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Rekord-Region: München und das Umland wachsen immer weiter. Das muss aufhören, findet der Autor dieses Gastbeitrags.

Gastbeitrag von Prof. Dr. Holger Magel

Wachstum in München: „Haltet inne und macht langsam“

München – In München darf es kein grenzenloses Wachstum geben, findet Holger Magel, Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum. In seinem Gastbeitrag fordert er, nicht nur an Finanzströme und Arbeitsplätze zu denken.

Verfolgt man die Äußerungen zum Wachstum des Münchner Großraums fällt auf: Auf der einen Seite wird dem verblüfften Bürger erklärt, dass München noch viel mehr Zuwanderer und Fachkräfte vertragen könne und man diese zur Aufrechterhaltung des Wohlstands einfach brauche und im Übrigen doch ohnehin nichts dagegen tun könne, weil München quasi als Naturgesetz ständig wachse. Auf der anderen Seite wird offenbar, wie sehr die negativen Folgen des Wachstums immer mehr angestammte Bürger bedrücken und in ihrem Lebens- und München-Gefühl beeinträchtigen.

Prof. Dr. Holger Magel

Wohlstand ja, aber noch Wohlfühlen nein! Wann mag München endlich einsehen, dass es kein grenzenloses Wachstum gibt, ohne die Einmaligkeit, Lebensqualität und sanften Standortfaktoren der Region zu zerstören? Wann gilt auch hier die Einsicht von Joachim Gauck „Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt“? München kann und soll doch nicht alle Firmen und nachströmenden Fachkräfte dieser Welt aufnehmen. München liegt doch längst an der Wohlstandsspitze in Deutschland! Genügt das nicht?
 
Weiß der Münchner Planungsverband eigentlich, welch fatales Signal er aussendet an alle Jugendlichen und Berufsanfänger in den ländlichen Räumen, wenn er munter behauptet, es sei noch Platz für weitere hunderttausende Zuzügler? Wäre es nicht viel richtiger zu signalisieren, bleibt möglichst in eurer Heimat?
 
Prioritär sind Konzepte und Maßnahmen zur Entwicklung der ländlichen Räume. Digitalisierung, neue Mobilitätskonzepte, zukunftsfähige Infrastruktur, interkommunale Zusammenarbeit, Stadt- und Dorfentwicklung. Und mittelständische Unternehmen müssen dort für attraktive Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen sorgen und damit für die dringend gebotene Entlastung des überhitzten Münchner Großraums. An einem kommt der Münchner Raum einfach nicht vorbei, auch wenn das ungläubiges Staunen und Kopfschütteln auslöst: So wie viele periphere Gemeinden sich gegenwärtig mit Schrumpfungsstrategien befassen müssen, wäre es für München endlich an der Zeit, innezuhalten und sich mit Strategien des Maßhaltens und eines nur noch qualitativen und interkommunal abgestimmten statt quantitativen und wenig gelenkten Wachstums zu beschäftigen. Organisches Wachstum ist im Ballungsraum längst nicht mehr gegeben. Das sieht jeder, der mit offenen Augen durch Stadt und Umland fährt.

Ein Wandel in den Köpfen der Kommunalpolitik und Wirtschaftstreibenden ist dringend nötig – und eine Abkehr von reinem Denken in Finanzströmen und Arbeitsplätzen. Geld kann man nicht essen: Zum Leben gehört mehr. Bürger, die deshalb protestieren, sind nicht von vorneherein Querulanten, sondern sind ernst zu nehmen als kompetente Partner in unserem Kräftespiel der Demokratie. So wie es aussieht, wird Münchens Kommunalpolitik selbst nicht zur Umkehr des aussichtslosen Rennens zwischen Zuzug und Wohnungsneubedarf fähig sein. Den Deckel vom siedenden Topf nehmen und die Entwicklung steuern muss eine höhere Ebene, nämlich die Landesentwicklung, wie es Ministerpräsident Horst Seehofer schon vor Jahren angemahnt hat. Passiert ist bisher nichts. Im Entwurf zum neuen Landesentwicklungsprogramm (LEP) fehlen Aussagen zu diesem Problem, das ja wie gezeigt zugleich ein Problem der ländlichen Räume und der angestrebten Balance im Lande ist. Mit der Ausweisung als Metropole im LEP ist es nicht getan. Die Kommunalpolitik darf hier nicht alleine gelassen werden. Deshalb die Bitte: Verehrter Landesentwicklungsminister Markus Söder, handeln Sie!

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Holger Magel
Der Autor ist Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum.

Serie: Die Grenzen des Wachstums

Sind die Grenzen des Wachstums in München und Umgebung erreicht? In einer Serie beleuchten wir, was der ewige Boom mit unserer Heimat macht. Hier finden Sie acht Fakten, warum München immer größer, reicher und teurer wird. Hier lesen Sie, warum sich Pliening gegen das Wachstum wehrt, und hier, warum die Turbogemeinde Unterföhring immer noch ein gemütliches Dorf sein will.

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