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Die Wiesn-Jubilarin: Gabriele Weishäupl 2010 beim traditionellen Standkonzert der Oktoberfest-Kapellen. Die Wiesn feierte ihren 200. Geburtstag, Weishäupl ihr 25. Amtsjahr.

Tourismus-Chefin Weishäupl: „Die Wiesn ist heute weiblicher“

Auf dem Tisch in ihrem Wiesn-Büro steht eine Schale mit frischem Obst. „Man muss sich während der Wiesn gesund ernähren", sagt Gabriele Weishäupl, 64. Eines der Geheimnisse, wie sie ein Vierteljahrhundert als Chefin des Oktoberfests überstanden hat.

Nun sitzt sie im Dirndl in der Kommandozentrale des größten Volksfests der Welt. Sie bereitet ihre 26. Wiesn vor - ihre letzte als Managerin.

-Frau Weishäupl, wie schwer fällt der Abschied?

Der ist noch nicht da, der kommt am letzten Tag. Dann kann ich Ihnen berichten.

-Aber mit welchen Gefühlen gehen Sie in diese Wiesn?

Genauso wie immer. In 26 Jahren bin ich immer mit dem Herz in der Hand und vollem Kampfgeist in dieses Volksfest gegangen. Die Erfahrung zeigt, dass es immer etwas zum Kämpfen gibt.

-Verdrängen Sie, dass es Ihre Abschieds-Wiesn ist?

Ich verdränge das nicht. Es ist einfach wie jedes Jahr, dass die Emotionslage gesteigert ist. Ich möchte keine Grabesreden - nicht von Ihnen und nicht von mir. Der Zeitpunkt dafür wird kommen, aber jetzt ist Management gefragt.

-Wie sieht Ihr Alltag als Wiesn-Chefin aus?

Ich schaue, dass ich morgens um 9 Uhr in meinem Wiesn-Büro bin. Dann habe ich hier einen Wiesn-Terminkalender. Auf meinem Schreibtisch liegen außerdem die Berichte von Polizei und vom Roten Kreuz: Was war in der Nacht? Täglich gibt es eine Behördenbesprechung zur Lage. Dann kommen die Post, die Telefonate, Mails, Faxe. An manchen Tagen gebe ich bis zu zwanzig Interviews. Stressig wird’s, wenn ich hinausgehen muss für das Fernsehen. Hier in meinem Büro hängt der Spiegel, da liegt die Puderdose, die Frisur muss sitzen. Im Schrank hängen immer ein Ersatzdirndl und ein paar Blusen.

-Wie viele Dirndl besitzen Sie eigentlich?

Diese Frage habe ich nie beantwortet.

-Warum nicht?

Aus Sturheit (lacht). Und weil ich keine Dirndl-Königin bin und nicht als Modepuppe dasitzen will. Das hat also emanzipatorische Gründe - und war auch gut so für den Umgang mit Geschäftspartnern. Ich bin hier die Managerin.

Die Könige der Wiesn

Die Könige der Wiesn

-Was war Ihr schönstes Wiesn-Erlebnis?

Als mein Sohn zur Welt kam, bin ich mit dem zehn Tage alten Säugling in mein Festleitungsbüro gegangen. Das war damals noch im alten Container. Und da hatten meine Mitarbeiter einen riesigen Baby-Baum aufgestellt, daran hingen Diezl, Windeln, Mützen und Spielzeug. Das ist ein persönliches Erlebnis, das mich stark verbunden hat mit meinem Team und mit der Wiesn. Damit fing die lange Zeit der schwierigen Organisation an - und manchmal auch des schlechten Gewissens. Ich hoffe, ich habe auf keiner Seite zu viele Abstriche gemacht.

-Wie haben Sie das geschafft: alleinerziehende Mutter und Wiesn-Chefin?

Der Bub kam ausgerechnet kurz vor der Wiesn zur Welt. Am 13. September ist er heuer 21 Jahre alt geworden. Ich habe mich für diese Rolle entschieden, aber es war hart. Wahnsinnig viel Organisation, es gab Augenblicke der Verzweiflung. Es wäre nicht gegangen ohne mein wunderbares Team und eine gute Kinderfrau. Aber gerade während der Wiesn war es schwer - als er klein war, musste ich in der Woche vorher noch Kinderpartys organisieren.

-Welches Verhältnis hat Ihr Sohn zum Oktoberfest?

Ein ganz entspanntes. Der ist kein besonderer Fan. Aber eins der ersten Worte, die er gesprochen hat, war „Poberfest“. Der hat gewusst: Jedes Jahr geht die Mutter um diese Zeit in eine große Aufgabe. Heute geht er ganz normal raus mit seiner Freundin.

