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Warum besingt der Weiß Ferdl die Linie 8?

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Das erste Foto der Linie 8 stammt aus den Fünfziger Jahren. Hier fährt sie über den Lenbachplatz. fkn/MVG

München - Über eine totale Chaosfahrt mit der Trambahnlinie Nr. 8 singt Weiß Ferdl in seinem berühmten Lied „Ein Wagen von der Linie acht“. Wie aber kam der beliebte Volkssänger auf diese Idee?

Die Münchner Tram hat sich in den ersten Jahren rasant entwickelt: Auf die von Pferden gezogenen „Münchner Tramway“ anno 1876 folgt die acht Stundenkilometer schnelle Dampfstraßenbahn, die 1883 in Betrieb geht. Schließlich fährt ab 1895 die „Elektrische“.

Feste Liniennummern gibt es erst ab 1906. Eine der damals elf festgelegten Linien ist zunächst als Pendelzubringer im Bereich der Äußeren Schleißheimer Straße zwischen Georgenstraße und Riesenfeld vorgesehen: die Nummer acht. Ausgerechnet sie gelangt später zu großer Berühmtheit. Mit seinem Gesangsvortrag „Ein Wagen von der Linie acht“ setzt ihr der Weiß Ferdl, ein begnadeter bayerischer Volkssänger und Schauspieler, ein Denkmal.

Warum ausgerechnet dieser Tram? Ist sie die erste, die nach dem Krieg wieder in Betrieb geht? Überwindet sie seinerzeit die längste Strecke? Oder klingt die gesungene acht melodischer als die sieben?

Mit der Zahl an sich hat die Auswahl nichts zu tun. In Bauart, Fahrgeschwindigkeit und Routenlänge setzt sich die Straßenbahnlinie acht, wie sie zu Weiß Ferdls Zeit durch München verkehrt, kaum von den anderen ab. Weil der Komiker mit seinem besonderen Gespür für politische und gesellschaftliche Stimmungen aus Sicht der einfachen Leute seinen Mitmenschen immer genau auf den Mund schaut, lässt er auch in seinen Gesangsvortrag Mitte der 40er Jahre Beobachtungen einfließen. Und zwar Beobachtungen, die er auf seiner eigenen Stammstrecke macht. Der Weiß Ferdl, ein gebürtiger Altöttinger, wohnt lange Zeit in Solln und steigt regelmäßig an der Boschetsriederstraße in die weiß-blaue Linie acht und tingelt in die Stadt.

Mit kleineren Änderungen und kriegsbedingten Unterbrechungen verkehrt diese Straßenbahn ab 1935 im Bereich zwischen dem Schwabinger Kurfürstenplatz und der Hofmannstraße in Sendling. In den 60er Jahren wird sie zu einer der wichtigsten Linien: Sie verbindet die neuen Siedlungen Hasenbergl und Fürstenried mit der Innenstadt - und das im Drei-Minuten-Takt! In den Jahren 1965/66 sind allein auf der 8er-Linie 46 Wagen im Einsatz, heute verkehren im ganzen Münchner Streckennetz insgesamt maximal 80 Fahrzeuge.

Dass seine satirische Gesangseinlage noch im 21. Jahrhundert als Hymne, ja sogar als Liebeserklärung an die Tram aufgefasst wird, hätte sich der 1949 verstorbene Humorist wohl nicht träumen lassen. Schließlich schildert der Weiß Ferdl in seinem Stück eine Chaos-Fahrt: Es rumpelt und scheppert, der Schaffner raunzt die Fahrgäste unfreundlich an und lässt nicht jeden zusteigen, Leute beschimpfen sich im Gedränge gegenseitig, und eine begriffsstutzige Rentnerin muss mit dem Nordfriedhof vorlieb nehmen, weil sie am Stachus ihren Umstieg in die Tram zum Max-Weber-Platz versäumt hat . . .

Die letzte Tram mit der Nummer acht rollt am 22. November 1975 aufs Abstellgleis. Die Linie wird mit dem U-Bahn-Bau zwischen Goetheplatz und Harras eingestellt. Unter Einheimischen und Auswärtigen ist sie längst zum verklärten Sinnbild einer vergangenen Epoche geworden. Die MVG betitelt ihr Magazin „Linie 8“, Oktoberfesthändler bieten im Trambahn-Standl „Süße Linie 8“ Schokofrüchte, Mandeln und Lebkuchen an - und das mehr als 60 Jahre alte Tondokument vereint auch unter Internet-Nutzern eingefleischte München-Fans.

Corinna Erhard

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