Elena Demyanovska als junge Frau beim Schwammerlsuchen in der Ukraine. Die Medizinerin zog 1992 nach München und arbeitet jetzt im Krankenhaus Schwabing. 

30. Jahrestag der Katastrophe

Einsatz in Tschernobyl: Eine Münchnerin erzählt

München/Tschernobyl - Vor 30 Jahren explodierte das Atomkraftwerk in Tschernobyl. Auch in Bayern wurde das Ausmaß der Katastrophe erst nach und nach klar. Eine Ärztin aus Kiew, die heute in München lebt, erzählt von ungewissen Tagen – und ihrem Einsatz im Sperrgebiet.

Elena Demyanovska kann sich noch an die Schmetterlinge erinnern, an die Sonne und an das Vogelgezwitscher. Es ist ein warmer Frühlingstag, April 1986, Elena sitzt vor ihrer Datscha, nicht weit von Kiew entfernt. Ihr Sohn, ein Jahr alt, spielt im Garten. Da klingelt das Telefon, ein Bekannter ist dran: „Geht nicht mehr raus“, sagt er. Bleibt im Haus, stopft Lappen in die Fensterrahmen.

Es ist etwas passiert in der Ukraine, die damals noch Teil der UdSSR ist. Und zwar die bis dato größte Katastrophe in einem Atomkraftwerk. Am frühen Morgen des 26. April 1986 kommt es im Reaktor 4, Tschernobyl, zu einer Explosion, der Reaktorkern schmilzt. Wolken tragen Radioaktivität über die Ukraine, Weißrussland, Skandinavien nach Westeuropa. Erst einmal erfährt das niemand. Nicht Elena Demyanovska, die als Ärztin wusste, wie wichtig jetzt vorbeugende Medikamente wie Jodtabletten wären. Nicht die anderen Ukrainer, und auch nicht die Bayern, die in Deutschland am stärksten betroffen sind von der radioaktiven Wolke.

Elena Demyanovska ist heute 54, sie lebt seit 24 Jahren in München und arbeitet im Schwabinger Krankenhaus. „Wir wussten nicht, welches Ausmaß das hatte“, erzählt sie. Die russischen Medien berichten erst Tage später über die Katastrophe. Heute, im Zeitalter des Internets, ist das undenkbar. Auch in Deutschland verbreitet sich die Nachricht vom Super-Gau erst zwei Tage danach. Bei der „Tagesschau“ geht die erste Meldung um kurz nach 20 Uhr ein – der Sprecher schafft es noch, sie kurz vor Ende vorzulesen. Niemand weiß damals schon, dass mehr als 30 Menschen direkt nach dem Unglück sterben. Insgesamt gibt es zwischen 10 000 und mehr als 100 000 Todesopfer, je nach Rechen- und Sichtweise.

Damals reden die deutschen Politiker das Unglück erstmal klein: Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, CSU, sagt drei Tage nach dem Gau in der „Tagesschau“, eine Gefährdung sei „absolut auszuschließen“. Die bestehe nur in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometer um den Reaktor herum. „Wir sind 2000 Kilometer weg.“ Aber dann dreht der Wind.

Das Frühjahr 1986 in Bayern ist eher trocken, doch am 1. Mai kommt er, der Regen, den die Bauern schon herbeigesehnt haben. Doch er verseucht die Gärten, Wiesen und Wälder. Je mehr Messwerte bekannt werden, desto panischer die Reaktionen: Fußballspiele werden abgesagt, Freibäder und Spielplätze gesperrt, Sandkästen geleert, Gemüse aus dem Garten weggeworfen. Kinder dürfen nicht draußen spielen. In den bayerischen Supermärkten: Sturm auf Konserven. Wer nach Hause kommt, zieht die Schuhe aus und duscht, um keinen verseuchten Staub in die Wohnung zu tragen. Hausbesitzer laufen mit Geigerzählern durch ihre Gärten, die Messgeräte sind ausverkauft, die Maßeinheit „Becquerel“ wird zum Symbol des Schreckens. In Lebensmittelgeschäften hängen Listen mit der Strahlenbelastung der Produkte. Wenn es regnet, laufen die Menschen in Panik wie um ihr Leben – weil niemand recht einschätzen kann, was da vom Himmel fällt. Dass Alfred Dick, bayerischer CSU-Umweltminister, vor Kameras verstrahltes Molkepulver isst, um die Ungefährlichkeit zu beweisen, nimmt den Menschen nicht die Angst.

