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Stein des Anstoßes: Katharina Schulze und Sepp Dürr verhüllten das Denkmal. Auf dem Stein steht: „Den Trümmerfrauen und der Aufbaugeneration Dank und Anerkennung – München 1945 – Im Wissen um die Verantwortung.“

Gedenkstein am Marstallplatz

Trümmerfrauen-Denkmal: Grüner fordert Beseitigung

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Ein Jahr ist es her, dass Grüne das Trümmerfrauen-Denkmal verhüllt haben. Ihr Vorwurf: Hier werde Alt-Nazis gedacht. Viele Menschen fühlten sich von der Aktion beleidigt. Jetzt kündigt der Grüne Sepp Dürr an, im Landtag die Beseitigung des Denkmals zu fordern.

Es war ein eisiger Mittag, heute vor genau einem Jahr. Eine kleine Traube Münchner Journalisten fror am Marstallplatz hinter der Oper um die Wette. Die Grünen-Landtagsabgeordneten Sepp Dürr und Katharina Schulze hatten zu einem Fototermin am Trümmerfrauen-Denkmal eingeladen. Was sie genau planten, war nicht bekannt. „In München gab es keine Trümmerfrauen!“, rief Dürr plötzlich und zog ein braunes Tuch mit der Aufschrift „Den Richtigen ein Denkmal, nicht den Altnazis! – Gegen Spaenles Geschichtsklitterung“ über den Stein. Was in den Tagen darauf folgte, überraschte selbst Sepp Dürr, den alten Hasen, der das Spiel mit der Provokation so liebt. Im Internet und auf den Leserbrief-Seiten tobte eine emotionale Debatte. Die Meinung war fast einhellig: Die Aktion sei geschmacklos und daneben.

Immer wieder hatte die Stadtrats-CSU in den letzten Jahrzehnten gefordert, die Aufbaugeneration mit einem Denkmal zu ehren. Der Verein „Dank und Gedenken der Aufbaugeneration, insbesondere der Trümmerfrauen“ kämpfte für einen Gedenkort. Doch politisch war im rot-grün-regierten München kein Durchkommen. Das Rathaus bezog sich auf Historiker, insbesondere aus dem Stadtarchiv, die erklärten, in München könne man nicht von Trümmerfrauen sprechen. Doch im Mai 2013 wurde der Gedenkstein doch eingeweiht – mit Unterstützung des bayerischen Kultusministers Ludwig Spaenle (CSU) –, am Marstallplatz, auf einer Fläche des Freistaats.

Erreicht die Debatte den Landtag?

Vor einem Jahr folgte dann die Verhüllungsaktion samt wütender Reaktionen. Jetzt könnte die Debatte den Landtag erreichen. Bei einer Podiumsdiskussion der Grünen zum Thema erklärte Sepp Dürr: „Ich werde einen Antrag stellen, das so genannte Trümmerfrauen-Denkmal zu beseitigen.“ Damit dürfte er insbesondere Minister Spaenle attackieren, der Münchner CSU-Chef und selbst Historiker ist. „Dass Spaenle das Denkmal an demokratischen Gremien vorbei durchgesetzt hat, ist unerhört“, erklärte Dürr. Er verteidigte die plakative Aktion: „Eine öffentliche Debatte muss man eben anzetteln.“ Nicht die Grünen hätten Pauschalurteile gefällt – sondern Spaenle und seine Mitstreiter. Pauschal der Aufbaugeneration zu danken sei genauso falsch wie die Behauptung einer deutschen Kollektivschuld.

Dürr zur Seite sprang bei der Diskussion Andreas Heusler vom Stadtarchiv. „Man kann nicht in Form eines Denkmals eine Aufbau-Generation würdigen, die personell im Prinzip identisch ist mit der Verantwortungsgeneration“, sagte er. Die Darmstädter Historikerin Leonie Treber erklärte, die Trümmerräumung in deutschen Städten habe schon mit den ersten Luftangriffen 1940 begonnen, nicht erst mit dem Kriegsende. In München seien für besonders gefährliche Arbeiten zum Beispiel Häftlinge des Dachauer Konzentrationslagers eingesetzt worden. Nach dem Kriegsende dann seien etwa deutsche Kriegsgefangene und ehemalige NSDAP-Mitglieder herangezogen worden, sagte die Historikerin. „Vor und nach Kriegsende war es eine Strafarbeit.“ Schnell sei die Trümmerarbeit dann durch professionelle Baufirmen vorangetrieben worden, sagte sie – um der Schuttmassen überhaupt Herr zu werden. Organisierte Trümmerfrauen habe es in München nach Kriegsende anders als in anderen Städten nur in Form von zwangsverpflichteten Ex-Parteimitgliedern gegeben.

Die Historiker bei der Grünen-Veranstaltung kratzten auch an einem weiteren Münchner Mythos: den „Rama Dama-Aktionen“. Nur 7000 Menschen hätten sich 1949 am ersten „Rama Dama“ beteiligt, sagte Heusler, mit etwa einem Prozent der Bevölkerung ein Anteil wie bei einer ähnlichen Aktion drei Jahre zuvor. „ In Akten aus der Zeit könne man Klagen von Politik und Verwaltung nachlesen, „dass die Stadt-Bevölkerung eigentlich nicht bereit ist, sich an den Schutt-Räum-Aktionen zu beteiligen“. Ähnlich sah das die Historikerin Treber. Das „Rama Dama“ mit OB Thomas Wimmer mit Schaufel habe „eher Volksfest-Charakter“ gehabt als dass wirklich Trümmer geräumt worden seien.

Auch viele Grüne finden Verhüllung kontraproduktiv 

Unabhängig von der Einschätzung der Historiker: Den Stil der Verhüllungs-Aktion fanden offenbar auch viele Grüne kontraproduktiv. Ein Münchner Grüner im Publikum erkärte: „Es ist doch klar, dass die Leute so denken, ihr haltet die ganze Aufbau-Generation für Alt-Nazis“. Die Aktion habe „keine Differenzierung ausgelöst“. Der ehemalige Stadtrats-Kandidat Wolfgang Leitner warf Dürr vor, nur einen persönlichen Konflikt mit Spaenle auszutragen. „Es geht dir nicht ums Thema!“, rief er. Oben auf dem Podium hingegen waren im Kern alle einer Meinung. Man habe auch Denkmal-Befürworter eingeladen, hieß es von den Veranstaltern – die hätten abgesagt.

Reinhold Babor ist ein Befürworter. Der CSU-Stadrat hat den Verein für das Denkmal mitbegründet. Er sagte unserer Zeitung am Donnerstag, die Grünen fände er bei dem Thema „fast schon bösartig“. „Die sollen mal die Leute aus der Generation befragen, wie die Zeiten damals waren.“ Sein Trümmerfrauen-Begriff gehe eben über die organisierten Schutt-Wegräumerinnen hinaus. „Es geht um die Frauen, die die harten Nachkriegsjahre allein und mit den Kindern am Rockzipfel in den Trümmern durchgestanden haben. Und das waren zehntausende!“

Die Historikerin Leonie Treber bestätigte auf dem Grünen-Podium, das viele Menschen unter dem Begriff „Trümmerfrauen“ etwas anderes verstehen als die Historiker – nämlich die ganze Aufbaugeneration. So sieht es auch Ludwig Spaenle, der das Vorgehen der Grünen gestern „grenzwertig“ nannte. „Was das Thema im Landtag soll, kann ich nicht erkennen“, sagte er unserer Zeitung. Der Gedenkstein, betonte er, weise „auch auf die Wahrnehmung der Verantwortung in."

Felix Müller

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