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Nicht Russland, sondern München: Timofei und seine Frau Natascha um 1970 in ihrem Garten am Oberwiesenfeld.

Münchner Original

Väterchen Timofei: Das Unikum vom Don

Er war ein Münchner Original: Väterchen Timofei. Am 22. Januar jährte sich der Geburtstag des Eremiten vom Olympiapark zum 122. Mal.  

Wer am 22. Januar etwas von Münchens Oberbürgermeister Christian Ude wollte, hatte lange Jahre Pech. Denn am 22. Januar hatte Ude keine Zeit. Er musste Geburtstag feiern. Nicht seinen eigenen, sondern den von Timofei Wassiljewitsch Prochorow, genannt Väterchen Timofei, der bis zu seinem Tod am 13. Juli 2004 als russischer Eremit in München lebte.

Väterchen Timofei wird 1894 in Bagajewskaja am Don geboren. Über seine Jugend ist kaum etwas bekannt, zum ersten Mal taucht er in Berichten auf, als er im Zweiten Weltkrieg in der von den Deutschen besetzten russischen Großstadt Schachty Kohlen transportiert. Während des Rückzugs der Deutschen Wehrmacht, die vor der vorrückenden Roten Armee flieht, wird er gezwungen, sich und seine Kutsche für die Flucht zur Verfügung zu stellen. Erst bei Rostow, im Süden Russlands, 46 Kilometer vor der Mündung des Don ins Schwarze Meer, kommt er wieder frei.

Einem Nickerchen war Timofei Wassiljewitsch Prochorow nie abgeneigt.

Auf seiner viele Jahre währenden Wanderung durch Europa landet er schließlich in München, wo ihm, wie Christian Ude erzählt, auf dem Oberwiesenfeld die Mutter Gottes erscheint und ihm rät, genau hier eine russische Kirche zu errichten. Timofei tut wie ihm geheißen und baut Kirche und Haus. Und das alles schwarz, aus Bauschutt, Sperrmüll und dergleichen. Und Bauschutt gibt es viel auf dem Oberwiesenfeld. Das weiß Christian Ude noch aus Kindertagen, in denen er Väterchen Timofei zum ersten Mal begegnete: „Ich bin immer mit dem Tretroller ins Oberwiesenfeld gefahren, als ich sechs oder sieben Jahre alt war. Das war ein rotes Meer aus Schutt, der aus den Ruinen der ganzen Landeshauptstadt herausgeschafft worden ist“, sagt er. „Schutt so weit das Auge reichte. Und mitten drin ein Garten Eden, etwa hundert mal hundert Meter, mit Büschen, Gemüse und Blumen bepflanzt. Und inmitten dieses Gartens Eden“, erinnert sich Ude, „steht die kleine russische Kirche, deren Türme Väterchen Timofei aus alten Ölfässern baut. Innen schlägt er das Gotteshaus, das immer noch steht, mit Schokoladensilberpapier aus.“

Keiner nimmt Anstoß an den Gebäuden und seinen Bewohnern. Als aber Ende der 1960er-Jahre genau dort die Reitbahn für die Olympischen Spiele errichtet und damit auch Timofeis Kirche abgerissen werden soll, hagelt es Proteste von Münchner Anwohnern. „Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel und Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, fanden dann, dass man Väterchen Timofei nicht vertreiben kann, und haben die Reitanlagen verlegt. Das brachte Timofei sogar Schlagzeilen: Der erste Olympiasieger von München“, erzählt Ude. Während der Olympischen Spiele habe man Väterchen Timofei dann als geschäftstüchtigen Russen kennengelernt. „Er hat Unmengen von Blumen verkauft, die unmöglich alle von seinem Grundstück stammen konnten. Böse Zungen wollten da etwas von einem Pendelverkehr zum Großmarkt wissen.“

Besuch zum 101. Geburtstag: Christian Ude mit Gattin Edith von Welser-Ude, in der Mitte Timofei.

Seinen Geburtstag feiert Timofei Wassiljewitsch Prochorow immer groß. Christian Ude und seine Frau Edith von Welser-Ude sind ab dem Hundertsten jedes Mal mit dabei. „Er hat meiner Frau versichert, dass sie immer willkommen ist. Nur einmal hat er dann gesehen, dass sie rot lackierte Fingernägel hat. Und das hat ihn sittlich empört. Er hat gefragt: Warum machst du das? Hast schon Mann!“, erinnert sich Ude schmunzelnd.

Im fast biblischen Alter von 107 Jahren muss Väterchen Timofei ins Altersheim ziehen. Das Ehepaar von Welser-Ude besucht ihn auch dort und feiert wie immer am 22. Januar seinen Geburtstag mit ihm. Edith von Welser-Ude traut sich und lackiert sich die Fingernägel nach wie vor in Rot. Und als sie ihm mit eben jenen Fingernägeln seinen letzten Wodka reicht, da, spätestens da hat er ihr verziehen.

Eva-Maria Bast

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