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Ukrainerin hilft Kriegs-Geflüchteten bei Wohnungssuche in München – und erzählt, wer es am schwersten hat

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Von: Natalia Aleksieieva

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Zahlreiche Geflüchtete sind im Zuge des Ukraine-Kriegs in Bayern angekommen. Olena Tisova hilft bei der Wohnungssuche. Ukraine-Korrespondentin Natalia Aleksieiva trifft sie in München.

München – Aktuellen Angaben zufolge sind bereits mehr als 100.000 Ukrainer in Bayern angekommen. Sie alle brauchen Unterkunft, Nahrung, Kleidung und Informationen. Viele Geflüchtete im Ukraine-Krieg wollen so schnell wie möglich zurückkehren und bitten in Bayern um vorübergehendes Asyl. Gleichzeitig ist die Wohnungsnachfrage besonders akut, denn ohne Wohnsitzbescheinigung ist es unmöglich, eine Bescheinigung zu bekommen, die es erlaubt, in Deutschland zu arbeiten.

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„Ich möchte wirklich, dass alle, die bei der Wohnungssuche helfen können, und alle, die diese Hilfe so sehr brauchen, zueinander finden“, schrieb ich in meiner aktuellen Kolumne im Münchner Merkur , „Nachrichten aus der Heimat: „Odessa bittet, nicht an den Strand zu gehen, um nicht gesprengt zu werden“, – und dann geschah ein Wunder. Ich traf eine hilfsbereite Frau, die ihre ganze Freizeit der Wohnraumvermittlung in München widmet.

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Ukraine-Krieg: Junge Ukrainerin aus München hilft Geflüchteten bei Wohnungssuche

Die 29-jährige Olena Tisova kommt aus der Ukraine, hat zwei Hochschulausbildungen im Rahmen eines Doppeldiplomprogramms im Fachbereich Betriebswirtschaftslehre absolviert und lebt seit 2012 in Deutschland. Seit drei Jahren wohnt sie in München und arbeitet als Büroleiterin in einem israelischen Unternehmen. Außerdem gründete sie ein Einzelunternehmen und ist Videomacherin. Alle Verwandten von Olena sind aktuell in der Ukraine

Vor zwei Wochen beschloss sie, einen Telegrammkanal einzurichten (Sova отвечат), um die Fragen der ukrainischen Menschen zu beantworten und ihnen mit Informationen zu helfen: „Ich habe bereits viele Erfahrungen mit der Wohnungssuche. Ich bin in meinem Leben schon so oft umgezogen. Ich dachte mir, warum nicht eine Wohnung suchen, vielleicht kann ich jemandem helfen.“ 

Die 29-jährige Ukrainerin Olena Tisova aus München hilft ukrainischen Geflüchteten.
Die 29-jährige Ukrainerin Olena Tisova aus München hilft ukrainischen Geflüchteten. © Natalia Aleksieieva

Olena fing an, Bewerbungen zu schicken, Briefe zu schreiben und Anfragen zu stellen. Jemand bot seine Hilfe an und sie veröffentlichte ein Foto der Wohnung auf ihrem neuen Kanal. Sie habe nicht glauben können, dass der Kanal über Nacht von mehr als 150 Menschen abonniert wurde, berichtet sie. „Ich wusste, dass die Leute Wohnungen brauchen, aber ich hätte nicht gedacht, dass sich die Informationen so schnell verbreiten würden.“ 

Aktuell sucht sie in jeder freien Minute nach Wohnungen. Der Weg zur Arbeit und nach Hause dauere drei Stunden, sagt Olena im Gespräch: „Ich esse unterwegs, ich suche auch nachts nach neuen Wohnungsangeboten.“ Die Nachfrage sei viel höher als das Angebot. Seit zwei Wochen habe sich die Situation auf dem Markt erheblich verändert. Die Wohnungssuche werde von Tag zu Tag schwieriger. 

Ukraine-Krieg: Wohnungssuche in München für Geflüchtete –  „Ich bin bereit, in dieser Lage zu helfen“

Zunächst suchte Olena nur nach kostenlos zur Verfügung gestellten Zimmern. Aber nach einer Umfrage auf ihrem Telegram-Kanal stellte sie fest, dass viele Geflüchtete bereit sind, Miete zu zahlen. Jetzt sucht sie sowohl nach vorübergehenden kostenlosen Unterkünften, als auch nach Räumlichkeiten zur Miete. „Mich haben in zwei Wochen etwa 1000 Menschen persönlich um Hilfe bei der Wohnungssuche gebeten“, sagt Olena gegenüber Merkur.de.

Über die Autorin Natalia Aleksieieva

Natalia Aleksieieva (27) ist am 7. März aus Odessa nach München geflüchtet. Sie hat viel Hilfe bekommen und wohnt aktuell bei einer Gastfamilie. Ihr Ziel ist es, so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen zu können. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihr neues Leben in Bayern – und über die Nachrichten, die Situation in ihrer ukrainischen Heimat. Ihre Texte schreibt sie auf Deutsch. Die Geschichte von Natalia Aleksieievas Flucht vor dem Ukraine-Krieg lesen Sie hier. Alle Informationen und Artikel zur Lage der Geflüchteten in der Ukraine in Bayern finden Sie auf unserer Themenseite.

