Viktualienmarkt: Wo sind die Spendengelder?

München - Die Standlbetreiber überreichten großzügige Schecks für wohltätige Zwecke, überwiesen dann aber nur einen Teil des gesammelten Geldes.

Das Promi-Aufwiegen am Viktualienmarkt ist eigentlich eine pfundige Sache: Jedes Jahr im Oktober steigen gewichtige Münchner auf die Waage, das Gegengewicht an Lebensmitteln spenden die Standlbetreiber an die Münchner Tafel – und überweisen noch eine Geldspende an einen Hilfsverein in der Stadt.

Zum 200. Jubiläum des Viktualienmarkts vor drei Jahren wollten sich die Standlbesitzer erst recht nicht lumpen lassen. Das Aufwiegen sollte „fulminanter Schlusspunkt“ der Feiern an „Münchens liebstem Markt“ werden. So warb die Stadt. Einen fünfstelligen Betrag sagten die Gemüsetandler und Blumenhändler zu – für den guten Zweck. Doch damals ging es offenbar ganz und gar nicht so honorig zu. Stattdessen wird es jetzt fulminant. Denn die Standlbetreiber haben die versprochenen Gelder nicht komplett überwiesen, berichtet die tz.

Die Standlbetreiber – mehrheitlich vertreten durch ihren Verein „Interessengemeinschaft Viktualienmarkt“ (IGV) – schulden Münchner Hilfsorganisationen mehrere tausend Euro. Die Tandler haben bei den Spenden-Aktionen viel mehr Geld gesammelt und zugesagt, als auf den Konten der Bedachten ankam. Das belegen Dokumente, die der tz vorliegen. Und dabei machen die 140 Standlbesitzer im Jahr mehr als 40 Millionen Euro Umsatz (wir berichteten).

Rückblick ins Jubeljahr 2007: Am 20. Oktober sollte ein besonderes Promi-Aufwiegen steigen. Seinerzeit erklommen nicht nur die Schlagersängerin Angela Wiedl und Wolfgang M. Prinz die Waage. Der Maler schuf anlässlich des 200. Geburtstages des Marktes auch ein buntes Standl-Panorama, das „amerikanisch“ versteigert wurde – sprich: Wer bietet, zahlt sofort, damit möglichst viel Geld zusammenkommt. Und sie gaben – Bürger, Promis und Politiker. Anschließend überreichte Christine Hirschauer, Sprecherin der Marktkaufleute, den Spendenscheck an die Lebensretter vom Klinikum Großhadern: 10 000 Euro sollte Professor Hans-Jochem Kolb, emeritierter Leiter der Transplantationseinheit, bekommen – zur Bekämpfung von Leukämie.

Als die Überweisung ganze sieben Monate später bei der Uniklinik einging, rieben sich die Ärzte die Augen: genau 6769,70 Euro. Mehr als 3200 Euro fehlten! „Wenn wir nicht immer wieder nachgehakt hätten, wäre vielleicht gar nichts gekommen“, sagt Anne Franke, damals Assistentin des Professors. Der Fehlbetrag sei moniert worden – vergeblich. „Wir haben in Erwartung der Spende zwei Beatmungsgeräte für 13 000 Euro gekauft und mussten 6000 drauflegen“, sagt Franke. Auch ihre Kollegin Doris Schäffler vom Finanzreferat der Klinik ist entrüstet. „Ich war beim Promi-Aufwiegen dabei. Da haben Stadträte und andere namhafte Leute in gutem Glauben gespendet – das Geld kam nur zum Teil an. Das ist unerhört!“

Das gleiche Debakel wiederholte sich im folgenden Jahr: Diesmal kletterten die Kabarettisten Monika Gruber und Andreas Giebel auf die Waage. Der Erlös ging 2008 an die Kindertafel Glockenbach, die armen Schülern das warme Mittagessen spendiert. 2500 Euro sicherten die Standlbetreiber zu, 1500 Euro kamen an – 1000 Euro zu wenig! „Wir haben die Spende in Vorleistung auf drei Münchner Schulen aufgeteilt – aber das Geld kam nie in voller Höhe an“, sagt Ulrich Ludwig, Vorsitzender der Kindertafel Glockenbach.

Die Standlbetreiber lassen das nicht auf sich sitzen. Zwar bestätigt Christine Hirschauer, Chefin der Interessengemeinschaft und Unterzeichnerin der Schecks, die Vorgänge – schiebt die Verantwortung aber den Markthallen München zu, dem zuständigen Eigenbetrieb der Stadt.

Hirschauer sagt, 2007 seien rund 7700 Euro bei der Gemälde-Versteigerung eingenommen worden. „Man kann nur das spenden, was man eingenommen hat.“ Das Geld sei bis auf „einen kleinen Differenzbetrag“ überwiesen worden. Sie habe dennoch bei der Spendenübergabe einen Scheck über 10 000 Euro unterschrieben und überreicht. Übrigens: Dieser Scheck ist womöglich gültig, sollte er auftauchen, könnte ihn das Klinikum einlösen. Hirschauer sagt: „Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“ Sie habe sich auf die Zusage der Stadt verlassen, die Differenz auszugleichen. Markt-Chef Rainer Hechinger habe sein Wort gegeben. 2008 sind die Markthallen tatsächlich eingesprungen und zahlten die fehlenden 1000 Euro aus Gebühren.

Die Stadt berichtet den Vorgang ganz anders: „Wir haben uns in der moralischen Plicht gesehen“, sagt Bernd Plank, Sprecher des Kommunalreferats. „Der Imageschaden für den Markt wäre enorm gewesen. Es geht darum, dass man hält, was man verspricht.“ Auch die Zusage der Markthallen, den Fehlbetrag auszugleichen, weist die Stadt von sich. Plank: „Christine Hirschauer hat der Uniklinik 10 000 Euro versprochen.“ Fakt sei: „2007 hat die Interessengemeinschaft genau 8082,30 Euro eingenommen.“ Das zeige der Schriftverkehr. Die Marktleute hatten 1200 Euro weniger überwiesen. Standl-Sprecherin Hirschauer betone im Schriftverkehr, dass sie den Verbleib des Geldes nicht mehr nachvollziehen könne.

Simone Herzner und David Costanzo

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