Viktualienmarkt: Billig-Pachten in der Goldgrube

München - Der Viktualienmarkt ist für Händler ein lukrativer Standort – vor allem, weil die Pacht dort sensationell günstig ist. Stadtkämmerer Ernst Wolowicz betont, dass sich das ändern muss: Die Pacht müsse nach der fälligen Renovierung des Marktes angehoben werden.

Der Kämmerer scherzt noch: „Mit der Äußerung brauche ich mich auf dem Viktualienmarkt nicht mehr sehen lassen – vielleicht mit Sonnenbrille und Schlapphut.“ Doch Ernst Wolowicz ist überzeugt: „Wenn ich als Eigentümer einen Standort mit viel Geld attraktiv und modern gestalte, dann kann die Pacht hinterher nicht die gleiche sein wie vorher.“

Bei der Stadt weiß man noch nicht, wie viel die anstehende Renovierung der Münchner Märkte und insbesondere des Viktualienmarkts kosten wird. Aber man kennt die Pacht dort – und die ist niedrig. Die Standlgebühr orientiert sich am Sortiment und am Umsatz. Lebensmittelhändler kommen am günstigsten weg: Laut Gebührensatzung zahlen sie je nach Stand zwischen 1,5 und 2,5 Prozent, Blumenverkäufer 4 bis 5 Prozent. Wenn das Geschäft schlecht läuft, fällt also auch die Pacht niedriger aus. Ein Insider bestätigt, dass die 140 Händler im Jahr 2008 etwa 40 Millionen Euro einnahmen. Im Schnitt hatte ein Händler also 286 000 Euro in der Kasse, pro Monat fast 24 000. Heuer zahlt ein Gemüse-Tandler für ein gutes Standl im Monat etwa 600 Euro Gebühr.

Wer noch einen alten Mietvertrag sein Eigen nennt, zahlt viel weniger. „Es gibt Händler, die 15 Euro pro Quadratmeter zahlen – im Jahr“, sagt ein Kenner. „Die Durchschnittsmiete für einen sehr guten Platz in einem festen Häuserl liegt bei 350 Euro, für ein kleines Schirmstanderl sind es 80 Euro im Monat.“ Im Gegensatz zur Pacht haben die Waren-Preise des Marktes jedoch Münchner Innenstadt-Niveau.

Wolowicz ist überzeugt: „Wenn der Steuerzahler hier Geld vorschießt, kann es nicht sein, dass die Nutzießer hinterher das Gleiche zahlen.“ Freilich ist das Thema ein sensibles. Wer auch immer im Rathaus darüber spricht, er fängt an zu flüstern: Klar, der Viktualienmarkt erhalte eine Subvention, „die sich keine andere Stadt leistet“. In Sachen Reibach rangierten Standl-Betreiber am Viktualienmarkt „relativ bald nach Wiesnwirten“. Man sei sich sogar auf höchster Ebene nicht einig über die Erhöhungen, heißt es. „Der Streit ums Deutsche Theater war ein Klacks dagegen.“

Bernd Plank vom Kommunalreferat bestätigt, dass die Erhöhungen ein „heikles Thema“ seien. „So etwas löst Ängste aus.“ Und der Markt sei ja auch eine traditionelle Touristenattraktion mit einer „immensen Bandbreite“. Man suche einen „starken Dialog“ mit den Händlern. „Jeder Stand ist ein kleines Biotop, das man individuell betrachten muss.“

Das betont auch Marktfrauen-Sprecherin Christine Hirschauer: „Dass erhöht wird, ist logisch – wir können ja rechnen. Aber man darf den Markt nicht totrenovieren.“ Sie betont, dass die Verdienstunterschiede enorm seien. Der Imbiss-Besitzer sei nicht mit dem kleinen Kartoffelhändler vergleichbar. „Wir haben Kollegen, die sogar einen Nebenjob brauchen.“

Bei Rot-Grün stößt der Vorschlag, die Standlbesitzer an den Kosten der Sanierung zu beteiligen, durchaus auf offene Ohren. „Da muss man wohl über eine Erhöhung der Gebühren nachdenken“, sagt Lydia Dietrich, Fraktionschefin der Grünen. „Es sollte schon so sein, dass die Stadt nicht auf den Kosten hocken bleibt“, meint ihr SPD-Kollege Alexander Reissl. CSU-Stadtrat Georg Schlagbauer würde dies so nicht unterschreiben. Die Gebühren auf dem Viktualienmarkt seien zwar „nicht die allerhöchsten“, aber dennoch angemessen. Nicht zuletzt erledigten die Standlbetreiber auch einen „wichtigen kulturellen Teil“ für die Stadt. Überraschend ist seine Aussage nicht. Der CSU-Politiker und Metzgermeister hat auf dem Gelände selbst ein Geschäft.

Im März beschließt der Stadtrat die weitere Vorgehensweise. Umfang und Qualität der Renovierung sind noch völlig offen. Manche Stände verfügen aber nicht einmal über einen Wasseranschluss. Bis die Arbeiten beginnen, dauert es wohl noch zwei Jahre. Auch die Kosten seien noch völlig ungewiss, so Wolowicz. „Über die Refinanzierung wird der Stadtratsausschuss entscheiden.“

Standlfrau Hirschauer warnt: „Wenn die kleinen Händler verschwinden, verliert der Markt seinen Charakter.“ Die Zeiten, in denen man am Viktualienmarkt reich werden konnte, sagt sie, „die sind schon lang vorbei“. Kämmerer Wolowicz lässt das kalt: „Ich kenne keinen, der dort arm geworden wäre.

Von Johannes Löhr, Matthias Kristlbauer, David Costanzo und Simone Herzner

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