-Haben Sie als Wiesn-Chefin auch Gelegenheit, das Fest privat zu besuchen?

Ich bin seit 27 Jahren nicht mehr entspannt auf der Wiesn gewesen. Ich habe es mit meinem Bub immer versucht, als er klein war. Aber die Wahrheit ist: Es geht nicht. Die Augen sind wach, die sehen mehr, die Ohren hören mehr, das Herz schlägt schneller. Ich bin in Habachtstellung.

-Wie viele Mass Bier trinken Sie während der Wiesn?

Überhaupt keine. Ich trinke dann keinen Alkohol - ehrlich. Es gibt beim Anstich den rituellen Schluck des Oberbürgermeisters. Da kriege ich auch mein Schluckerl - ein kleines Schaum-Masserl. Die trinke ich. Das kommt mir übrigens immer bitter vor.

-Wann waren Sie eigentlich zum ersten Mal auf der Wiesn?

Irgendwann in der Studentenzeit. Ich stamme aus Niederbayern, mein Vater war Landarzt, bei uns war es nicht üblich, dass man zur Wiesn fährt. Da gab’s die Maidult und die Herbstdult in Passau. Man ging auf sein Heimatvolksfest. Als Studentin bin ich dann auch schon gern auf die Wiesn gegangen, aber eher in Jeans und Hippie-Look. Tracht war überhaupt nicht angesagt.

-Waren Sie, bevor Sie 1985 Tourismus-Chefin wurden, ein Wiesn-Fan?

Es hielt sich in Grenzen. Ich war vorher Pressechefin der Alten Messe in München, gleich oberhalb der Theresienwiese. Da hat es sich angeboten, mal zum Essen runterzugehen. Das war aber oft dienstlich. Ich war kein Fan, der täglich runterpilgerte.

-Wie war damals die Stimmung im Bierzelt?

Sie erschien mir uneleganter. Die Wiesn ist schöner geworden - nicht nur wegen der Tracht. Die Bierzelte sind nicht mehr so primitiv wie damals, die Beleuchtung ist besser. Das kulinarische Angebot ist enorm gewachsen.

-Wie haben Sie selbst die Wiesn verändert?

Da gibt es ein paar Punkte. Ich habe auf Achtsamkeit und Sozialverträglichkeit gesetzt. Das merkt man als Wiesnbesucher gar nicht, aber vor allem für meine Mitarbeiter ist das ganz wichtig: Es gibt ein neues Service-Zentrum, bessere Arbeitsbedingungen, einen Wiesn-Kehraus - als Dankeschön für die Leute, die hinter der Bühne arbeiten. Das alles nenne ich den Aspekt der „menschlichen Wiesn“. Für die Besucher habe ich die Familientage und das Familienplatzl eingeführt, die Mittagswiesn - alles, was die Wiesn sanfter macht.

-Das gab es früher nicht?

Nein. Ich will nicht eitel wirken, aber all das habe ich in gut 26 Jahren eingeführt. Ich habe mich eingesetzt, dass Bier- und Hendlmarken über die Wiesn hinaus gelten. Das gehört zur Entzerrung - ich erinnere mich, vorher standen die Leute am letzten Tag vorm Ammer drei Kilometer Schlange. Jugend- und Kinderschutz ist ein wichtiges Thema. Ich habe durchgesetzt, dass man nicht mehr mit Kleinkindern am Abend ins Bierzelt darf. Ich habe Limo und Milch auf der Wiesn eingeführt. Auch Tradition und Brauchtum sind mir wichtig.

-Gibt’s das noch auf der Wiesn?

Selbstverständlich. Wir haben auf der einen Seite den Trend der Eventisierung, auf der anderen Seite gibt es aber auch die Gegenbewegung: Tradition und Brauchtum.

-Trotzdem gibt es Kritik, dass die Wiesn nur noch eine Party für die Jugend ist . . .

Dieser Hype, diese Musik, die die Zelte zur Diskothek macht - dagegen bin ich immer angegangen. Als Förderin der Blasmusik wurde ich auch angefeindet. Aber die moderne Musik vieler Wirte hat die jungen Leute angezogen - und es ist ja auch nicht schlecht, wenn die Jugend wieder herkommt und sagt: Das ist ein prima Fest. Auf der anderen Seite muss es aber auch ein Angebot für Ältere und Traditionalisten geben. Deshalb haben wir zum Beispiel aufheizende Musik bis 18 Uhr verboten.

-Was war Ihr größter Fehler in Sachen Wiesn?

Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die Zelte am Wochenende um 9 Uhr öffnen dürfen. Ich dachte: Das diszipliniert die Besucher, vielleicht wird dann auf der Wiesn gefrühstückt. Aber Pustekuchen: Jetzt hatten wir die Trauben junger Menschen vor den Zelten. Die machen die Nacht durch, glühen vor und stehen um 7 Uhr vor dem Zelt. Es hat uns das sogenannte „Morgengrauen“ gebracht. Das halte ich jetzt für einen Fehler. Aber ich kann es nicht rückgängig machen.

-Wie haben sich die Wiesnbesucher verändert?

Die Hälfte der Besucher sind jetzt Frauen. Als ich damals anfing, habe ich sofort eine Marktforschung in Auftrag gegeben, ich habe nicht alles geglaubt, was man mir erzählt hat. Damals waren nur 38 Prozent der Besucher Frauen. Die Wiesn ist also weiblicher geworden.

-Sie waren die erste Frau in einem Münchner Spitzenamt. War das schwierig?

Ich bin ja Tourismuschefin und Volksfestmanagerin in Personalunion geworden. Und 1985 war die Wiesn mit 7,1 Millionen gigantisch, das haben wir nie wieder erreicht. Diese Quantität, die hat mich überrascht und überwältigt. Es war atemberaubend. Ich fing dann an, die Stadtwerbung auf andere Bereiche zu lenken, um die Wiesn zu schützen. Eine meiner ersten Überzeugungen war: Qualität muss vor Quantität gehen bei diesem Fest.

-Es gab aber auch Widerstände, gerade von den Wirten. Wie sind Sie als junge Frau damit umgegangen?

Hund san’s scho, die Wirte - das stimmt. Aber ich muss sagen: Ich hatte keine größeren Probleme mit ihnen. Da war auch viel Kavalier-Denken dabei, das sage ich ganz offen - es geht einfach alles etwas sanfter zu gegenüber einer Frau. Aber es gab auch kuriose Situationen: Ich war deutschlandweit die einzige Frau auf einem solchen Posten, und es gab diese Volksfestreferenten-Treffen. Als Gastgeschenk waren immer Krawatten vorgesehen. Die habe ich dankend angenommen und gesagt: Manchmal trage ich auch Krawatte.

Die Wiesn-Plakate seit 1952

Die Wiesn-Plakate seit 1952

-Haben Sie einen Lieblingsplatz auf der Wiesn?

Hier, in meinem Büro, wo alle Informationen zusammenlaufen. Wenn ich das Fenster aufmache, dann höre ich den Wiesn-Hit. Ich sehe, welche Prominenz in den Behördenhof geht. Nebenan sind die Polizei und das Rote Kreuz. Ich bin hier im Auge des Sturms.

-Und wo trifft man Sie außerhalb des Büros?

Ich bin ein älteres Mädchen, ich gehe gerne in Kaffeehäuser. Ein lautes Festzelt ist nicht mein Platz.

-Wie ist Ihre Vision von der Wiesn in zehn Jahren?

Ich glaube, dass das Thema Ökologie wichtig sein wird. Ich sehe zum Beispiel ein Solardach auf dem Service-Zentrum. Die Sicherheit wird weiter an Bedeutung gewinnen. Einlasskontrollen sehe ich nicht. Vielleicht werden die Maßnahmen sogar diskreter sein können, weil man das Gelände überwacht mit einer Technik, die wir noch gar nicht kennen.

-Welche Rolle wird die „Oide Wiesn“ spielen?

Sie ist Impulsgeber. Ein Projekt, das in die Zukunft weist. Aber ich sage das als Mensch, der 64 Jahre alt ist und diese Präferenzen hat.

-Und wenn die normale Wiesn die alte schluckt?

Meine Hoffnung ist, dass eher die normale Wiesn von der Oiden Wiesn geschluckt wird.

-2010 stand die Wiesn am dritten Wochenende kurz vor dem Kollaps. Wie kann man das verhindern?

Entzerrung wollen wir alle. Früher war der zweite Sonntag der stärkste. Heute ist das anders. Die Besucherzahlen sollen aber auch nicht massiv zurückgehen. Wenn man das Gefüge von fünf bis sechs Millionen stabil hält, ist es gut so.

-Ist das die große Aufgabe, die ein Nachfolger auf sich nehmen muss?

Ich gebe keinerlei Empfehlungen ab. Aber ich wünsche eine glückliche Hand.

-Wie wird Ihre Wiesn nächstes Jahr aussehen?

Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich bin noch im Lauf.

-Aber Sie werden ihr nie den Rücken kehren, oder?

Sagen wir mal so: Sie wird immer in meinem Herzen sein. Vielleicht sage ich aber auch, dass ich fünf Jahre nichts davon sehen will. Ich bin emotional, da kann alles passieren, wenn man mit einem Phänomen so eng verbunden ist.

Interview: Wolfgang Hauskrecht, Ann-Kathrin Gerke, Philipp Vetter

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