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Immerhin ein Dach über dem Kopf: Auch unter der Wittelsbacher Brücke hausen Obdachlose.

Sie kämpfen täglich ums Überleben

Drei Geschichten: Diese Münchner leben von Pfandflaschen

München - Nicht nur die Schönen und Reichen sind in München zu Hause. Die Stadt beherbergt auch viele Obdachlose, die sich Tag für Tag durchs Leben kämpfen.

Die Glasfassaden glitzern, die Porsches rollen vorbei, die Gucci-Brillen funkeln. Und nicht mal einen Meter entfernt wohnt die Armut auf dem ­Fußweg. Auch - und gerade - bei uns im ­Herzen des deutschen Wohlstands bedeutet Alltag: Kampf ums Überleben, jeden Tag. Wenn man sich den Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands ­ansieht und sich Gedanken über die Armut macht, muss man feststellen: Allein in München leben mehr als 100.000 ­Menschen unter der Armutsgrenze von 942 Euro monatlich. Wir haben drei von ihnen getroffen (lesen Sie hier den Armutsbericht 2017).

von Sarah Brenner

„Zwei Euro reichen zum Glücklichsein“

„Nach meinem Abitur hab ich Philosophie studiert - einfach weil es mich interessiert hat. Ich wollte so viel wissen über das Leben, über die Welt. Über Wasser hab ich mich durch verschiedenste Minijobs gehalten. Ich hab zum Beispiel in der Konservenindustrie gearbeitet und Gewürzgurken abgefüllt. Aber wenn man Abitur hat, dann will man irgendwann mehr - ich wollte mehr. Ich hatte das Gefühl, ich geh kaputt. Also hab ich mir einen Rucksack geschnappt und bin losmarschiert. Raus in die Welt, durch Europa - Italien und Frankreich. Leider hat mich mein Herz irgendwann im Stich gelassen. Die Diagnose: Herzinsuffizienz. Danach ging’s bergab. Ich war krank, arbeitslos und hatte kein Dach mehr über dem Kopf. Die erste Zeit war schlimm. Wenn nichts mehr Sinn macht, spielt man schon mal mit dem Gedanken, sich einen Strick zu besorgen… 

Heute wohn‘ ich im Englischen Garten, unter einem kleinen Vordach am Kinderkarussell. Mit Essen versorgt mich die Tafel - und was ich sonst noch brauche, finanziere ich mir durchs Flaschensammeln. Im Sommer läuft das Geschäft natürlich besser, aber mit zwei Euro am Tag komme ich gut über die Runden. Einmal im Jahr mache ich sogar Urlaub bei meinen zwei Schwestern in Niederbayern. Meistens fahr‘ ich im Spätsommer, zur Wiesnzeit. Da ist mir die Stadt nämlich unsympathisch. Aber insgesamt kann ich mich nicht beschweren. Ich bin mit meinem Leben zufrieden, so wie es ist.“

Franz P. (62) aus Eggenfelden


“Ich schäme mich nicht“

„Für mich ist das Flaschensammeln mittlerweile zum Kult, zu einer eigenen Lebensweise geworden. Ich schäme mich nicht dafür, im Mülleimer rumzuwühlen. Ganz im Gegenteil. Warum auch? Ich stör ja nicht. Außerdem kenn‘ ich so viele, die vom Flaschensammeln leben - Junge und Alte. Ich werde oft auf der Straße angesprochen. Ich finde es schön, wenn die Leute mir Fragen stellen. Manche stecken mir auch ein paar leere Flaschen oder Getränkedosen zu. Wenn‘s gut läuft, kommen 100 Euro im Monat zusammen. Davon kann ich leben. Ich brauch ja nicht viel. Zum Essen und Waschen geh ich nach Sankt Bonifaz. Die Einrichtung ist meine Familie. Da kommt die ganze Welt zusammen, man plaudert, tauscht sich aus und lacht. Früher wollte ich immer einen gut bezahlten Job. Dafür hab ich Architektur studiert. Heute weiß ich: Es gibt so viel Wichtigeres als Geld. Ich bin glücklich und hab alles, was ich brauche.“

Norbert Hart (59) aus München


„Bin kein Bettler“

„Wenn ich am Straßenrand leere Flaschen oder Dosen stehen sehe, dann nehme ich die schon mal mit. Aber ich würde nie in einen Mülleimer langen: Dafür ist meine Scham zu groß. Ich fände es toll, wenn die Leute ihr Leergut neben die Abfalleimer stellen würden. Davon würde nicht nur ich profitieren. Ich bin zwar kein Bettler - ich spiele seit über vierzig Jahren Mundharmonika in der Stadt -, aber ich verdiene mir mit den Flaschen gerne etwas dazu. Gestern hat mir ein Mann fast vierzig leere Dosen angeboten. Da sage ich natürlich nicht Nein.“

Evangelos Mammos (81) aus ­Griechenland

Der gebürtige Grieche Evangelos Mammos lebt seit 40 Jahren in München.

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