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Im „Royal Kebabhaus“ am Münchner Hauptbahnhof drehen sich zwei Dönerspieße – im Hintergrund der herkömmliche aus Fleisch, im Vordergrund der vegane aus Seitan.

Ganz ohne Fleisch

Veganer Döner soll die Welt erobern

München - Nach jahrelangen Tests hat der 53-jährige Erbil Günar einen einzigartigen Grillspieß mit Seitanpulver entwickelt.

Erbil Günar hat große Ziele. „Ich möchte unseren veganen Döner weltweit bekanntmachen“, sagt der 53-jährige Münchner. Er meint es ernst. Seinen Dönerspieß stellt er ohne Fleisch her, sogar ohne Milch, Eier oder andere Tierprodukt. Und diesen Dönerspieß soll es irgendwann überall geben.

Günar steht hinter der Theke seines Imbiss am Hauptbahnhof, dem „Royal Kebabhaus“. Seit dreißig Jahren betreibt seine Familie das kleine Lokal an der Arnulfstraße. Ein Dönerladen wie jeder andere – bis Günar vor sechs, sieben Jahren ins Grübeln kam. „Die vielen Fleischskandale haben uns zu schaffen gemacht“, sagt er. BSE, Salmonellen, Gammelfleisch: Nach jedem Skandal seien die Verkaufszahlen eingebrochen. „Wir haben uns damals überlegt, dass wir etwas vegetarisches anbieten müssten. Aber originell sollte es sein.“

Also begann Günar zu experimentieren. Zuerst mit Tofu, aber das ging schief. Die Konsistenz passte nicht. Zu weich, zu krümelig. Dann stieß er einen anderen Fleischersatz auf: Seitan. Wer normalem Weizenmehl die Stärke entzieht, erhält Seitanpulver. Dieses besteht vor allem aus Gluten, einem Gemisch verschiedener Eiweiße. Mit Flüssigkeit gemischt, ergibt das Seitanpulver eine feste Masse, deren Konsistenz an Fleisch erinnert.

Im Royal Kebabhaus drehen sich nun zwei Dönerspieße. Rechts der herkömmliche, aus Fleisch. Links der vegane, aus Seitan eben. Der Fleischersatz schmeckt nach orientalischen Aromen. Paprikapulver könnte drin sein, vielleicht auch etwas Curry. Welche Gewürze tatsächlich im Seitan-Döner stecken, will Günar aber nicht verraten. „An das Rezept kommt keiner ran“, sagt er und lacht.

Klar ist nur eines: Nach echtem Fleisch schmeckt das nicht. Soll es auch gar nicht, behauptet Günar: „Unser veganer Döner hat seinen eigenen Charakter, und das möchte ich auch so beibehalten.“ Schließlich kommt der Seitan-Döner bei den Kunden gut an. Mittlerweile. „Zu Beginn haben wir pro Woche zehn vegane Döner verkauft“, erinnert sich Günar. „Mittlerweile sind die Hälfte unserer Kunden Veganer oder Vegetarier.“

Sein fleischloser Döner hat ihm viele neue Stammkunden beschert, jeden von ihnen begrüßt er mit Handschlag. Alle zwei Wochen trifft sich die Tierrechtsinitiative München im Royal Kebabhaus. Zum veganen Spieleabend, mit Monopoly und Kebab. Wenn die Tierrechtler eine Demo planen, bezahlt ihnen Günar auch mal die Flyer. Zwar hat er den veganen Döner einst aus wirtschaftlichen Gründen entwickelt. Aber inzwischen haben die Ideale seiner neuen Gäste auf ihn abgefärbt. „Heute ernähre ich mich selbst zu neunzig Prozent vegetarisch. Meine Frau isst gar kein Fleisch mehr“, sagt Günar.

Günar spricht stets mit weicher, freundlicher Stimme. Aber wenn das Gespräch auf die Fleischindustrie kommt, kann er seinen Ärger nicht verbergen. „Es ist ein Skandal!“, sagt er dann. „Um die Wirtschaft zu fördern, leiden die Tiere!“ Mit seinem Produkt sei er dagegen auf dem richtigen Weg, da ist sich Günar sicher. Deswegen verkauft er den Seitan-Döner nicht nur in seinem Lokal, sondern vertreibt ihn auch an andere Imbissbetreiber.

Dabei kooperiert er mit einer Firma, die in Baden-Württemberg Fleischersatz-Produkte herstellt. In deren Fabrik könnte er pro Monat bis zu fünf Tonnen Seitan-Döner produzieren. „Momentan haben wir noch viel zu wenig Abnehmer“, sagt Günar. Türkische Imbissbetreiber seien zu zögerlich. „Die warten lieber ab, bis sich ein Produkt bewährt und ziehen dann erst nach.“ Aber Günar hält an seinen Plänen fest.

Im Herbst will der 53-Jährige voll durchstarten. Er plant eine große Pressekonferenz, Verköstigung inklusive, deutsche und internationale Medien will er einladen. Er meint es also wirklich ernst: Seinen Döner möchte Erbil Günar weltweit bekannt machen. Vielleicht klappt das nicht von heute auf morgen, aber er hat Zeit. „Was heißt Rente?“, sagt er fest entschlossen und schiebt hinterher: „Rente kenne ich nicht!“

Tobias Schulze

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