Das Tivoli wird verteilt

München - Am Montag entscheidet sich: Wandert die schöne Einrichtung des geschlossenen Kinos nach Ulm oder nach Bad Tölz?

Christoph Preßmars Telefon steht seit knapp einer Woche nicht mehr still. „Das hat schon ein bisschen was von Leichenfledderei“, sagt der Kinobetreiber schmunzelnd. Am letzten Sonntag hat das altehrwürdige Tivoli Filmtheater an der Neuhauser Straße 3 seinen letzten Film gezeigt - zu wenige Zuschauer waren in den letzten Jahren gekommen. Jetzt aber wollen alle etwas von der wunderbaren 50er-Jahre-Einrichtung. Vergebens: Die ist so gut wie weg. Am Montag entscheidet sich, wer sie bekommt.

Ein Bosnier hat laut Preßmars Vater Fritz Interesse, die Einrichtung des Saals und die Kino-Technik als Ganzes abzukaufen. „Ich habe ihm die Frist gesetzt, dass er bis Montag sagen muss: hopp oder topp.“ Bislang wisse er nur, dass der Interessent in Ulm wohnt, dort bei einem Multiplex-Kino arbeitet, sich aber mit einem kleinen Fremdsprachen-Kino zumeist für türkische Filme selbstständig machen wolle. „Er weiß anscheinend noch nicht, ob er das Kino in Bosnien oder in Ulm eröffnet“, sagt Fritz Preßmar.

Ein mutiger Schritt, findet der 65 Jahre alte Kino-Fuchs, dem auch das Filmtheater Sendlinger Tor gehört. „An den Kosten für die Einrichtung kann es aber eigentlich nicht scheitern.“ Die Technik funktioniere einwandfrei, sie koste etwa 15 000 Euro. Und für die 213 blauen Kinosessel verlangt Preßmar 20 Euro das Stück. „Ein Spottpreis“, findet er. Trotzdem gibt er zu, dass er die Chance, dass der Bosnier zugreift, nur auf „etwa 40:60“ einschätzt.

Kein Problem: Denn ein anderer Interessent steht - zumindest teilweise - schon bereit: Das Marionettentheater in Bad Tölz hätte gerne nur die Bestuhlung. Im Isarwinkel würden zwar nicht die gesamten 213 Sitze Platz finden, doch der Rest könnte als Ersatz dienen. Außerdem scheint hier die Finanzierung schon in trockenen Tüchern zu sein, was Preßmar recht sympathisch wäre, gibt er zu. Wenn der Bosnier nicht zuschlagen sollte, muss Preßmar die Kino-Technik einzeln verkaufen. Nachfragen, etwa für den Dolby-Prozessor, gebe es schon, sagt er. Auch die Filmprojektoren hofft er loszuwerden.

Der Rest der Kino-Einrichtung geht an verschiedene neue Besitzer: So hat sich das Stadtmuseum die schmucke Süßwaren-Theke gesichert - als authentisches Stück der 50er-Jahre. Und der Leiter des Münchner Marionetten-Theaters, Siegfried Böhmke, bekommt das Kassenhäuschen, Stühle und das „Tivoli“-Leuchtreklamen-Schild aus der Passage. Alles „für kleine Andenken-Preise“, wie Fritz Preßmar betont.

Ein besonderes Aushängeschild des Tivoli-Filmtheaters will er nicht in fremde Hände geben: Das dunkle Brunnenbuberl im Foyer bleibt in der Familie. „Das bekommt meine Tante“, sagt Preßmar. „Sie war mit meinem Onkel Gustav verheiratet, der das Kino zusammen mit meinem Vater gegründet hat. Das ist doch ein schönes Andenken.“

Seit 1954 gehörte das „Tivoli“ zu den ersten Kino-Adressen in München. Gäste wie Hans Albers, Theo Lingen, Liesl Karlstadt, Gert Fröbe, Leni Riefenstahl, Therese Giehse, Heinz Rühmann, Mario Adorf, Tony Curtis, Romy Schneider und Regisseure wie Bernhard Wicki und Roman Polanski gaben sich hier die Klinke in die Hand. Der Publikums-Rekord lag bei sagenhaften 245 000 Besuchern, die hier den Film „Amadeus“ ansahen. Christoph Preßmar, der das Kino in dritter Generation leitete, nimmt also mit Wehmut Abschied von der alten Einrichtung. Große Erlöse stünden nicht im Vordergrund, man wolle das erinnerungsträchtige Mobiliar nur nicht verschenken. „Wir hoffen einfach, dass es in gute Hände kommt.“

Johannes Löhr

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