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Auf der Suche nach dem Dialekt der Jugend

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Der Dialekt stirbt aus, zumindest in den Städten. Hier erklärt ein Experte, wie die Jugend die baierische Sprache doch noch erhalten kann - und warum das so wichtig ist.

Die Butter, der Butter. Klar, dass das die Butter ist. Das weiß doch jeder. Auch Horst Münzinger weiß das. Der Vorsitzende im Förderverein der Bairischen Sprache. Trotzdem sagt er der Butter. Der Münchner spricht bairisch und er hätte gerne, dass noch mehr Menschen sprechen wie er. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Wachsen Kinder heute noch mit Dialekt auf und wenn ja, behalten sie ihn bei? Unsere Autorin hat an drei Orten das Ohr angelegt. Und Münzinger erklärt, warum das, was sie hört, ganz normal ist.

Dialekt ist out. Zumindest in München

Das Wasser rauscht. Kinder kreischen. Neben ein paar Jugendlichen dröhnt Musik aus einer Box. Ein ganz normaler Sommertag an der Isar in München. Am Flaucher trifft sich Jung und Alt, Münchner und Nicht-Münchner. Der Kies knirscht. Kathi (17), Sarah (19) und Samira (19) sind auf der Suche nach ein paar Freunden.

Samira (v.l.), Kathi und Sarah sind echte Stadt-Mädels.

Die drei sind echte Münchner-Stadtmädels. Man hört gleich, dass sie keinen erkennbaren Dialekt sprechen. Sarah sagt: „Hier in München spricht jeder Hochdeutsch.“ Das finden die drei auch viel besser. Kathi lacht. Richtigen Dialekt, so wie in Miesbach oder Bad Tölz, verstehen sie gar nicht.

Sarah schon. Sie geht in Holzkirchen zur Schule. Da sprechen einige Klassenkameraden richtig bairisch. „Das klingt witzig. Wir machen das manchmal nach“, sagt die 19-Jährige. Samira spricht ab und zu selbst Dialekt. „Aber nur, wenn ich bei meiner Oma in Passau bin.“ Aufgewachsen ist sie in München, ohne Dialekt. Die drei Schülerinnen sind sich einig: Dialekt ist out. Zumindest in einer Stadt wie München.

Das sagt Horst Münzinger: „Zumindest diejenigen, die in München wohnen und dort aufgewachsen sind, lassen gar keine Sprachfärbung erkennen. Bei Jugendlichen, die frisch nach München gezogen sind, hört man den Dialekt zu Beginn schon noch. Nach wenigen Monaten wird der dann aber in der Regel durch Standarddeutsch ersetzt. Es ist interessant, wie sich Jugendliche über Äußerlichkeiten zur Tradition bekennen. Beispielsweise indem sie Tracht tragen. Eigentlich gehört der Dialekt auch dazu, aber die meisten können ihn nicht. Leider ist es dann so, dass viele sich darüber lustig machen oder den Dialekt imitieren. Mir zeigt das aber, dass sie es interessant finden und ihr eigenes Nicht-Können dahinter verstecken. Mein Appell an die Dialektsprecher in München: Selbstbewusst dran bleiben!“

„Wer einen Dialekt hat, sollte ihn auch behalten“

Auf der Bühne testet Fräulein Brecheisen den Sound. Auf der Wiese sitzen unzählige Festival-Besucher. Auch Julia (20) und Lenni (22) wollen sich beim Modular die Underground Band aus Augsburg anhören. Beide studieren in der Stadt, von dort sind sie aber nicht. „Wenn ich länger hier bin, spreche ich kaum noch Dialekt“, sagt Julia, kurze Locken, Festival-Farbe im Gesicht, Germanistikstudentin. Sie kommt aus Amberg in der Oberpfalz. Daheim würde jeder Dialekt sprechen. In Augsburg weniger. „Das typische -sch- hört man bei den meisten aber schon.“

Julia und Lenni sind fürs Studium nach Augsburg gezogen.

