehbare grüne Oasen geschaffen. Die Tiere haben deutlich mehr Bewegungsfreiheit und werden nur durch eine Glasscheibe vom Besucher getrennt sein.

Elefantenkind Ludwigs Zukunft

Wie geht die Sanierung des Elefantenhauses voran?

Alles liegt im Plan. Wir waren froh, dass wir im September mit der Sprengung der Kuppel den Startpunkt setzen konnten. Es hat sehr viel Zeit gekostet, bis die Entscheidung von allen Gremien abgenickt war. Aber jetzt schauen wir nach vorne. Der Rohbau hat begonnen, und im Juni/Juli wird die Stahlkuppel aufgesetzt. Wir werden dieses Jahr den Rohbau abschließen. Im Frühjahr 2016 wollen wir fertig sein.

Zu spät für den halbstarken Elefanten Ludwig.

In der Tat kann Ludwig nicht mehr dauerhaft mit den Kühen in dem Provisorium gehalten werden. Es muss zeitnah eine Lösung her. Wir sind dabei, eine Unterbringung in einem anderen Zoo sicherzustellen. Wir werden die Öffentlichkeit rechtzeitig informieren. Sobald die Elefantenanlage fertig ist, werden wir die Gruppe wieder sinnvoll aufbauen und erweitern.

Hellabrunn ist gerade erst als besonders familienfreundlich bewertet worden. Werden Sie die Eintrittspreise halten können?

Wir haben zum 1. August 2014 die Preise für Erwachsene von 12 auf 14 Euro erhöht, jedoch den Preis für die Jahreskarten beibehalten. Damit sind diese noch attraktiver geworden: Nach dreieinhalb Besuchen hat man die Jahreskarte wieder drin. Wir liegen mit der Preisgestaltung im unteren Drittel im deutschsprachigen Raum. Das versuchen wir beizubehalten. Wir werden allerdings unsere Preise in Zukunft auch den Marktgegebenheiten anpassen müssen. Energie und Futter werden teurer, die Löhne werden steigen. All das können wir nicht beeinflussen.

Wieviel legt die Stadt bei jeder Karte drauf?

2013 waren es 1,21 Euro.

Beim Lenbachhaus und Stadtmuseum sind es mehr als 100 Euro. Ist das gerecht?

Ich will das nicht in Kategorien wie gerecht oder ungerecht bewerten. Ich möchte die Frage eher zurückgeben: Was ist unserer Gesellschaft Bildung im Bereich Artenschutz, Umweltschutz und Biodiversität wert? Jede Form der Bildung sollte gleichwertig betrachtet und angemessen unterstützt werden. Es steht mir nicht zu, den Subventionsbericht der Stadt zu kritisieren. Der stellt ja nicht das Gesamtbild dar. Der Umbau und die Sanierung des neuen Elefantenhauses werden durch die Stadt München mit rund 15 Millionen Euro finanziert. Dafür sind wir sehr dankbar.

Hellabrunn hatte 2014 einen Besucherrekord. Wird das so weitergehen?

Den Rekord mit fast 2,3 Millionen Besuchern haben wir zum allergrößten Teil unseren Eisbärenzwillingen Nela und Nobby zu verdanken. Eisbären, gerade Jungtiere, üben eine extreme Anziehungskraft auf Menschen aus. Damit müssen wir verantwortungsvoll umgehen. Wir können Tiere nicht um der Tiere willen vermarkten, aber man kann in einem ganz engen Korridor manchmal sagen, der Zweck heiligt die Mittel. Da die Besucher die Eisbärenzwillinge so attraktiv finden, können wir ihre Popularität nutzen, um zu erklären: Warum haben wir Eisbären? Warum sind diese Tiere bedroht? Was kann der Mensch tun? Wenn wir auch nur einem kleinen Teil der Besucher dazu etwas mitgeben können, haben wir viel erreicht. Wir werden 2015 keine solche Besucherzahl mehr erreichen. Wir müssen aber versuchen, ein hohes Niveau zu halten.

Nachwuchs-Management im Zoo

Werden Zootiere gezielt wegen des Publikumsinteresses gezüchtet?

Nein, im Gegenteil. An erster Stelle stehen das Wohl des Tieres sowie die Möglichkeiten, potenzielle Jungtiere langfristig unterzubringen. Mit Hilfe von Kuratoren und Tierärzten betreiben wir ein hochkomplexes Tiermanagement.

Wie wird gesteuert?

Im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm EEP gibt es für jede bedrohte Tierart einen Zuchtbuchtführer. Der koordiniert sämtliche in menschlicher Obhut gehaltenen Tiere einer Art und vermittelt sie innerhalb der Weltzoogemeinschaft, mit dem Ziel einer sich selbsterhaltenden Zoopopulation. Wir haben beispielsweise das europäische Zuchtbuch für die Drills. Wir steuern europaweit dieses Zuchtprogramm, passen auf, dass es keine Inzucht gibt, dass der Genpool erhalten bleibt. Wird ein Tier an einen anderen Zoo abgegeben, kümmert sich der Koordinator darum, dass die Tiere optimal betreut werden.

Wie kann man Nachwuchs verhindern? 

Zum Beispiel mit klassischer Geschlechtertrennung – nur Männchen oder nur Weibchen. Das kann man zum Beispiel bei Totenkopfäffchen so machen. Wenn man sieht, dass die Population in einem Zoo sehr groß ist, wird der männliche Nachwuchs in eine Männergruppe abgegeben. Wird wieder Nachwuchs gebraucht, holt man das eine oder andere Männchen raus und bringt es mit passenden Weibchen zusammen. Das wird genauestens koordiniert und gesteuert.

Was geschieht mit Nela und Nobby?

Die müssen sich wie auch in der Natur irgendwann von der Mutter trennen. Wir werden sie voraussichtlich Anfang 2016 an andere Zoos abgeben.

Ist Zoo-Haltung verwerflich?

Manche Organisation hält es generell für verwerflich, Tiere in Zoos zu halten.

Wir unterliegen einem Irrtum, wenn wir den Freiheitsbegriff des Menschen unreflektiert auf die Tiere übertragen. Tiere bewegen sich nicht, weil sie sich gerne mal den anderen Wald anschauen möchten. Sie verlassen ihr Gebiet, wenn sie Nahrung, Brutgebiete oder einen Partner suchen, wenn sie von Feinden oder Artgenossen verjagt werden. Ansonsten haben sie ihr Revier wie im Tierpark auch. Macht man sich das einmal bewusst, weiß man, dass man Tiere in Obhut halten kann, vor allem, wenn sie vom Aussterben bedroht sind. Zoos sind ein Genpool und ein letzter Rückzugsraum für bedrohte Tiere. Und sie sollen uns zeigen und lehren, wie wir uns ändern sollten. Wir sprechen dabei für die Tiere, weil sie selbst nicht reden können.

Bis wann soll der Masterplan für Hellabrunn verwirklicht werden?

Dazu wage ich keine Prognose. Am Ende ist es eine Frage der Finanzierung. Wir setzen uns keine Deadline, aber wir wollen unsere Ziele auch nicht in weite Ferne schieben. Es wird jedes Jahr eine Verbesserung und eine Steigerung geben. Dabei sind wir auf Spenden, Förderer und Sponsoren angewiesen. Jeder, der sich in uns wiederfindet und uns bei dieser Reise unterstützen möchte, ist herzlich eingeladen.

Interview: Peter T. Schmidt

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