Barbara Kittelberger, Stadtdekanin, hatte die Anzeige gestellt. kh

Verzockte Kirchen-Millionen: Verdacht der Untreue

München - Im Kirchengemeindeamt, das bis zu 5,5 Millionen Euro Rücklagen verspekuliert hat, ermittelt der Staatsanwalt. Die Stadtdekanin hat den Finanz-Abteilungsleiter angezeigt.

„Wir haben eine Anzeige aus dem Jahr 2013 wegen des Verdachts der Untreue“, sagte Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch gestern auf Anfrage. Noch sei man jedoch „am Anfang der Ermittlungen“.

„Wir sind gerade dabei, den Sachverhalt aufzuklären, um zu sehen, wie es weitergeht“, so Steinkraus-Koch. Die Anzeige von Stadtdekanin Barbara Kittelberger richte sich namentlich gegen den inzwischen suspendierten Leiter der Finanzabteilung im Kirchengemeindeamt und sei im November erstattet worden.

Damals zeichnete sich ab, dass die Anlagestrategie des Kirchengemeindeamts nicht so konservativ und sicher war, wie dies der Dekanatssynode laut Kittelberger versichert worden war: Wie berichtet, war im Juli ein Unternehmen insolvent geworden, in das 500 000 Euro investiert worden waren. Bis Dezember folgten drei weitere mit einem Investitionsvolumen von weiteren fünf Millionen Euro.

Das Kirchengemeindeamt, das die Rücklagen des Dekanats und einiger Kirchengemeinden in Höhe von 32 Millionen Euro treuhänderisch verwaltet, hatte fast die Hälfte der Summe in Mittelstandsanleihen in den Branchen Solar, Wind, Wasser und Müllrecycling investiert. Diese Anleihen werden aber in Fachkreisen als riskant angesehen.

Die Liquidität des Dekanatsbezirk sei nicht gefährdet, sagte Kittelberger am Mittwoch. Gleichwohl müssten auch die Rücklagen wieder aufgefüllt werden, weil sie für die kirchliche Arbeit unabdingbar seien. Es gebe Baurücklagen, die den Gebäudeunterhalt sichern, zweckgebundene Rücklagen, etwa zur Finanzierung bestimmter Stellen und Projekte, und allgemeine Rücklagen. Sie alle sollen gewährleisten, dass kirchliche Arbeit beständig und verlässlich geleistet werden kann.

Nach Angaben des Sprechers der evangelischen Landeskirche in Bayern, Johannes Minkus, gibt es bislang keine verbindlichen Vorschriften: „Wie die Dekanate und Kirchengemeinden ihr Geld anlegen, können sie selbst entscheiden.“ Eine Umfrage habe gezeigt, „dass Dekanate und Gemeinden ihr Geld „zum ganz überwiegenden Teil ziemlich konservativ investieren“.

Aus dieser Linie scherte der im Münchner Kirchengemeindeamt zuständige Mitarbeiter aber offenbar zuletzt aus: Nachdem er jahrelang eine Rendite von rund 2,5 Prozent erwirtschaftet hatte, seien für 2013 4,1 Prozent gemeldet worden, so Kittelberger. Höhere Renditen aber sind in der Finanzwelt in der Regel mit höheren Risiken verbunden.

Zur Frage, ob die Qualifikation der Mitarbeiter im Kirchengemeindeamt ausreicht, um im immer komplizierteren Finanzmarkt zu bestehen, wollte sich Minkus gestern nicht äußern. Ebenso wenig zur Frage, ob nun verbindliche Regeln kommen werden. Er wolle einer Sonderprüfung, deren Ergebnis Mitte nächster Woche erwartet wird, nicht vorgreifen. Diese Sonderprüfung führt die Gemeindeabteilung des Landeskirchenamts durch, die als Fachaufsicht auch für die Rechnungsprüfung in Gemeinden und Dekanaten zuständig ist. Je nachdem, was diese Prüfung zutage fördert, seien neben den strafrechtlichen Ermittlungen auch dienstrechtliche Folgen für den oder die betroffenen Mitarbeiter möglich, so Minkus.

Peter T. Schmidt

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