Lenni grinst. „Mein schwäbisches Temperament kann ich nicht unterdrücken.“ Lenni kommt aus der Nähe von Stuttgart. Er schwäbelt ziemlich. Dialekt findet der Student gut, schließlich hat er ja auch einen. „Wenn ich merke, dass mich keiner versteht, rede ich aber schon Hochdeutsch.“ Oder er schwätzt, wie der Schwabe sagen würde. Auch Julia findet, dass jeder ordentlich Hochdeutsch können muss. „Wer aber einen Dialekt hat, der sollte den auch behalten.“

Das sagt Horst Münzinger: „Einen Dialekt, den man als Kind gelernt hat, verliert man nicht. Das ist im Sprachbewusstsein fest verankert. Trifft man aber auf einem Campus wie der Uni mit Jugendlichen aus anderen Regionen zusammen, sucht man eine gemeinsame Sprachebene. Die Jugendlichen passen sich an und gehen sprachlich auf eine höhere Stufe, um verstanden zu werden. Heutzutage hat damit auch keiner ein Problem. Mit sechs Jahren lernen die Kinder in der Schule Standarddeutsch und können sich so überall anpassen. Früher war das schon noch anders.“

„In München gibt es sogar Bairisch-Kurse“

Drei Schläge hat der Zweite Bürgermeister gebraucht, um beim Miesbacher Volksfest das Bierfass anzuzapfen. Während drin im Zelt die Blaskapelle spielt, stehen Lukas (14), Nicko (13) und Fabi (13) am Autoscooter. Die drei Burschen aus Fischbachau tragen Tracht. Nur den Hut haben sie bei der Hitze daheim gelassen. Die Frage nach dem Dialekt braucht man den Dreien gar nicht zu stellen. Ihr Bairisch hört man schon von Weitem. „Do red jeda boarisch! Fia uns is des noamal“, sagt Fabi.

Volksfest ohne Tracht geht bei Lukas (v.l.), Nicko und Fabi gar nicht.

Der Dialekt hat besonders im Landkreis Miesbach einen hohen Stellenwert. Ob hier wohl je Hochdeutsch gesprochen wird? Lukas grinst. „Mei, des kimmt immer ganz drauf o, mit wem ma grod redt.“ In der Schule würden sie sich schon anstrengen und nicht zu stark Dialekt sprechen. „De meistn Lehrer verstenga des hoid ned.“ Ein Problem haben die drei nicht damit, wenn jemand von außerhalb ist und kein Bairisch spricht. Nur wenn ihnen einer blöd kommt, dann kriegt er das zu hören. Auf Bairisch natürlich. Lukas verschränkt die Arme. „Zu dem song ma dann: ,Du bleda Saupreiß!“ Das versteht jeder. Auch der, der gar kein Bairisch kann.

Das sagt Horst Münzinger: „Neben Miesbach gehört auch der Lenggrieser Raum zu den Gegenden, in denen noch viel Dialekt gesprochen wird. Allgemein im Oberland, aber auch in Niederbayern hört man das oft – auch bei Jugendlichen. In Orten wie Garmisch-Partenkirchen wird es schon wieder weniger, da hier viele dazu gezogen sind. Mir fällt auf, dass eine Generation heranwächst, die den Dialekt interessant findet und fördert. Das trifft auch auf die Lehrer zu. In der Schule hat der Dialekt wieder einen höheren Stellenwert. In München beispielsweise gibt es so etwas wie „Bairisch-Kurse“. Und was die Schimpfwörter angeht: Da haben wir im Bairischen sicher nicht mehr als in anderen Dialekten. Das ist nur ein Klischee.“

Die Autorin ist schon zwei Jahre in Miesbach. Dennoch versteht sie als „Augschburgerin“ nicht immer alles.

Nina Probst, 26, Volontärin beim Miesbacher Merkur

Alter, die Jugend! Eine Volontärs-Beilage

Dieser Text ist Teil der Beilage Alter, die Jugend!“. Die Volontäre von Münchner Merkur, tz und Merkur.de haben sich auf die Suche nach Geschichten gemacht, die das Verhältnis der jungen Leute zum Alter und anders herum erzählen. Hier geht es zum Überblick über alle Artikel.

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