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Mit großem Tusch wurde der neue Zug vor gut einem Jahr im U-Bahnhof Georg-Brauchle-Ring vorgestellt. Zugelassen ist er bis heute nicht.

Wagen erfüllen neue Normen nicht

Neue U-Bahn, veralteter Brandschutz

München - Sie sind noch nicht einmal zugelassen und schon nicht mehr auf dem neusten Stand der Technik: Ausgerechnet beim Brandschutz erfüllen die lange erwarteten neuen Münchner U-Bahnwagen nicht die europäische Norm, die ab 2016 gilt.

Als die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) im Februar 2014 die Öffentlichkeit zum Probesitzen in dem neuen Zug vom Typ C2.11 einlud, waren die Münchner begeistert. EU-Fachleute dürften weniger begeistert sein, denn die neue Norm namens EN 45545 erfüllt der Zug nicht vollständig. Sie gilt ab 1. April 2016 EU-weit für neue Schienenfahrzeuge, und sie geht über die aktuelle deutsche DIN 4550 hinaus. Denn die Euro-Norm regelt nicht nur, wie leicht Materialien entzündbar sind und wie schnell sich ein Brand ausbreitet, sondern auch, wie giftig der Qualm sein darf. Im Brandfall kann das über Leben und Tod entscheiden.

Das Problem: Derzeit kann niemand garantieren, dass der C 2 vor dem Stichtag am 1. April 2016 die Zulassung der Regierung von Oberbayern erteilt bekommt, deren Technische Aufsichtsbehörde (TAB) bekanntlich sehr genau hinsieht. Werden teure Nachrüstungen gemäß der neuen Norm fällig, wenn der Termin verstreichen sollte? Die Regierung hält sich bedeckt: „DIN-Normen sind keine Rechtsnormen, sondern private technische Regelungen mit Empfehlungscharakter“, teilt sie auf Anfrage mit. Und weiter: Wann die Zulassung zu erwarten sei, „ist von Seiten der TAB nicht prognostizierbar“. Das lässt alles offen.

Schnittig: Der neue  C2-Zug gefällt den Münchnern. Beim Brandschutz fährt er er aber so manchem Konkurrenten hinterher.

Das Eisenbahnbundesamt in Bonn hingegen spricht sich eindeutig für die Einhaltung der neuen Norm aus – seit 1. August 2010 ist dies in dem Papier „Regelungen für die brandschutztechnische Beurteilungen von Eisenbahn-Fahrzeugen in Deutschland“ festgehalten. Unter Punkt 3.2 heißt es: „Für die brandschutztechnische Einstufung von Fahrzeugen gilt DIN CEN/TS 45545-1.“ Kurz: Einen neuen Zug, der dieser Norm nicht entspricht, lässt das Bundesamt gar nicht mehr zu.

Warum wurde der U-Bahn-Typ trotzdem noch nach der alten DIN 4550 gebaut? Im Grunde sei der Zug auf Basis einer vorläufigen Form der EU-Norm hergestellt worden, verteidigt sich Peter Gottal, Sprecher der Siemens-Verkehrssparte. Welche Komponenten nun genau nach der alten oder nach der neuen Norm verbaut wurden, kann er aber nicht sagen. Maßgeblich sei ohnehin der Wille der MVG: „Wir liefern das, was der Kunde bestellt hat.“

Und bestellt wird, „nach jeweils gültiger Normenlage“, sagt Michael Soli(´c), Sprecher der Stadtwerke München. Das ist ebenso banal wie selbstverständlich.“ Heißt: Nach DIN 4550, denn die war im November 2010 gültig, als die Züge in Auftrag gegeben wurden. Auch damals war allerdings in Fachkreisen längst bekannt, dass da eine neue europäische Norm kommen wird.

Die Berliner Verkehrsgesellschaft hat deshalb 2012 ihre neuen U-Bahnen bereits nach der kommenden europäischen Norm geordert. Auch die jüngsten Züge der Hamburger Hochbahn (HHA) erfüllen die neue EU-Norm – obwohl, wie man bei der HHA betont, Züge nach der alten Norm billiger gewesen wären.

 Siemens-Mann Gottal hofft nun „so rasch wie irgendmöglich auf eine Zulassung der technischen Aufsichtsbehörde“. Doch ob diese Hoffnung sich so schnell erfüllt, ist unwahrscheinlich. Matthias Korte, Sprecher der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG): „Das Zulassungsverfahren bei der Technischen Aufsichtsbehörde läuft noch. Unter anderem gab es weitere Nachforderungen seitens der Behörde hinsichtlich der beizubringenden Dokumente. Insgesamt kostet der Inbetriebsetzungs- und Zulassungsprozess damit leider deutlich mehr Zeit als ursprünglich geplant.“

Zwei der neuen U-Bahnen sind bereits in Münchens Untergrund abgestellt, Testfahrten dürfen derzeit aber nicht durchgeführt werden. Weitere 13 Züge warten beim Hersteller auf ihre Auslieferung. Ob, wann und mit letztlich welchem Brandschutz die insgesamt 21 bestellten neuen U-Bahnen in München fahren ist ungewisser denn je. Denn das Zulassungsverfahren ist nicht nur aufwändig und hoch komplex, sondern auch auf wenige Schultern verteilt: Wie berichtet, leidet die Fachabteilung bei der Regierung von Oberbayern offenbar an Personalmangel.

Andrew Weber

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