+

Vision der Grünen in München

Eine Stadt ohne Autos?

München - Die Grünen rücken dem Auto zu Leibe: Die Radl-Partei will den Stellplatzschlüssel der Stadt nach unten drücken. Hinter dem sperrigen Vorhaben steht die Vision von einer Stadt, in der Autos weitgehend überflüssig sind.

Es liegt am Volkswagen. Der Siegeszug des deutschen Automobils führte 1939 zu einer Verordnung, die bis heute die Entwicklung von Städten beeinflusst. Die Rede ist von der „Reichsgaragenordnung“, die damals pro Wohneinheit einen Garagenplatz verlangte. Die Zeit, in der Gesetze mit dem Wort „Reich“ begannen, ist lang vorbei. Außerdem reicht heutzutage ein einfacher Stellplatz aus. Das Prinzip aber gilt noch immer.

An diesem Prinzip rütteln die Grünen schon eine ganze Weile. Gestern wurde es konkret. Mit einem ganzen Paket von Stadtrats-Anträgen wollen sie die Stellplatzsatzung flexibilisieren und verringern. Bislang schreibt die Satzung vor, dass man bei einem Neu- oder Anbau pro Wohnung einen Parkplatz bereitstellen muss. Weist der Bauherr nach, dass er keinen bauen kann, muss er pro Platz eine Ablöse zwischen 5600 und 12 500 Euro zahlen.

Geht es nach den Grünen, sind bald weniger Parkplätze Pflicht. Beim geförderten Wohnungsbau wollen sie den Schlüssel auf 0,5 Stellplätze verringern. Genossenschaften sollen künftig nur noch 0,7 Parkplätze bauen müssen. Beim freifinanzierten Wohnungsbau soll der Schlüssel innerhalb des Altstadtrings auf 0,4, bis zum Mittleren Ring auf 0,6 und außerhalb des Rings auf 0,8 herabgesetzt werden.

Die Idee, am Schlüssel zu schrauben, geistert schon länger durchs Rathaus. Laut OB Christian Ude klagen die Wohnungsbaugesellschaften immer wieder über teure, leerstehende Tiefgaragen. Besonders paradox sei die Situation, wenn die Kosten für eine halbleere Garage von autolosen Sozialmietern mitgetragen werden, kritisieren die Grünen. Die Stellplatzsatzung sei eine versteckte Subventionierung des Straßenverkehrs auf Kosten der Mieter - und ein Hemmschuh für den Wohnungsbau. Auch aus der SPD gibt es längst Signale, sich von dem starren System loszusagen.

Die Grünen wollen neue Anreize schaffen, freiwillig auf das Auto zu verzichten. Für den Preis von einem neuen Parkplatz könnte man 40 Jahre lang mit der „IsarCard 9 Uhr“ quer durch die Stadt fahren, rechnet Grünen-Stadtrat Paul Bickelbacher vor. Bereits heute würden 30 Prozent der Münchner kein Auto besitzen. Innerhalb des Mittleren Rings seien rund die Hälfte autolos. Diese Quote wollen die Grünen auf über 70 Prozent steigern - und den Stellplatzschlüssel langfristig auf 0,3 drücken. Dieses ambitionierte Ziel ist - wenn überhaupt - nur dann erreichbar, wenn man den Autofahrern das Umsteigen schmackhaft macht. Die Grünen setzen vor allem auf Fahrrad-Leihsysteme an Bahnhöfen und Haltestellen, an denen die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) auch tatsächlich tüftelt. Die Vision geht aber deutlich weiter.

Die Grünen wünschen sich in unmittelbarer Nähe zu wichtigen Haltestellen „Mobilitätsstationen“, an denen nicht nur Räder, sondern auch Autos zum Verleih angeboten werden. Zwar gibt es längst Carsharing-Modelle in der Stadt, aber nicht unbedingt an Haltestellen und auch nicht aus einer Hand. Idealerweise sollen alle Angebote - vom U-Bahn-Ticket über das Radl bis zum Auto - zentral buchbar sein. Eine Anmeldung bei nur einem Unternehmen soll alles bündeln, so die Idee.

Auch wenn es die Grünen nicht in ihre Anträge hineingeschrieben haben - es ist naheliegend, dass die Fäden bei der MVG zusammenlaufen müssten. Ein eigenes Carsharing-Angebot sei zwar nicht geplant, sagt die Verkehrsgesellschaft. Allerdings kooperiert die MVG bereits seit einigen Jahren mit Carsharing-Anbietern. So haben beispielsweise Kunden von „Stattauto“ günstigere Konditionen, wenn sie ein IsarCard-Abo vorlegen.

Grünen-Stadtrat Bickelbacher kann sich gut vorstellen, dass weitere Autoverleiher in das Geschäft einsteigen. „Die können gern mitmachen“, betont er. Entscheidend sei, den organisatorischen Aufwand für den Kunden so gering wie möglich zu halten. Ob der Stadtrat noch vor der Wahl im März über die Pläne entscheiden wird, „das weiß ich nicht“. Die Änderung der Satzung sei ein „Prozess, der mindestens ein Jahr dauert“. Bei der Vision von den Mobilitätsstationen könnte es noch deutlich länger dauern.

Thomas Schmidt

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Münchens schönste Stufen zum Ausruhen und Umherschauen
München - München-Touristen googeln Adressen der schönsten Parks und Plätze. Dabei lässt sich unsere Stadt herrlich stufenweise erkunden. Das sind die am besten …
Münchens schönste Stufen zum Ausruhen und Umherschauen
Münchner Plätze: Jetzt kommen die Sommerblumen
Der Einzug der Sommerblumen in die Stadt ist, auch wenn es das Wetter lange nicht vermuten ließ, nicht mehr aufzuhalten. Die Gartenbauer des Baureferats sind bestens …
Münchner Plätze: Jetzt kommen die Sommerblumen
Wetten, dass Sie diese Münchner Fahrpläne noch nicht kennen?
München - Das Verkehrsnetz der MVG kennt fast jeder. Andere spannende Fahrpläne, die Sie zu besonderen Orten in München bringen, haben Sie aber bestimmt noch nie gesehen …
Wetten, dass Sie diese Münchner Fahrpläne noch nicht kennen?
Betrug mit Edel-Jacken: 22-Jährige verurteilt
Sie hatte teure Jacken im Internet zum Verkauf angeboten, aber eigentlich nie welche besessen. Als ihre Opfer nachhakten wurden sie beschimpft. Das Gericht attestierte …
Betrug mit Edel-Jacken: 22-Jährige verurteilt

Kommentare