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Stan Soldan ist selbst einer seiner besten Kunden. Aus England, Deutschland, USA, Frankreich, Italien und Österreich kommen seine Produkte.

In der Blumenstraße

Ungewöhnliches Spezial-Geschäft: Besuch beim Pomade-Mann

München - Ein Pomade-Shop im Jahr 2015? Das gibt es: Stan Soldan betreibt an der Blumenstraße ein Fachgeschäft für die traditionsreiche Haar-Schmiere.

Stan Soldan kann Geschichten erzählen. Und wie. Sein Spezialgebiet sind die 20er- bis 50er-Jahre. Der 44-Jährige sieht aus, als wäre er selbst ein Teil dieser Zeit. Er trägt Blue Jeans, ein gebügeltes Hemd, darüber ein graues Gilet und ab und zu holt er einen schwarzen Kamm aus der Gesäßtasche und zieht ihn durch sein pomiertes Haar. Soldans Herz schlägt für Pomade – jene Schmiere, die jahrzehntelang die Haarmode geprägt hat. Und seine Leidenschaft geht weit. So weit, dass er ein Fachgeschäft für Pomade an der Blumenstraße eröffnet hat.

Die Worte aus Stan Soldans Mund sprudeln wie die Niagarafälle. Er wuselt hin und her in

In allen Farben, Duftnoten und Härtegraden. Soldan hat sie in vier Kategorien eingeteilt: weich, mittel, fest und sehr fest.

seinem Laden, zieht dort und da ein buntes Döschen aus dem großen Holzregal. Setzt zu einer neuen Geschichte an und erblickt schon das nächste Fläschchen, zu dem ihm etwas Interessantes einfällt. „Hier ein wahrer Klassiker unter den Pomaden.“ Auf dem Deckel prankt in großen Buchstaben „Murray´s Superior“. Stan öffnet die orangefarbene Dose, schnuppert liebevoll und reicht sie dann weiter. „Ein Barbier aus Chicago entwickelte die Pomade 1925. Boxweltmeister Joe Lewis machte Werbung dafür. Er war Afroamerikaner und verkörperte somit die Zielgruppe des Produkts. Die schwarze Bevölkerung benutzte Pomade, um sich die krausen Haare zu glätten. Das sollte zum Beispiel die Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern.“

Ist Pomade mehr als nur ein simples Haarpflegeprodukt? Zumindest den Kultstatus kann man der schmierigen Masse nicht absprechen. „Rudolph Valentino machte die Pomade durch seinen Auftritt in ,Der Scheich’ dann richtig populär“, sagt Soldan. „Der Schauspieler fiel durch die schwarzen glänzenden Haare auf.“ Auch in der Musikbranche wurde heftig pomiert. Elvis Presley ohne Tolle? Unvorstellbar.

Soldan unterbricht den kurzen Exkurs in die Vergangenheit und begrüßt einen Kunden. Eigentlich hat der Laden an der Blumenstraße heute geschlossen, aber Soldan lässt es sich nicht nehmen, dem neugierigen Mann die Pomade zu erklären: „Der Hauptbestandteil einer klassischen Pomade ist Vaseline. Hinzugefügt werden Duftaromen, Wachs für die Härte und Öle, die die Pomade weicher machen.“ Um dem skeptischen Kunden seine Scheu zu nehmen, schmiert Soldan sich gleich eine Ladung in die Haare. „Das kann jetzt ruhig ein paar Tage drin bleiben.“ Der Kunde entscheidet sich dennoch für eine wasserbasierte Pomade, die leichter auszuwaschen ist. Zum Abschied darf er noch an der Kasse von 1910 drehen. Mit einem Bling springt der silberne Kasten auf: Aber nein – die Banknoten sind handelsübliche Euroscheine.

Der Kunde ist weg. Soldan erzählt weiter. Aus seiner Jugendzeit. „Im Fernsehen liefen damals häufig alte Filme. Ich fand es großartig, wie die Haare der Schauspieler geglänzt

Sehr speziell ist das "Virgin Island Bay Rum". Das stark nach Rum riechende Aftershave wäre laut Soldan, sicher nichts für den Büroalltag.

haben. Nicht einmal Kampfszenen konnten der Frisur etwas anhaben.“ Soldan recherchierte und musste feststellen, dass Pomade ein Relikt vergangener Zeiten war. Kein Grund für ihn aufzugeben: Er sah sich reihenweise Schwarz-Weiß-Filme an, stöberte alte Werbeanzeigen auf und rief den Manager von Johannes Heesters an, um nach Tipps zu fragen. Der damals schon sehr betagte Schauspieler konnte sich zwar nicht mehr erinnern, aber Soldan ließ nichts unversucht. Dazu machte er jede Menge Selbstversuche: „Bis ich den Dreh raus hatte, ging die eine oder andere Dose Pomade drauf. Ich hatte keine Ahnung von der richtigen Dosierung, schmierte mir anfangs fast den ganzen Tiegel in die Haare.“ Sein Fazit: weniger ist mehr.

Die Leidenschaft machte Soldan vor sieben Jahren zum Geschäft. Er eröffnete einen Onlineshop, 2015 den Laden an der Blumenstraße. Die Kunden kommen aus ganz verschiedenen Gründen – zum Beispiel auch aus Filmleidenschaft. Soldan zieht eine Dose mit dem Namen „Dapper Dan“ hervor. Kino-Fans mögen sie wiedererkennen. George Clooney alias Everett aus dem Kultstreifen „O Brother, Where Art Thou?“ pomierte sich die Haare mit eben dieser Schmiere. „Fans fragten immer wieder nach Dapper Dan, aber die Marke ist fiktiv.“ Also kam Soldan eine Idee: Er rief bei der Filmgesellschaft an, die hatte aber kein Interesse an einer Zusammenarbeit. Da die Rechte an der Marke in Deutschland nicht geschützt waren, ließ er sich den Namen patentieren und beauftragte die Firma Alpa mit der Herstellung. Duft und Konsistenz suchte sich der Münchner selbst aus. Mittlerweile ist das Produkt ein Renner im Laden.

Retro sind nicht nur die Haarpflegeprodukte. Ein ganzes Sammelsurium traditionsreicher Parfums hat Soldan zusammengetragen. „Seit 1774 produziert L.T. Piver, Frankreichs ältester Parfumhersteller. Angeblich gehörte die Familie Bonaparte zur Kundschaft.“ Unter den Duftwässerchen befinden sich Kuriositäten. „Edouard Pinaud entwickelte ein Parfum für die ungarische Kavallerie, das den Geruch des Pferdeschweißes übertünchen sollte.“ Im Internet gibt Soldan den Hinweis, dass der Duft bestimmt nicht gut bei der Freundin ankommen würde. Aber für einen Besuch im Fitnessstudio wäre das Aftershave genau das Richtige.

Aber wie kommt man eigentlich auf so eine Idee – den eigenen Pomadeladen?„Meine Freunde überredeten mich zu dem Geschäft. Sie meinten, ich sollte unbedingt mein Wissen weitergeben.“ Soldan ist überzeugt, den Hauptgrund für die Beliebtheit des Produkts zu kennen. „Pomade ist chemiefrei. Es ist ein qualitativ hochwertiges Produkt.“ Er ist sich sicher: „Zu uns kommen auch Leute, die mit den alten Zeiten nichts am Hut haben.“

Der Pomadeshop an der Blumenstraße 3 hat Montag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr und Samstag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. 

Laura Vordemann

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