"Tötungsabsichten": Streit um neue Gänse-Studie der TU entbrannt

München - Um Münchens Gänse ist ein Forscher-Streit entbrannt. Am Pranger steht die Technische Universität (TU), die eine Studie über die Gänsepopulation in München erstellt hat.

Als „Wissenschaftsprojekt mit Tötungsabsichten“ bezeichnet Vogelschutzaktivist Werner Hupperich die Forschungsarbeit der TU. In einem offenen Brief an die Universität, der unter www.gaensewacht.de zu finden ist, kritisieren er und andere Unterzeichner den Herausgeber Andreas König scharf.

Etwa 400 bis 700 Grau- und Kanadagänse leben in den Münchner Parks – am Kleinhesseloher See, im Olympiapark, in Nymphenburg. Der berühmte Biologe und Nobelpreisträger Konrad Lorenz setzte sie im Stadtgebiet in den 50er-Jahren aus, seitdem leben sie hier. „Natürlich sind sie ein Problem“, sagt Dr. Andreas König von der TU München. Forschungen des Wildbiologen legen nahe, dass die Gänse sich in den letzten Jahren stark vermehrt hätten und der Bestand reduziert werden müsse.

„In der neuen Studie werden Daten falsch dargestellt, um einen Anstieg nachzuweisen“, kritisieren Olaf Geiter und Susanne Homma, zwei Vogelforscher, die seit zwölf Jahren die Münchner Gänse zählen. So seien Zahlen der erfolgreichen Brutpaare mit der Zahl aller Paare in einem anderen Jahr verglichen worden. „Dabei brüten weniger als die Hälfte der Paare überhaupt erfolgreich.“ Hier würden Äpfel und Birnen verglichen. Auf dem Papier entstehe ein gewaltiger Anstieg, obwohl die Zahl in Wahrheit gleich geblieben sei.

„Die TU verfolgt einen sehr jagdorientierten Studienansatz“, sagen die Kritiker. Denn Königs Studie, die laut Antrag etwa 350 000 Euro kostet, wird aus der sogenannten „Jagdabgabe“ finanziert. Die Jäger zahlen diesen Beitrag an die oberste Jagdbehörde, diese bezahlt wiederum die Forscher. „Es geht um die Frage, ob man eine vorgefertigte Meinung hat, die man wissenschaftlich begründen möchte, oder ob man objektiv Daten auswertet“, sagen Homma und Geiter.

Die beiden Forscher beringen seit zwölf Jahren selbst die Münchner Gänse. Sichtungen gehen in eine Datenbank ein und geben Aufschluss über Altersstruktur, Paarverhalten, Wanderungsströme. Nachdem ihre eigene Studie 2003 erschienen war, wurde die Gänsejagd in München eingestellt. Aber „einigen hat es gestunken, dass sie nicht mehr schießen dürfen.“

Schon im letzten Jahr gab es deshalb einen heftigen Streit um den Umgang mit den Münchner Gänsen. Bis jetzt ist die Jagd verboten. König hat keinen Zugriff auf diese Datenbank und hat seit letztem Jahr selber angefangen, zu beringen. Laut Wupperich würde dadurch auch die Forschung von Geiter und Homma gefährdet. Unter dem Deckmantel von Wissenschaftlichkeit wolle König die Gänse töten und dafür die öffentliche Meinung manipulieren, schreibt Wupperich.

König sieht sich zu Unrecht am Pranger. „In meinen Unterlagen steht nicht, dass die Gänse umgebracht werden sollen.“ Aus dem Antrag zur Förderung durch die Jagdbehörde geht aber hervor, dass seine Studie die „Weiterentwicklung der Jagdtechniken auf Gänse“ zum Inhalt hat.

„Die Studie hat einen gewissen Rahmen, darüber kann man diskutieren“, sagt König. „Aber worüber man nicht diskutieren kann, ist, Forschungsprojekte derart in Misskredit zu bringen.“ In seinem Arbeitskreis seien auch Verbände wie der Bund Naturschutz und der Tierschutzverband vertreten. Nach dem Erscheinen der Studie von Homma und Geiter 2003 sei der Auftrag zu einer weiteren Studie an ihn gegangen, da sie keinerlei Gesamtdaten dargestellt hätten. König verweist auf Verschmutzung von Spielplätzen und Seen durch Gänsekot. „Die Probleme definiere ja nicht ich, sondern die Stadt München.“ Die Tötung sei eine durchaus legale Methode.

Homma und Geiter kündigen nun eigene Ergebnisse an: „Zur ganzen Situation veröffentlichen wir eine Studie im Herbst.“ Den Auftrag dafür erteilte ihnen der Bund Naturschutz (BN) Bayern.

„Ich hoffe, wir kommen über beide Studien zu einer Entscheidungsgrundlage darüber, welche Rolle München für die Gänse spielt“, sagt Martin Hänsel vom Münchner BN. Der jagdorientierte Studienansatz der TU sei ein Anlass gewesen, eine zweite Studie in Auftrag zu geben. „Wir sehen die Gänse als Bereicherung. Touristen freuen sich über die Tiere.“ Er sei froh, dass verschiedene Wissenschaftler zu Wort kämen. Letztlich entscheiden, ob die Jagd wieder aufgenommen wird, müsse das Münchner Kreisverwaltungsreferat. Hänsel: „Die Entscheidung wird nicht ohne Konflikte ablaufen, da bin ich sicher.“

Von Christoph Behrens

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