Jeden Tag versendet die 29-Jährige etwa 50-70 neue Anfragen. In zwei Wochen hat sie bereits etwa 1000 Anfragen gestellt und rund 40 Rückmeldungen bekommen. Olena hat es so geschafft, 20 Familien in München und anderen Städten zu vermitteln: „Ich fühle mich wohl in diesem Umfeld. Ich fühle mich wohl, wenn mir viele Leute schreiben. Ich bin bereit, in dieser Lage zu helfen.“ 

Olena bittet über verschiedene Kanäle um Hilfe: Sie schickt Briefe an offizielle Websites, kontaktiert Hotels, Studierendenwohnheime, Pflegeheime, fragt ihre Bekannten und macht Ankündigungen in sozialen Netzwerken: „In letzter Zeit schreiben mir viele deutsche Familien, die durch meine Vermittlung bereits Ukrainer aufgenommen haben und dass nun auch deren Bekannte oder Freunde Hilfe leisten wollen.“

Geflüchtete in München: „Die Ukrainer haben große Angst. Für sie ist in Deutschland alles neu“

Während des Gesprächs wird deutlich, dass Olenas Arbeit nicht damit endet, dass sie die Wohnungsanfragen stellt, Vermieter anruft, Angebote auf ihrem Kanal veröffentlicht und Wohnungsbewerber mit Vermietern verbindet. Wichtig sei auch die Verständigung zwischen beiden Seiten, denn die Mentalitäten seien unterschiedlich: „Die ukrainischen Leute haben oft Angst, wenn ich sie mit deutschen Vermietern verbinde. Viele schreiben, dass sie unbedingt eine Wohnsitzanmeldung benötigen. Die deutschen Vermieter verstehen das nicht. Sie bitten mich, zu erklären, was los ist. Alles in Ordnung, antworte ich, sie brauchen nur unbedingt eine Anmeldung.“ 

Die Ukrainer haben große Angst. Für sie ist in Deutschland alles neu. Deshalb versuche ich bei der Kommunikation zwischen Ukrainern und Deutschen, die Ängste und Vorurteile abzubauen.

Olena Tisova hilft Ukraine-Geflüchteten bei der Wohnungssuche

Weiter berichtet Olena: „Die Ukrainer haben große Angst. Für sie ist in Deutschland alles neu. Deshalb versuche ich bei der Kommunikation zwischen Ukrainern und Deutschen, Ängste und Vorurteile abzubauen. Ich habe mich schon angepasst. Ich verstehe die Ukrainer und ich verstehe die Deutschen. Die wohnungssuchenden Ukrainer haben diese Erfahrung nicht.“ 

Die Hilfe von Olena nimmt ihre gesamte Freizeit in Anspruch. Doch sie sagt: „Meine Freizeit ist nicht verloren, wenn ich jemandem helfen konnte. Es ist nicht fair, auf der Straße zu leben. Einmal habe ich selbst am Bahnhof übernachtet, weil ich keine Wohnung finden konnte. Ich weiß, wie schwierig diese Situation ist.“ 

Ukrainerin hilft Kriegs-Geflüchteten in Bayern: Sie erzählt, wer besonders bedürftig ist

Olena sagt auch, dass die Bedürftigsten die Älteren seien. Leider wolle sie niemand aufnehmen. Es sei auch nicht einfach, Wohnungen für Familien mit mehreren Kindern zu finden. Besonders schwierig sei jedoch die Suche für Menschen mit Behinderung: „Ich habe alle Pflegeheime angeschrieben. Ich schrieb 30 Briefe und dachte, vielleicht könnte jemand älteren ukrainischen Menschen ein Zimmer zur Verfügung stellen. Leider lehnten alle ab.“ 

Ihre Bitte lautet daher: „Ich appelliere an Menschen, die in Deutschland leben und ukrainischen Flüchtlingen bei der Wohnraumsuche helfen wollen. Falls Sie eine Gelegenheit haben und Sie bereit sind zu helfen und eine Unterkunft anbieten können, können Sie sich jederzeit an mich wenden, und ich werde Sie auf jeden Fall mit den Ukrainern verbinden.“ Jemand müsse ein Bindeglied zwischen denen sein, die bereit seien zu helfen, und denen, die diese Hilfe so sehr benötigten. Sie wolle auch die ukrainisch- und russischsprachigen Menschen, die in Deutschland lebten und Zeit hätten, ermutigen, ihr bei der Annahme von Flüchtlingsanträgen und der Wohnungssuche zu helfen. 

Am Ende unseres Gesprächs gibt Olena zu: „Ich hatte im Alter von 17 Jahren eine Herzoperation und die Überlebenschancen waren sehr gering. Sie haben mir auch erzählt, dass es ein Wunder ist, wie ich bis zu meinem 17. Lebensjahr überlebt habe. Ich sage nicht, dass ich auf irgendeiner Mission bin, aber ich möchte Menschen helfen. Solange ich lebe, kann ich alles tun. Ich denke, es ist so eine kleine Sache, bei einer Wohnung zu helfen, aber für Ukrainer ist es jetzt so wichtig.“ (Natalia Aleksieieva)

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