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Im Gespräch: der Dalai Lama und York Hovest.

Münchner Fotograf York Hovest im Interview

Das Versprechen an den Dalai Lama

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München - Ein Münchner Fotograf gibt dem Dalai Lama ein Versprechen – und löst es drei Jahre später ein. Ein Märchen? Mitnichten. Die Geschichte von York Hovest, 36, ist wahr. Und sie zeigt vor allem eines: Man muss nur an sich glauben. Ein Interview, das uns allen Mut macht.

Sie waren kürzlich beim Dalai Lama, um ihm das erste Exemplar Ihres Tibet-Bildbandes zu überreichen. Wie kam das?

Ich wollte mein Versprechen einlösen. Ich hatte dem Dalai Lama versprochen, sein Land zu porträtieren – um zu zeigen, wie es in Tibet wirklich aussieht. Der Dalai Lama lebt seit Jahrzehnten im Exil. Ende August bin ich nach Indien gereist, um ihn zu treffen.

Was fühlten Sie?

Ich war nervös, glücklich, erleichtert, alles zugleich. Der Dalai Lama hatte mir eine Privataudienz gewährt, 40 Minuten waren vorgesehen, am Ende saßen wir fast zwei Stunden zusammen. Der Dalai Lama schaute sich jedes Bild an. Und er hielt inne, als er die Schwarz-Weiß-Aufnahme des Potolas entdeckte, seines Winterpalastes in Lhasa, in dem er aufgewachsen war und aus dem er 1959 vor den chinesischen Besatzern fliehen musste ...

Wieso haben Sie so ein Versprechen abgegeben?

Dafür müsste ich ausholen.

Nur zu.

Also, ich hatte drei Jahre zuvor, im August 2011, die einmalige Chance bekommen, den Dalai Lama während seines Deutschland-Besuchs zu porträtieren – und ich war so beeindruckt von diesem Mann, dass ich nach einer schlaflosen Nacht beschloss, ihm einen Brief zu schreiben. Ich schrieb „Dear Tenzin“ ...

Sie sprachen ihn mit „Lieber Tenzin“ an – mit seinem Vornamen?

(lacht) Ja, das war unpassend. Aber er hat es mir offenbar nicht übel genommen. Jedenfalls schrieb ich dann noch: „Ich möchte nicht nur reden, sondern etwas für Sie tun. Etwas für Tibet. Ich will ganz Tibet bereisen und das Leben der Menschen in Tibet einfangen, die Schönheit des Landes – und den tief greifenden Wandel, seit Sie geflohen sind.“

Jetzt mal ehrlich: Da steckt doch mehr dahinter?

Wenn ich ehrlich sein soll, steckt tatsächlich mein kleiner Sohn Jasper dahinter, der ist heute vier Jahre alt.

Erzählen Sie mal.

Das Buch: Hundert Tage Tibet.

Damals, also 2011, bin ich mit meiner Frau Saskia und Jasper von München nach Wiesbaden gefahren, um den Dalai Lama zu begleiten. Saskia und ich waren total aufgeregt – und Jasper spürte das, er wimmerte, warf sich in seinem Kinderwagen hin und her, irgendwann fing er an zu weinen. Doch das änderte sich schlagartig, als der Dalai Lama auf uns zukam: Der Mönch beugte sich über unseren Sohn, der da gerade mal eineinhalb Jahre alt war – und der Kleine fing an zu lächeln, streckte das Ärmchen aus und schenkte dem Dalai Lama sein Matchbox-Auto. Es war eine rührende Szene. Ich war zutiefst bewegt – und sprachlos.

Wie reagierte der Dalai Lama?

Er freute sich, er lachte. Und später, als er im Hessischen Landtag eine Rede hielt, erzählte er von seiner Begegnung mit Jasper. Er sagte: „Als Buddhist, der an eine Kontinuität im Leben über viele Existenzen hin glaubt, hatte ich das Gefühl, dass wir uns vielleicht schon in einem vergangenen Leben kannten.“

Danach beschlossen Sie, nach Tibet zu gehen?

Wahrscheinlich bin ich ein bisschen risikoreicher als viele andere – ich bin von Klein auf an Abenteuerreisen gewöhnt, meine Eltern nahmen mich und meinen älteren Bruder zu den exotischsten Zielen mit: in den Urwald von Venezuela, nach Sri Lanka oder Südafrika. Über Tibet wusste ich bis dahin allerdings nicht viel – und vom Dalai Lama nur, dass er ein besonderer Mensch ist.

Wie ging es weiter?

Nachdem ich den Brief an den Dalai Lama geschrieben hatte, begann ich sofort damit, mich auf die Expedition vorzubereiten. Das dauerte fast ein Jahr – ich musste ja fit sein: für die Berge, für die Höhenmeter. Tibet wird nicht umsonst als „Dach der Welt“ bezeichnet. Also recherchierte ich, sprach mit Menschen, die dort waren, arbeitete minutiös meine Reiseroute aus. Regelmäßig ging ich zum Bergsteigen und ins Fitness-Studio, wo ich fast täglich mit meinen Expeditions-Stiefeln auf dem Stepper stand. Und ich lief jeden Tag mit einem schweren Rucksack ins Büro und wieder zurück, um zu testen, wie viel meine Schultern tragen können.

Wie schwer war denn Ihr Rucksack?

85 Liter, gefüllt mit Wasserflaschen.

Respekt.