Hinter dem Eisernen Vorhang wird an den Folgen des Unfalls herumgewurschtelt und -gepfuscht. Rund 116 000 Menschen werden im Lauf des Jahres 1986 aus den Gebieten rund um das Atomkraftwerk evakuiert, später noch mehr. Elena Demyanovska ist gerade mit dem Medizinstudium fertig, sie bekommt wie viele ihrer Kommilitonen sofort eine Stelle als Ärztin: In einem Sanatorium in Kiew untersucht sie Menschen aus den Sperrgebieten. Viele leiden unter Müdigkeit, Bluthochdruck, Schwindel. Aber es gibt auch Ukrainer, die ihre Heimat nicht verlassen, obwohl sie verseucht ist. „Vor allem Ältere“, erinnert sich Elena Demyanovska. Also müssen Ärzte ins Sperrgebiet, um sie zu versorgen. Auch Elena, sie wechselt sich mit Kollegen ab. „Ich war viel zu jung und viel zu dumm, um Angst zu haben“, erzählt sie heute. Die Stimmung in den Geisterstädten ist nicht hysterisch. „Da gab es ja kein Feuer oder Geschosse.“ Die Gefahr ist trotzdem da. Damals und heute.

Noch immer leben über acht Millionen Menschen in radioaktiv belasteten Gebieten. Seit 1990 wurden mehr als 6000 Fälle von Schilddrüsenkrebs in Weißrussland, Russland und der Ukraine gemeldet – viel mehr, als statistisch zu erwarten wäre. Vor allem Kinder leiden an den Spätfolgen. „Viele erkranken an Schilddrüsenkrebs“, sagt die Caritas. Doch viele Familien sind arm, können sich keine ordentliche Therapie leisten. Auch die starke Zunahme von Chromosomenschäden und Fehlbildungen bei Neugeborenen hänge mit dem Unfall zusammen. Ukrainische Behörden gehen davon aus, dass die Kindersterblichkeit um 20 bis 30 Prozent gestiegen ist.

Und wie hoch ist die Strahlenbelastung heute in Bayern? Manche Stichproben des Landesamtes für Umwelt ergeben noch immer Spitzenwerte bei Caesium 137. Schwammerl aus Garmisch-Partenkirchen zum Beispiel, gemessen am 18. Dezember 2015: Weißer Rasling 4900 Becquerel und Birkenpilz 3000 Becquerel pro Kilo. Der Grenzwert liegt bei 600, nur 370 dürfen es bei Milchprodukten und Babynahrung sein. Wildschweine sind besonders belastet, sie fressen Egerlinge – und die teils belastete Erde mit dazu. Der bayerische Jagdverband versichert, Wildbret sei das bestüberwachten Lebensmittel. Für belastetes Fleisch wird der Jäger entschädigt, verkauft er es trotzdem, drohen ihm bis zu zwei Jahre Haft. Und das Landesamt für Gesundheit teilt mit, dass die Strahlenbelastung durch Wildbret gering sei – weil die Menschen einfach wenig davon essen. Der SPD-Landtagsabgeordnete Florian von Brunn fordert von der Staatsregierung trotzdem, alle Werte zu veröffentlichen.

Das Misstrauen ist noch da – auch 30 Jahre nach der Atomkatastrophe.

Carina Zimniok und Sabine Dobel

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