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Im Unruhestand: Fritz Geißl (74) bei der Arbeit im Druckhaus von Münchner Merkur und tz.

Minijob im Alter

Schuften trotz Rente

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Für viele Münchner wird der Ruhe- zum Unruhestand. Zuletzt hatten mehr als 16 000 Senioren einen Minijob. Oft reicht die Rente nicht zum Überleben. Zwei Münchner erzählen.  

Es ist sechs Uhr morgens am Mittwoch. Fritz Geißl (74) könnte noch im Bett liegen und irgendwann gemütlich mit seiner Frau Renate Runck (75) frühstücken. Doch Geißl, der 40 Jahre lang bei der Post tätig war, ist im Unruhestand. Um sechs fängt seine Schicht im Druckhaus von Münchner Merkur und tz an der Dessauerstraße in Moosach an, ein Minijob, 450 Euro im Monat. Er fährt die riesigen Papierrollen von A nach B. „Ohne diesen Job könnte ich mir überhaupt nichts extra leisten“, sagt Geißl. „Nicht einmal ein neues Kleidungsstück.“

Geißl und seine Frau, die ebenfalls einen Minijob hat, sind nicht allein. 2003 waren es nur rund 10 000 Rentner, die weiter arbeiten gingen, 2008 schon fast 13 500. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) schlägt nun Alarm. Im Dezember 2015 hatten nach Angaben der Agentur für Arbeit 16 203 Münchner Senioren einen Minijob. Nicht alle suchten Abwechslung oder gingen arbeiten, um mehr Kontakt zu anderen Menschen zu haben, sagt die Münchner DGB-Vorsitzende Simone Burger: „Viele können nur so ihren Lebensunterhalt finanzieren.“ Dem stimmt auch Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbandes VdK, zu: „Die meisten tun das nicht aus Spaß und Zeitvertreib, sondern aus finanzieller Not.“

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes stützen diese These nur zum Teil. 943 000 Menschen über 65 Jahre gehen nach aktuellen Angaben in Deutschland einem Minijob nach, 22 Prozent mehr als noch 2010 (vergleiche auch Thema auf Seite 3). Doch nur etwas mehr als ein Drittel dieser Senioren sind laut Bundesamt auf das Geld – maximal 450 Euro im Monat – angewiesen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die meisten anderen wollen sich nur etwas dazuverdienen.

„Meine Altersvorsorge habe ich mir anders vorgestellt“, sagt jedoch auch Susanne Faller, die für den Leihoma-Service München von Silke Wolf arbeitet. Zwei Geschwisterkinder im Alter von sieben und neun Jahren betreut Faller, die „Anfang Siebzig“ ist, im Moment regelmäßig – sie holt sie von der Schule ab, bringt den Buben zum Fußballtraining, macht mit beiden Hausaufgaben, kocht das Abendessen. Diese Arbeit, sagt Faller, erfülle sie voll und ganz – es klingt sogar, als sei sie erfüllender als ihre frühere Tätigkeit als Auslandskorrespondentin. „Aber das Geld brauche ich, auch wenn ich nur eine kleine Wohnung habe.“ Wohnen sei eben teuer in der Stadt.

In München sieht DGB-Chefin Burger deshalb eine Sondersituation: „München wird immer teurer, vor allem die Mieten steigen und steigen“, sagt sie. „Da können viele Senioren nicht mithalten.“

Das zeigt sich auch an der Zahl der Menschen, die auf die sogenannte Grundsicherung im Alter angewiesen sind. 2010 waren es knapp 11 200 Personen, 2015 bereits fast 14 300. „Das ist eine Steigerung um 27 Prozent“, sagt Burger, die befürchtet, dass sich die Situation weiter verschärft. Die Armutsspirale kennt auch das Münchner Sozialreferat. Die Prognose der Stadt: 2030 werden mehr als 20 000 Münchner Senioren auf die staatliche Unterstützung angewiesen sein. Nach den Ergebnissen der letzten Bürgerbefragung aus dem Jahr 2010 waren 18 Prozent der Münchner über 65 Jahren armutsgefährdet. Altersarmut, sagt VdK-Präsidentin Mascher, „ist vor allem für Frauen in Bayern eine reale Gefahr“. 24,4 Prozent aller bayerischen Rentnerinnen haben ein Einkommen unterhalb der Armutsschwelle.

Beim DGB befürchtet man angesichts der Rentenpolitik der Bundesregierung eine weitere Verschlechterung der Situation. „Die Bundesregierung hat beschlossen, das Rentenniveau und damit die Rente weiter abzusenken“, sagt Burger. Sinke das Niveau wie geplant bis 2030 weiter um 3,5 Prozent, verliere etwa eine Krankenschwester nach 40 Jahren Arbeit 78 Euro Rente pro Monat. „Diese Politik produziert sozialen Abstieg.“

Er sei „gewaltig enttäuscht“, sagt der ehemalige Postler Fritz Geißl. „Ich habe 40 Jahre gearbeitet und jetzt reicht die Rente hinten und vorne nicht.“ Dass vonseiten der Bundesregierung ständig von „reichen Rentnern“ die Rede sei, sei „eine Frechheit“, schimpft Susanne Faller. „Viele sind arm und krank und können gar nicht mehr arbeiten.“

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