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Mit Firmen-Chef Michael Doppelmayr über den Dächern von Innsbruck: Bayerns Verkehrsministerin Ilse Aigner besuchte die beiden größten Hersteller in Österreich und Südtirol. 

Ministerin besucht Hersteller

Bald Realität oder Schnapsidee? Aigners Seilbahn-Vision für München

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In München, aber auch in Dachau überlegt man, Seilbahnen in den Öffentlichen Nahverkehr zu integrieren. Die Hersteller werben intensiv – und bei der Verkehrsministerin wächst die Überzeugung.

Sterzing/Innsbruck – Wer Visionen entwickeln will, braucht den nötigen Weitblick. Ilse Aigner steht auf 1965 Meter an der Bergstation der Patscherkofelbahn – weit über den Dächern Innsbrucks. Hinter ihr surren die kleinen Acht-Personen-Kabinen aus dem Tal herauf. Hier oben in der klaren Höhenluft braucht man ein wenig Fantasie, um die Frage zu beantworten, die die Verkehrsministerin zu diesem Ausflug zu den beiden größten Herstellern nach Österreich und Südtirol bewogen hat: Können solche mit Strom betriebenen Seilbahnen – 25 bis 30 Stundenkilometer schnell – auch Verkehrsprobleme in den überfüllten, von Lärm und Feinstaub geplagten bayerischen Städten lindern?

Aigner scheint wild entschlossen, die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. „Das wird sicher nicht alle Probleme lösen, aber punktuell können Seilbahnen eine große Hilfe sein.“ Mitte Juli ist sie gemeinsam mit dem Münchner OB Dieter Reiter (SPD) mit der Idee an die Öffentlichkeit gegangen. Das Pilotprojekt soll am Frankfurter Ring im Norden der Landeshauptstadt entstehen. Seitdem ist einiges in Bewegung geraten. Aus Nürnberg und Würzburg wird Interesse signalisiert.In Dachau ist man gleich dermaßen begeistert, dass der stellvertretende Landrat Helmut Zech (CSU) Aigner spontan bei ihrer Informationsfahrt begleitet.

„Ein bisschen Science Fiction ist es ja schon“

Zech wirkt von der Idee fasziniert. In seinem Landkreis nehme der Druck der Pendler in Richtung München stetig zu, weshalb derzeit ein neues ÖPNV-Konzept entwickelt werde. Der Vize-Landrat würde die Seilbahn am liebsten schon in Breitenau nordwestlich von Dachau beginnen, dann über die Kreisstadt und Karlsfeld bis in den Münchner Norden weiterführen. Gibt aber zu: „Ein bisschen Science Fiction ist es ja schon.“

Deshalb hat sich Aigner nun auf den Weg gemacht. Zur Firma Leitner in Sterzing gleich hinterm Brenner und zu den Herstellern der Patscherkofelbahn, der Firma Doppelmayr aus Österreich. Da beide Unternehmen etwa 90 Prozent des Marktes beherrschen, dürfte eines von ihnen auch den Zuschlag für Aufträge aus dem Freistaat bekommen. Intensiv rühren sie die Werbetrommel – und wissen durchaus zu überzeugen. Aigner jedenfalls fühlt sich am Ende des Tages bestärkt. „Ich glaube inzwischen wirklich, dass das funktionieren kann.“

Aigner mit dem Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher (Mitte) bei der Firma Leitner.

Alles blickt nun auf die Landeshauptstadt, wo der Stadtrat demnächst eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben soll. „Am Ende stehen und fallen auch unsere Pläne mit München“, sagt der Dachauer Vize-Landrat Zech. Und auch Augustin Kröll von der Firma Leitner prognostiziert: „Es braucht ein, zwei Leuchtturmprojekte, damit eine gewisse Dynamik entsteht.“

Was genau ist in München geplant? Entlang des Frankfurter Rings im Norden der Stadt soll eine Seilbahn von Osten nach Westen gleich mehrere U-Bahnlinien und Trambahnen verbinden. Damit würde verhindert, dass alle Pendler erst in die Innenstadt zum Umsteigen müssen. Von der östlichen Endstation „Studentenstadt“ (U6) ginge es zur Station „Schwabing Nord“ (Tram 23) und weiter zur Station „Frankfurter Ring“ mit Anschluss an die U2. Endstation im Westen wäre das „Oberwiesenfeld“, wo die Fahrgäste in die U3 umsteigen könnten. 4,5 Kilometer in 50 Metern Höhe. „Wenn man ganz wagemutig ist, könnte man sogar überlegen, ob man die Trasse bis nach Schleißheim oder das Olympiazentrum verlängert“, sagt Aigner sogar. Kann so etwas funktionieren?

