Studentenvertretung ist skeptisch

TU stellt bis 2020 fast komplett auf Englisch um

München - Die TU München (TUM) will bis 2020 die große Mehrzahl ihrer Lehrveranstaltungen in englischer Sprache abhalten. Die Universität will sich so für den internationalen Wettbewerb wappnen.

TUM-Präsident Wolfgang A. Herrmann ließ bei der jüngsten Sitzung des Hochschulrats keinen Zweifel an der Notwendigkeit, die Unterrichtssprache in den Master-Studiengängen auf Englisch umzustellen. Das sind etwa drei Viertel der 150 Studiengänge der TUM. Englisch sei nun mal „lingua franca“ der internationalen Wissenschaft und Wirtschaft – die absolut gängige Verhandlungssprache. Es sei Aufgabe der Universitäten, die Studenten „frühzeitig auf diese Realität einzustimmen“. So steht es in dem Protokoll der Sitzung, das unserer Zeitung vorliegt.

Freilich denkt Herrmann bei der Maßnahme auch an den Status seines Hauses. Die TUM hat die zweite Runde der Exzellenz-Initiative der Bundesregierung gewonnen und wird bis 2017 mit gut 150 Millionen Euro gefördert. Herrmann räumte vor dem Hochschulrat ein, dass man im internationalen Wettbewerb stehe – und auch im regionalen. Als Beispiel nannte er Überlegungen zu einer internationalen Europa-Fachhochschule im niederbayerischen Pfarrkirchen unter Leitung der Technischen Hochschule Deggendorf. Im Rottal sollen künftig 2000 Studierende internationale Abschlüsse im Bereich Verfahrenstechnik und Gesundheitswesen machen können, in Kooperation mit Österreich, Tschechien und Polen. Da gelte es „ein starkes Signal“ zu senden, sagte Herrmann.

Ulrich Marsch, der Sprecher des Präsidenten, präzisierte auf Anfrage, man werde die Umstellung nach und nach vornehmen. „Schon heute haben wir 30 Master-Studiengänge nur in englischer Sprache.“ Die Internationalisierung sei ein Auftrag der Exzellenzinitiative, betonte der Sprecher. „Sie ist ein fortlaufender Prozess.“ So habe man vor, bis 2020 die Zahl der internationalen Professoren von 12 auf 25 Prozent zu erhöhen, dann wären es „weit über hundert“. Die Zahl der internationalen Studenten soll von heute 20 auf 30 Prozent steigen – dann deutlich über 10 000. Dazu kämen einige hundert internationale Gastdozenten, so Marsch. „Wenn Englisch gesprochen wird, ist einfach die Chance größer, Top-Leute zu bekommen. Man fischt in einem viel größeren Teich.“

Eigentlich wollte Herrmann die Umstellung schon 2017 abgeschlossen haben, zum Ende der Exzellenzinitiative. Der Hochschulrat erachtete nach eingehender Diskussion das Jahr 2020 als realistisch.

Bei der Studentenvertretung ist man auch davon nicht überzeugt. „Der Zeitrahmen ist unrealistisch – wenn man es richtig machen will“, sagt der Fachschaftsratsvorsitzende Sebastian Biermann. „Wenn man die TUM für ausländische Studierende interessanter machen will, reicht es nicht, nur die Vorlesungen auf Englisch umzustellen.“ Studien- und Prüfungssatzungen seien bislang nur auf Deutsch verfügbar, und die Verwaltung kommuniziere komplett auf Deutsch. Zudem müsste man die Neuausrichtung dafür nutzen, die Studiengänge inhaltlich zu reformieren. „Eine richtige Umstellung kostet Geld – und Zeit.“

Kaum ein angehender einheimischer Student spricht außerdem das Fach-Englisch, das die TUM im Masterstudium pflegen will. Nach dem Willen des Hochschulrats sollen die Weichen dafür schon im vorangehenden Bachelorstudium gestellt werden. TUM-Sprecher Marsch verweist darauf, dass die Bachelorstudenten bereits jetzt oft Auslandssemester absolvierten. Für die meisten Masterstudiengänge müssten sie zudem einen Englischtest bestehen. Dafür habe man ein ausgezeichnetes hauseigenes Sprachenzentrum. Biermann erwidert: „Für Englisch gibt es dort schon jetzt eine fast vierstellige Warteliste. Wenn Englisch verpflichtend wird, muss man das Angebot massiv ausbauen.“ Die meisten Professoren sprächen gut Englisch. „Bei manchen ist es aber schwierig.“

Biermann findet, die TUM solle die Umstellung nicht „von oben herab“ anordnen. „Es sollte den Fakultäten überlassen bleiben, ob sie auf Englisch umstellen. Da sitzen die Leute, die wirklich Ahnung haben.“ Im Bauingenieurwesen etwa arbeite man fast ausschließlich mit deutschen Normen. „Da ergibt eine Umstellung überhaupt keinen Sinn – in Informatik dagegen ist die Fachliteratur mittlerweile fast ausschließlich auf Englisch.“

Dem widerspricht Marsch. Auch Bauingenieure wollten womöglich später im Ausland arbeiten. Eine Benachteiligung einheimischer Studierender sieht er nicht: „Natürlich ist es anspruchsvoll eine Sprache so zu lernen, dass man fachlich bestehen kann, da muss man sich auf die Hinterbeine stellen. Aber wo, wenn nicht auf der Uni, sollte man es lernen?“

An der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) sieht man sich nicht im Wettbewerb mit der TUM. „Die Geistes- und Sozialwissenschaften nehmen bei uns einen so großen Platz ein – da sind wir strukturell gar nicht vergleichbar“, sagt Katrin Gröschel. „Allein die Lehramts-Fächer muss man auf Deutsch unterrichten.“

Johannes Löhr

Rubriklistenbild: © dpa

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