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Im Ringen um die letzten noch freien Flächen sammelte das Bürgerbegehren „Grünflächen erhalten“ am Rande der Veranstaltung viele Unterschriften

Umstrittene Siedlungsprojekte

Die Wut über den Flächenfraß wächst

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Die städtischen Siedlungs-Pläne für den Münchner Norden stoßen auf Widerstand. Bei einem Infoabend machten Bürger ihrem Unmut Luft. Sie kritisierten das rasante Wachstum, die hohen Mieten und sprachen sich gegen die geplante Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme  aus.

München - Mehr als 800 Stühle hatte der Veranstalter aufgestellt. Sie reichten nicht. Viele Besucher mussten stehen. Doch sie nahmen es am Montagabend auf sich, um mehr über die „Zukunft des Münchner Nordens“ zu erfahren.

Einer war nicht da: Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Die Veranstalter hatten angeblich um seine Teilnahme gerungen, ihm sogar freie Terminwahl angeboten. Der Münchner Oberbürgermeister hatte jedoch keine Zeit. Als Vertreterin der Stadt stellte sich Susanne Ritter vom Planungsreferat den Anwohnern. Die Politik vertraten Stadträtin Heide Rieke (SPD) und die Ex-Stadträtin und Landtagsabgeordnete Mechthilde Wittmann (CSU).

Die Kluft zwischen dem Rathaus und den Bürgern im Münchner Norden ist wohl nirgends so groß wie im Stadtbezirk Feldmoching-Hasenbergl. Hier liegen die letzten großen unbebauten Flächen der Stadt. Vier neue Siedlungen werden in den nächsten Jahren Wohnraum für mindestens 15.000 Menschen schaffen. Außerdem hat das Rathaus im vergangenen Februar für eine 900 Hektar große Fläche im Westen, Norden und Süden Feldmochings eine Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) angedacht.

Im Ringen um die letzten noch freien Flächen sammelte das Bürgerbegehren „Grünflächen erhalten“ am Rande der Veranstaltung viele Unterschriften

Doch das Problem ist nicht auf den Norden begrenzt. Auch aus Fürstenried West und Daglfing sind Bürgerinitiativen angereist, mobilisiert vom Kampf um die letzten Flächen.

Das sagen die Bürger

„Dieses Wachstum werden wir auf Dauer wahrscheinlich nicht tragen können“, sagt Dirk Höpner von der Interessengemeinschaft Fasanerie. Applaus brandet auf. Bauern und Landbesitzer rund um Feldmoching befürchten Enteignungen, fühlen sich durch das mit der SEM verbundene Einfrieren der Bodenpreise um mögliche Verkaufsgewinne betrogen. Die Anwohner wollen mehr Mitbestimmung bei der Gestaltung neuer Siedlungen. Und sie befürchten, dass die Infrastruktur – Verkehr, Schulen, Kitas – nicht schritthalten wird.

So sehen es die Experten

Christian Hierneis (Bund Naturschutz) und Detlev Sträter (Münchner Forum) verweisen auf einen größeren Zusammenhang. Während anderswo Gewerbe- und Wohnraum brachliege, siedle München immer neue Firmen an. Die Masse an neuen Arbeitsplätzen befördere den Zuzug und heize die Wohnungsnot an. Die Stadt allein könne das Problem nicht alleine lösen. Hierneis sieht einkommensschwächere Gruppen schon jetzt stark an den Rand gedrängt. Mit Hinblick auf den Klimawandel plädiert er für einen Baustopp auf Grünflächen, solange es keine übergeordnete Entwicklungsstrategie gibt.

Stadträtin Rieke verteidigt die Strategie des Rathauses. „Wir können den Zuzug nach München nicht steuern. Die kulturellen Angebote und die Schönheit sind nun mal da. Soll das etwa bedeuten, dass wir weniger attraktiv sein wollen?“, fragt sie – und kassiert Pfiffe.

Die Sorgen bleiben

Aus vielen Stellungnahmen der Menschen spricht die Angst, München könnte den normalen Anwohnern, Mietern und Landwirten völlig entgleiten. „Frau Rieke, was denken Sie sich dabei, mir meine Existenz zu nehmen?“, ruft ein Feldmochinger Gärtner: Manchen Bürgern entgleiten die Worte. So vergleicht ein Mitglied der Initiative Heimatboden die SEM mit „Landraub in Afrika“.

Auf dem Podium schieben sich SPD und CSU gegenseitig den schwarzen Peter zu. Mechthilde Wittmann kündigt an, die CSU werde dem Einleitungsbeschluss zur SEM im Stadtrat nicht zustimmen. Heide Rieke macht die Landesregierung für die Wohnungsnot mitverantwortlich. Die über die tagesaktuelle Politik hinausgreifenden Anregungen der Referenten Hierneis und Sträter geraten zunehmend in Vergessenheit. Dirk Höpner von der Interessenvereinigung Fasanerie ist dennoch optimistisch. Für die Zukunft kündigt er weitere Veranstaltungen dieser Art an. Christian Hierneis vom Bund Naturschutz dagegen zeigt sich enttäuscht und resümiert frei nach Brecht: „Jeder schaut betroffen, alle Fragen offen.“

Im Münchner Norden treibt vor allem die geplante städtebauliche Entwicklungsmaßnahme  die Menschen um. Auf 900 Hektar im Westen, Norden und Süden Feldmochings soll neuer Wohnraum entstehen – zu Bedingungen, mit denen viele Anwohner und Grundbesitzer alles andere als einverstanden sind.

Lesen Sie auch: Volksbegehren gegen Flächenversiegelung: „Denken, bevor der Bagger kommt“

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