Der weite Weg nach Trudering

- Abgeschleppte Falschparker müssen zur Verwahrstelle

VON FLORIAN ERNST "Entschuldigung, wo ist die Thomas-Hauser-Straße?" Auf diese Frage reagieren viele Truderinger gleich: Sie antworten mit einer Gegenfrage. Der Taxi-Fahrer am Bahnhof etwa blickt von seiner Zeitung auf, mustert den Fragenden und entgegnet: "Ist ihr Auto abgeschleppt worden?"

Fast immer: Ja. Denn an dieser Straße, die bahngleisnahes Brachland streift, haben Ortsunkundige sonst nichts verloren. Außer eben ihren Wagen, den ein Abschleppdienst auf Anweisung der Polizei zur Hausnummer 19 geschafft hat. "KFZ-Verwahrstelle" steht auf einem Schild vor dem Zweckbau.

Hinter einer Schranke, auf einem mit Stacheldraht gesicherten Parkplatz stehen mehrere Hundert Fahrzeuge. Die meisten wurden von ihren Besitzern zuletzt auf einem Behindertenparkplatz oder vor einer Feuerwehreinfahrt gesehen.

"Ein bis zweimal im Monat kriegen wir was Größeres", sagt Werner Bornkessel. Er meint einen Reisebus oder einen Lastwagen. Um Bus, Brummi oder BMW zurückzubekommen, müssen die Falschparker den weiten Weg ins Truderinger Niemandsland zurücklegen. Rund um die Uhr werden sie dort von Bornkessel, dem stellvertretenden Leiter der Verwahrstelle, oder einem Kollegen in eine der zwei Glas-Kabinen gerufen. Durch eine Öffnung in der Scheibe wird die Rückgabe abgewickelt, was nicht immer reibungslos abläuft.

"In jeder Schicht gibt es zwei, drei Problemfälle", berichtet Bornkessel. "Die debattieren ewig, dass es kein Halteverbotsschild gab, oder sie versprechen, das Geld morgen vorbeizubringen." Aber: Wer nicht blecht, fährt nicht. Die Verkehrssünder müssen das Abschleppen in bar oder mit EC-Karte vor Ort bezahlen, sagt das bayerische Kostengesetz. Einigen entfährt dabei schon mal ein "Raubritter". Manche schnauben Schlimmeres.

"Das war ein teurer Wiesnbesuch."

Renate H. gehört nicht zu den Querulanten. Die 180 Euro zahlt die 36-jährige Münchnerin widerspruchslos. Am mittleren Wiesn-Samstag hatte sie mit ihrem Mercedes am Goetheplatz einen Rettungsweg blockiert - und wurde abgeschleppt. "Ein teurer Wiesnbesuch", stöhnt sie, als sie den Kombi wieder abholt.

Wie ihr ergeht es zur Wiesnzeit vielen. Fast 200 falsch geparkte Fahrzeuge haben die Abschlepper allein am vorigen Wiesnsamstag nach Trudering verfrachtet - Jahresrekord. Normal sind 30 bis 40 pro Tag. Und auch an anderen Wiesntagen biegen regelmäßig Abschlepper von der Theresienwiese kommend bei der Verwahrstelle ein.

Um nicht unter der Oktoberfest-Blechlawine zu ersticken, wird zur Wiesnzeit das Personal aufgestockt. Statt drei Mitarbeitern sind bis zu sechs im Dienst. Und alle können italienisch. Ein paar Brocken zumindest haben sie gelernt: "Patente, per favor!" ("Den Führerschein, bitte"). "Damit man am Italiener-Wochenende nicht ganz hilflos dasteht", erklärt Bornkessel.

Ein wenig kämpferisch blickt er den letzten Wiesn-Tagen entgegen. "Wir sind seelisch und moralisch auf den Ansturm vorbereitet." Wenn Sonntagnacht in den Bierzelten das Licht angeht, wird auch einige Kilometer weiter östlich aufgeatmet. Im Niemandsland geht dann alles wieder den gewohnten Gang.

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