Patscherkofelbahn ist eine der modernsten Seilbahnen

Bei den Herstellern versteht man schon die Frage nicht. Fast 15.000 Seilbahnen hat das österreichische Unternehmen Doppelmayr schon gebaut. Die Patscherkofelbahn ist eine der modernsten davon, ganz klassisch den Berg hinauf. Doch Chef Michael Doppelmayr und seine 2700 Mitarbeiter haben auch schon in vielen Städten Bahnen gebaut. Kurioserweise ist Südamerika führend. Das größte zusammenhängende Seilbahn-Netz von gut 30 Kilometern gibt es in La Paz (Bolivien), in Medellin (Kolumbien) verkehren bald sieben Linien, die auf dem ÖPNV-Plan eingezeichnet sind wie andernorts die U-Bahn. Selbst in Berlin sorgt derzeit die zur Gartenschau gebaute Seilbahn für Positivschlagzeilen: Sie soll nun in das Tarifsystem des VBB aufgenommen werden. Die Bauzeit betrug übrigens nur sechs Monate.

Das Vorbild, das am ehesten für München taugt, steht allerdings in Konstanz: Dort wurde für die Bundesgartenschau 2011 eine Dreiseilumlaufbahn errichtet: Zwei Seile dienen der Befestigung der Gondel (ähnlich wie Schienen), das dritte ist das Zugseil. In die Kabinen passen 30 bis 35 Personen. Fahrpläne gehören hier der Vergangenheit an: Alle 30 Sekunden steht das nächste Fahrzeug bereit, das an der Station nicht anhält, sondern ganz langsam durchgleitet. Das Einsteigen mit Fahrrädern, Kinderwagen und Rollstühlen sei da kein Problem, versichert Günter Troy von der Firma Doppelmayr. In Koblenz erreichen die 18 Kabinen eine Förderkapazität von 3800 Personen pro Stunde. Bei der Firma Leitner bastelt man derzeit an einem Projekt für das schwedische Göteborg: Dort sollen in beide Richtungen bis zu 12 000 Fahrgäste transportiert werden – und die Wagen bleiben sogar 20 Sekunden stehen, um Behinderten das Ein- und Aussteigen zu erleichtern.

Der Teufel steckt noch im Detail

Aigner will das Projekt nun vorantreiben. Offiziell zuständig ist zwar die Stadt, aber der Freistaat könnte sich mit einem großen Anteil an den Investitionskosten im mittleren zweistelligen Millionenbereich beteiligen. Im insgesamt bislang recht blassen Kabinett des neuen Ministerpräsidenten Markus Söder, in dem der Regierungschef alles Scheinwerferlicht für sich beansprucht, könnte die neue Verkehrsministerin ihr ganz eigenes Zukunftsprojekt starten. Doch bislang steckt der Teufel noch im Detail: Klar ist, dass Seilbahnen für den Tourismus gefördert werden dürfen. Doch zwischen den Bundesländern herrscht Uneinigkeit, ob das auch für ÖPNV-Projekte gilt. Der Frankfurter Ring gilt eher nicht als Sehenswürdigkeit Münchens. Derzeit prüft das Bundesverkehrsministerium die Rechtslage. Ansonsten, so meint Aigner, müsse man eben das Gesetz ändern. „Man hat heute beeindruckend gesehen, dass Seilbahn nicht gleich Seilbahn ist.“

Lesen Sie auch: Spektakulärer Plan für 4,5-Kilometer-Seilbahn mitten durch München

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