Ein Mann füllt einen Krug mit Bier aus einem Holzfass.
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Die Recherchen eines Dortmunder Historiker ergaben: Auf der Titanic trank man 1912 Bier aus München. (Symbolbild)

Interview über das historische Schiffs-Unglück

Titanic-Buchautor: In der Ersten Klasse tranken sie Bier aus München

  • Lisa Fischer
    vonLisa Fischer
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Jens Ostrowski recherchierte viele Jahre die Schicksale deutscher Titanic-Passagiere und traf die letzte Überlebende der Tragödie.

München – Der Dortmunder Autor und Journalist Jens Ostrowski, 39, erzählt in seinem Buch „Die Titanic war ihr Schicksal: Die Geschichte der deutschen Passagiere und Besatzungsmitglieder“ (49,90 Euro) auf 176 Seiten die Geschichten von sieben deutschen Besatzungsmitgliedern sowie 15 deutschen Passagieren. Seine jahrelangen Recherchen ergaben, dass auf der Titanic sogar Münchner Bier getrunken wurde.

Wie sind Sie auf das Bier aus München gestoßen?

Das war nicht schwer. Der deutsche Passagier Adolphe Saalfeld hat am 11. April 1912, einen Tag, nachdem die Titanic in Southampton ausgelaufen war, einen Brief geschrieben, der in Queenstown von Bord ging. In dem Brief beschreibt er die Mahlzeiten im Speisesaal der Ersten Klasse – unter anderem auch, dass er an diesem Tag mittags ein Münchner Spatenbier getrunken hat, das ihm offenbar sehr mundete. Das war ein erster Hinweis darauf, dass es das Bier an Bord gab.

Die Recherche der Schicksale der Passagiere war deutlich aufwendiger . . .

Neben intensiver Archivarbeit war viel Geduld und Glück dabei. Vor 20 Jahren schon habe ich die Namen von Titanic-Deutschen ins Online-Telefonbuch eingegeben und alle Menschen mit gleichem Nachnamen einfach angerufen, um zu erfahren, ob sich hier jemand an ein Familienmitglied auf der Titanic erinnern kann. Bei manchen ist das gelungen. Überhaupt bekam ich unglaublich viel Unterstützung von Nachfahren einiger Titanic-Passagiere. Sie leben heute in Kanada, Australien – oder noch immer in dem Wohnhaus in Deutschland, in dem schon ihr Vorfahre lebte, bevor er auf die Titanic ging. Sie ausfindig zu machen, hat viel Spaß gemacht und war sehr fruchtbar für das Buch.

Autor Jens Ostrowski veröffentlichte ein Buch über die deutschen Schicksale auf der Titanic.

Über Pater Peruschitz aus Scheyern, der beim Untergang starb, haben Sie bereits ein Buch geschrieben.

An die Recherche erinnere ich mich gerne. Als 17-Jähriger war ich dafür eine Woche im Kloster Scheyern, durfte in einer Zelle wohnen und Archivarbeit betreiben. Aber ich konnte auch Nachfahren im österreichischen Burgenland finden. Neben der Lebensbeschreibung interessiert mich natürlich vor allem, was den Menschen auf der Titanic zugestoßen ist. Peruschitz, der als Mönch sein Ordensgewand trug, fiel während der Fahrt vielen auf. Es gibt eine Menge Aussagen Überlebender, die ihn erwähnen. Zum Beispiel hielt er für die Auswanderer der Dritten Klasse täglich einen Gottesdienst ab.

Haben Sie von Details erfahren, die bisher noch nicht bekannt waren?

Jede Menge. Zum ersten Mal wird die Geschichte von Steward Peter Ettlinger aus Riedenburg erzählt, der am Tag der Abfahrt suspendiert wurde – und deshalb überlebte. Oder der Kölner Alfred Nourney: Weil er unter falschem Namen reiste und sich als Baron ausgab, um Einlass in höhere Kreise zu finden, ging er als Schwindler in die Titanic-Geschichte ein. Das ist bekannt. Neu ist aber sein Leben nach der Katastrophe. Er war Nationalsozialist und ging mit Rudolf Heß, dem späteren Stellvertreter Hitlers, zur Schule. Hier verbindet sich Geschichte, wo man es nie vermutet hätte. Auch, dass mit der Titanic 600 000 Briefe aus Deutschland untergegangen sind, darunter welche aus bayerischen Oberpostdirektionen, gehört zu den Geschichten, die bislang noch nie erzählt wurden.

Woher rührt ihr extremes Faible für die Titanic?

Als Journalist hat mich Geschichte schon immer gefesselt. Für mich wird die Titanic greifbarer, wenn man ihre Geschichte an Personen erzählt, die Müller oder Meyer hießen, aus bekannten Städten wie München oder Köln stammten und ihre Dokumente in deutscher Sprache verfassten. Mich hat von Beginn an interessiert, wie Deutsche ausgerechnet auf diesem Schiff landen konnten und wie sie die Katastrophe erleben und erleiden mussten.

Hatten Sie auch Kontakt zu Titanic-Überlebenden?

Das Glück hatte ich. 2007 besuchte ich mit dem Titanic-Historiker Günter Bäbler die letzte Überlebende Millvina Dean in Southampton für ein Interview. Sie war beim Untergang zehn Wochen alt und konnte sich selbst natürlich nicht an die Nacht erinnern. Aber sie hat uns eindrücklich die Geschichte ihrer Familie erzählt. Ihr Vater starb bei der Katastrophe. Zwei Jahre nach dem Interview starb Millvina.

Wie lange haben Sie für das Buch recherchiert?

Mein erste Anfrage an das Bundesarchiv war 1998. Nach langen Recherchepausen ist es im Dezember nun endlich erschienen.

Interview: Lisa Fischer

In seinem Buch veröffentlichte Jens Ostrowski unter anderem die Geschichten der drei bayerischen Schicksale auf der Titanic.

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