Tarifstreit der Erzieher

Wegen Kita-Streiks: Mutter verliert ihren Job

  • Christine Ulrich
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München - Der Kita-Streik geht unbefristet weiter. Unter den Eltern rumort es, sie starten Protestaktionen. Befeuert wird ihre Wut und Sorge auch durch Geschichten wie diese: Nadine-Bianca D., alleinerziehende Mutter aus München, hat wegen des Streiks ihre Stelle verloren.

Nadine-Bianca D. weiß nicht mehr, was sie denken soll. Eigentlich, so sagt sie, habe sie Verständnis für die Erzieher, die ihre Arbeit besser entlohnt wissen möchten. Schließlich trügen sie die Verantwortung für „das Wichtigste, was wir alle haben – unsere Kinder“. Aber nun hat D., 28 Jahre alt, aus München, wegen des Streiks ihre eigene Arbeit verloren. Am Dienstag lag die Kündigung im Briefkasten. D. hat einen Brief an den OB geschrieben.

„Sehr geehrter Herr Reiter“, wendet sie sich an den Oberbürgermeister und erzählt ihm ihre Geschichte. Mutter einer dreijährigen Tochter, alleinerziehend, Hotelfachfrau. Es sei sehr schwer gewesen, nach der Elternzeit beruflich wieder Fuß zu fassen. Zwar lernte sie in einem Vier-Sterne-Hotel und arbeitete danach zwei Jahre lang in einem Fünf-Sterne-Hotel in der Schweiz. Und eigentlich sucht die Branche ja händeringend nach Fachkräften. Doch die Arbeitszeiten – nachts, am Wochenende, viele Überstunden – vertragen sich kaum mit dem Elterndasein.

Im Januar fand sie endlich eine Stelle: bei einer renommierten Hotelkette in Garching. Sie bekam einen 39-Stunden-Vertrag, und mündlich wurden ihr akzeptable Arbeitszeiten zugesichert: montags bis freitags von 7.45 bis 16.15 Uhr – das war okay, weil sie genau jemanden für diesen „Zwischendienst“ suchten.

So konnte D. ihre Tochter von 7 bis 17 Uhr in eine städtische Kita bringen und dann die „Staustrecke A99“ gerade eben schaffen. „Das war so ein Lichtblick“, sagt sie am Telefon. „Endlich konnte ich wieder für mein Kind aufkommen, ohne zum Amt zu rennen.“ Nach dem Elterngeld-Jahr hatte sie von Arbeitslosengeld gelebt, weil sie keinen Job fand.

Doch kaum hatte sie ihre neue Stelle angetreten, kam Mitte März der erste Kita-Warnstreik. Es folgten zwei weitere Warnstreik-Tage, und am 11. Mai begann der unbefristete Erzwingungsstreik. Oma und Opa fielen als Ersatz aus, weil sie selbst arbeiten. Ihre Tochter zählt noch als Krippenkind und darf nicht in die Notfallbetreuung. Einen Babysitter kann sich D. nicht leisten. Also holte sie die ausgefallenen Arbeitstage samstags und sonntags nach, ihre Tochter blieb bei einer Freundin.

Doch als am 18. Mai die zweite Streikwoche begann, klappte D. zusammen: Magenschmerzen, Kreislaufprobleme, sie ging zum Arzt. Am Dienstag hatte sie die Kündigung im Briefkasten. Frist: vier Wochen.

„Einen Grund haben sie nicht genannt“, sagt die 28-Jährige. Dabei sei ihre Probezeit seit Ende April vorbei, und beim Schlussgespräch danach sei auch alles in Ordnung gewesen. Doch kurz darauf habe ihre Chefin angefangen, an ihren Arbeitszeiten herumzumäkeln, obwohl die von Anfang an so vereinbart waren. „Die denken, ich mache blau“, sagt D.. „Dabei bin ich wirklich krank.“

Ihr Brief an den OB ist ein Hilfeschrei, und ihr Verständnis ist der Verzweiflung gewichen. „Finden Sie es denn fair, dass andere für diesen Streik ihre Existenz verlieren?“, schreibt sie. Sie wisse nicht, wie es weitergehen soll. Und auch nicht, wie sie die Wochen bis Mitte Juni hinkriegen soll: Sie würde ihrem Arbeitgeber gern nochmal die Stirn bieten – aber wo soll sie in der Zeit ihr Kind unterbringen?

Eine Freundin D.s hat den Brief auf Facebook gepostet. In den Kommentaren dazu machen andere Eltern ihrer Wut auf die Tarifparteien und ihrer Sorge, dass ihnen das Gleiche passieren könnte, ordentlich Luft. Währenddessen hofft die 28-jährige Mutter, einen neuen Job zu finden.

Christine Ulrich

Für Merkur.de beschreibt eine Münchner Mutter, wie sehr sie von der Kita-Platz-Suche für ihren kleinen Sohn erschöpft ist. Lesen Sie außerdem auf Merkur.de über das Start-up "Mama Feuerwehr" von Anja Simon. Die Egmatingerin verspricht wegen des Kita-Streiks verzweifelten Eltern allerspätestens zwei Stunden nach dem Anruf eine Ersatz-Mama  zu schicken.    

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