Nach ein paar Wochen kam noch ein zweiter Rucksack dazu, der Pi mal Daumen das Gewicht meiner Kamera-Ausrüstung beinhaltete. Das waren etwa zwölf Kilo. Anfangs hatte ich mit dem zusätzlichen Gewicht zu kämpfen, aber dann ging’s.

Was haben Sie sonst noch gemacht?

Ich habe mir einen Backenzahn ziehen lassen, der sich bei der Expedition hätte entzünden können. Und ich stellte meine Essgewohnheiten um, ich brauchte ein Polster, mehr Energie, um später die Temperaturunterschiede in Tibet verkraften zu können.

Und dann ging’s los?

Im April 2012. Rund 60 Tage war ich in Tibet – und allein elf brauchte ich für die Akklimatisierung. Mein Eintrittsort zu Tibet liegt ja auf rund 3600 Metern, und dann geht man immer höher. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es egal ist, wie fit man ist: Sobald man die 5000er-Grenze erreicht hat, wird die Kraft knapp, man kommt kaum noch einen Hügel hinauf. Denn mit steigender Höhe sinkt der Sauerstoffgehalt, es wird weniger Sauerstoff durch die Lunge in den Körper aufgenommen – und der Körper versucht diesen Mangel auszugleichen, indem sich der Pulsschlag erhöht und die Atmung verstärkt.

Was passiert dann?

Dann muss man langsamer machen, pausieren. Und die Einheimischen servieren einem Knoblauch-Suppe.

Ihr Ernst?

(lacht) Wenn man sagt, es gehe einem schlecht, bekommt man Knoblauchsuppe – mit riesigen Stücken Knoblauch.

Die amüsanten Erlebnissen wurden durch schlimme überschattet ...

Kurz vor dem geplanten Ende meiner ersten Expedition ereignete sich etwas Grauenhaftes: Zwei Tibeter hatten sich aus Protest gegen die chinesischen Besatzer in der Hauptstadt Lhasa angezündet – und plötzlich hieß es, alle Touristen müssten sofort das Land verlassen. Tibet steht ja unter einer Totalüberwachung durch China. Überall gibt es Kameras, selbst in entlegensten Dörfern. Panzer patrouillieren, Militärhubschrauber kreisen, man sieht Soldaten.

Auch Sie haben Soldaten getroffen.

Ja, an einem Checkpoint stand ein Mann mit einem Gewehr vor mir, wollte meine „Permit“ sehen, die Reisegenehmigung. Ich gab sie ihm – und er zerriss sie. Dann deutete er in Richtung Grenze. Das hieß „raus“.

Gingen Sie?

Nicht ganz.

Wie – nicht ganz?

Ich wollte noch den Mount Everest sehen, ihn fotografieren, deshalb fuhr ich in Richtung Grenze – und hielt bei einem Haus am Wegesrand. Da gab es etwas zu essen und eine Übernachtung. Ich wollte um vier Uhr morgens aufstehen und losgehen, um einen Berg zu überqueren, hinter dem der Mount Everest zu sehen war.

Hatten Sie Angst?

Dafür war ich zu wütend, aber mir wurde schon kurz mulmig, als am Abend plötzlich ein Chinese in dem Haus stand, der perfekt Englisch sprach – das ist sehr untypisch – und erzählte, er mache eine Trekking-Tour, dabei trug er Stoffschuhe. Mir war sofort klar, der Mann lügt, er kann nicht in den Bergen gewesen sein, der war blass, und wer in Tibet unterwegs ist, der wird in kürzerster Zeit braun, trotz Lichtschutzfaktor 50. Ich bin mir sicher, es war ein Spion.

Was haben Sie getan?

Ich und mein Sherpa, ein treuer Begleiter, gingen sofort in unser Zimmer – und schlichen uns ganz früh hinaus. Wir gingen den besagten Berg hoch – und sahen nach Stunden den Mount Everest. Aber er war zu weit weg, um ein vernünftiges Foto zu machen. 40 Kilometer. Ich war so enttäuscht.

Ein Jahr darauf, bei Ihrer zweiten Expedition, gelang Ihnen die Aufnahme.

Ein tolles Gefühl! Die zweite Expedition, die rund 40 Tage dauerte, war härter als die erste: Ich hatte weniger Zeit, musste schneller aufsteigen, weiter gehen. Das Wetter war miserabel, eiskalt. Ich war in einer der entlegensten Regionen Tibets, überall karge Landschaften, alles verlassen. Und irgendwann bekam ich die Höhenkrankheit, hatte unerträgliche Kopfschmerzen, habe auf nichts reagiert. Ein Glück, dass mein Sherpa das erkannte und mir starke Medikamente gab. Wir übernachteten bei einem Schamanen. Am Tag darauf ging es mir wieder gut. Zurück in München hatte ich insgesamt mehr als 9000 Fotos.

Daraus ist jetzt der Bildband entstanden.

Ja, die Geschichte von Tibet. Der Dalai Lama hat das Vorwort geschrieben, darin steht: „Ich hoffe, das Buch wird den Lesern eine Vorstellung von der reichen und weit zurückreichenden buddhistischen Kultur Tibets vermitteln, zu deren Erbe Gewaltlosigkeit und Mitgefühl zählen.“ Das sagt alles.

Barbara Nazarewska

Hier finden Sie die Facebook-Seite zum Buch!

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