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Wurde Opfer von Betrügern: Johanna W.

 Infostände in Stadt und Landkreis

Präventionskampagne der Polizei: "Niemals Unbekannte in die Wohnung lassen"

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München - Als falsche Polizeibeamte oder falsche Handwerker versuchen Kriminelle derzeit wieder verstärkt, an das Ersparte älterer Menschen zu kommen. Ein Opfer erzählt, wie perfide die Betrüger vorgehen.

Johanna W. sitzt gerade mit ihrem Mann Jürgen in ihrer Erdgeschosswohnung in Schwabing beim Frühstück, als es an der Tür klingelt. Die 79-Jährige öffnet, vor der Tür steht ein Mann in blauer Montur. „Er sagte, er sei Handwerker und in der Wohnung über uns habe es einen Wasserschaden gegeben“, erzählt die Münchnerin. Da es in letzter Zeit häufiger einen Wasserschaden im Umfeld des Ehepaares gegeben hatte, lässt die 79-Jährige den Unbekannten in die Wohnung. „Mein Mann sollte ins Badezimmer gehen und das Wasser laufen lassen“, berichtet Johanna W. Ein Telefonanruf – Johanna W. muss noch etwas für ihre bevorstehende Reha regeln – lenkt die Münchnerin ab. „Irgendwann wunderte ich mich, wie lange mein Mann das Wasser noch laufen lassen soll“, sagt Johanna W. Als sie ins Schlafzimmer gehen will, sieht sie einen zweiten Mann, ebenfalls in blauer Montur, aus dem Zimmer laufen. Völlig überrumpelt schaut sie Richtung Badezimmer. Auch der andere vermeintliche Handwerker rennt in dem Moment aus der Wohnung.

Als die beiden Männer weg sind, bemerkt das Ehepaar, dass 1000 Euro fehlten. Außerdem ein Großteil des Schmucks aus der Schatulle. Schaden: etwa 10 000 Euro. Fast schlimmer als der materielle ist der ideelle Verlust für das Paar. „Einen gestohlenen Brillantring habe ich zur Geburt meiner Tochter geschenkt bekommen“, erzählt Johanna W.

Mit Maschen wie diesen sind Betrüger derzeit wieder verstärkt im ganzen Stadtgebiet unterwegs. Seit Januar registrierte die Polizei mehr als 200 Fälle, in denen Senioren um ihr Hab und Gut gebracht werden sollten. Seit Mai richteten alleine falsche Polizeibeamte mit unterschiedlichen Maschen etwa 150 000 Euro Schaden an. Betrüger, die sich als Handwerker ausgaben, erbeuteten im zweiten Halbjahr 2015 und ersten Halbjahr 2016 insgesamt mehr als eine Million Euro. „Die Betrüger erfinden irgendwelche Geschichten, um an Geld zu kommen. Der Phantasie der Täter sind dabei keine Grenzen gesetzt“, sagt Kriminalhauptkommissar Konrad Raab, Leiter des Kommissariats für Trick- und Taschendiebstahl.

"Niemals Unbekannte in die Wohnung lassen"

Polizeivizepräsident Werner Feiler erklärte am Freitag eine im Moment sehr verbreitete Vorgehensweise der Betrüger: Häufig ruft ein falscher Polizeibeamter sein Opfer an und gibt vor, dass in der Nähe des Angerufenen eingebrochen worden sei. Man befürchte nun, dass auch bei dem Angerufenen eingebrochen werden könnte. Weil man bei den inzwischen festgenommenen Tätern ein Notizbuch gefunden habe, in dem die Adresse des Angerufenen stehe. Dann weist der Gauner laut Feiler sein Opfer an, das gesamte Vermögen vom Konto abzuheben, da bei der Bank ein Mittäter eines festgenommenen Einbrechers arbeiten würde. Um das eigene Geld zu schützen, solle es über Zahlungsdienstleister ins Ausland transferiert werden. Manchmal würden die falschen Kriminaler auch vorschlagen, das Geld abzuholen, um es „in Sicherheit“ zu bringen. „Bei diesen Anrufen wird häufig mittels technischer Manipulation die angezeigte Nummer verändert. Auf dem Display erscheint manchmal sogar die Nummer echter Polizeidienststellen“, sagt der Vizepräsident.

Auch als falsche Handwerker versuchen Betrüger zurzeit immer öfter, an das Geld von Senioren zu kommen. Dabei gehen sie häufig vor wie bei dem Ehepaar W. aus Schwabing.

Um nicht selbst Opfer zu werden, rät Feiler, „niemals Unbekannte in die Wohnung zu lassen“. Man solle misstrauisch sein. „Gesundes Misstrauen ist nicht unhöflich“, betont er. Kriminalhauptkommissar Arno Helfrich, Leiter der Abteilung Prävention und Opferschutz, ergänzt, dass im Zweifel immer die 110 gewählt werden sollte. „Hinweise aus der Bevölkerung sind oft wertvoll.“

Um auf die Tricks der Gauner aufmerksam zu machen, hat die Polizei eine Präventionskampagne gestartet. Im Stadtgebiet und im Landkreis München stehen Beamte auf Wochenmärkten, vor Supermärkten und in Einkaufszentren an Informationsständen. In Arztpraxen, Apotheken, Sozialbürgerhäusern, Banken und Bibliotheken liegen Broschüren aus. Plakate werden in U-Bahnhöfen ausgehängt. Kurze Filme laufen zudem im Fahrgast-TV der Bahnen. Die Polizei ließ zudem 15 000 Präventions-Postkarten drucken. Auch Warnungen im Radio sind geplant.

Johanna W. will mit ihrer Geschichte andere warnen. „Betrüger sind so geschickt und das ganze passiert innerhalb von Minuten“, sagt sie. Noch immer macht sie die Geschichte fertig. „Aber mein Mann hat gesagt: Wenigstens ist uns beiden nichts passiert.“

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