Stadtrats-Reise

Warum der Stadtrat Business fliegt

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München - Bisher flog man meist so günstig wie möglich – jetzt bucht das Rathaus einen Business-Class-Flug für zehn Stadträte nach Simbabwe. Mehrkosten: offenbar mehrere 10 000 Euro. Warum der Stadtrat das für angemessen hält.

Die Stadt-Politik reiste gern und viel in den rot-grünen Jahren. Es gehörte zum Selbstverständnis im Münchner Rathaus, nicht nur eine Stadtverwaltung zu leiten, sondern internationale Kontakte zu pflegen und Entwicklungshilfe zu leisten. Sich selbst aber gönnte die Stadt-Politik auf Reisen nicht allzuviel: Dem Vernehmen nach buchte das Rathaus fast immer Flüge in der herkömmlichen Economy Class, auch auf weiten Strecken. 

Zumindest bis jetzt. Denn gestern beschloss der Stadtrat einmütig eine Reise in die Partnerstadt Harare, Simbabwe. Gut 14 Stunden dauert die Reise dorthin mit Umsteigen in Johannisburg. In der Stadtrats-Vorlage ist noch die Rede von 14 000 Euro Gesamtkosten. Gestern aber nannte Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) einen Wert von mehr als 56 000 Euro.

Grund für die Kostenexplosion laut Strobl vor allem die Tatsache, dass sich die Politiker entschlossen hätten, Business Class zu fliegen. Das sei bei so einer langen Reise ja durchaus üblich, sagte Strobl. Bisher aber war es das nicht, wie auch die Stadtverwaltung auf Nachfrage einräumt. „Üblich ist bei Dienstreisen der Landeshauptstadt München die Buchung der Economy Class, bei Langstrecken-Flügen gibt es jedoch vereinzelt auch Ausnahmen, etwa Flüge in die Partnerstadt Cincinnati“, sagte ein Sprecher. Grundsätzlich sei für Auslandsreisen aber eine Erstattung auch noch für Business-Flüge möglich. So ist die Regel auch bei Reisen für Beamte von Ministerien des Freistaats. Dort wird ins Ausland grundsätzlich Business geflogen, absolute Spitzenbeamte (ab B 9) können sogar in die noch komfortablere First Class ausweichen. Im Rathaus war man in der Vergangenheit also offenbar vergleichsweise bescheiden, nutzte die Möglichkeiten nicht aus. Dort reagierten gestern viele dünnhäutig auf Nachfragen zum Thema. Die erhöhten Flugkosten seien nur zum Teil für die Kostenexplosion verantwortlich, hieß es. Statt ursprünglich sechs Mandatsträgern würden nun zehn nach Afrika fliegen. Auch seien die Hotelkosten gestiegen. Der Grünen-Stadtrat Hep Monatzeder, als Bürgermeister jahrelang oft in der Economy unterwegs, wird mit nach Harare fliegen. „Ich verstehe voll und ganz, dass wir Business fliegen“, sagte er gestern unserer Zeitung. „Das ist richtig und verhältnismäßig.“ Bei solch langen Flügen sei es auch wichtig, dass man schlafen könne. „Wenn wir solche Städtepartnerschaften wollen“, sagte Monatzeder, „müssen wir eben auch mit entsprechenden Flugkosten rechnen.“ Business kostet ein Mehrfaches der Economy Class. Reisende dürfen gesondert einchecken, haben mehr Platz zum Sitzen, können den Sitz zur Liege umfunktionieren, erhalten bessere Verköstigung und mehr Service. Monatzeder verwies auf den dichten Terminplan der Reise vom 26. bis zum 31. Oktober. Man helfe bei der Einführung der IT in der städtischen Verwaltung, was wichtig für die Korruptions-Bekämpfung sei, unterstütze Straßenkinder-Projekte und gesellschaftliches Engagement, er selbst werde einen Vortrag über städtische Finanzen halten. Der Austausch der Kommunalpolitiker gehört seit Beginn der Städtepartnerschaft 2009 zum Programm. Schon mehrmals reisten auch afrikanische Politiker nach München, um aus der Arbeit im Rathaus zu lernen.

Bei der anstehenden Reise soll jetzt die Partnerschaft offiziell verlängert werden. Bürgermeisterin Strobl hatte auch unterstrichen, dass die deutsche Botschaft in Simbabwe die Städtepartnerschaft für wichtig halte. Im Rathaus hat man so offenbar Politiker aller Fraktionen überzeugt. Sogar der stets kritische FDP-Mann Michael Mattar erklärte auf Nachfrage, solche Reisen seien ja „sehr anstrengend“. „Das ist weiß Gott keine Vergnügungsreise.“ Gut möglich, dass die Münchner Stadt-Politiker künftig häufiger in der Business Class abheben.

Von Felix Müller und Klaus Vick

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